Israel, Teil 1

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Naher Osten mit europäischen Wurzeln

Von Michael J.M. Lang

Thema verpasst?

Die Märkte des Nahen Ostens liegen vor unserer Haustüre. Dennoch scheuen sich viele kleine und mittlere Unternehmen, in diese Märkte zu expandieren. Vom Islam dominierte Kulturen, schwer einschätzbare Instabilitäten und eine latente Kriegsgefahr schrecken ab. Zu Recht? Zumindest Israel bietet interessante Einstiegsbedingungen in diese Region: Auslandsneulinge finden ein halbwegs gewohntes Terrain mit westlichen Gepflogenheiten vor, auslandserfahrene Unternehmen können von der Dynamik des israelischen Marktes profitieren.

Auf Anhieb mag es widersinnig klingen, ausgerechnet Israel als Einstieg in den Nahen Osten zu empfehlen, suggerieren die täglichen Nachrichten doch das Bild eines von allen Seiten bedrohten Landes und in letzter Zeit sogar eines bevorstehenden Krieges. Aber nüchtern betrachtet war und ist die Kriegsgefahr in Israel bis auf wenige Entspannungsphasen seit Jahrzehnten allgegenwärtig. Hinzu kommt: Sollte tatsächlich ein Krieg ausbrechen, wird er die gesamte Region erfassen. Wer dieses Risiko ausschließen will, muss den Nahen Osten als Ganzes meiden.

Für alle anderen gilt: Unter den Märkten des Nahen Ostens ist der israelische für deutsche Unternehmen der komfortabelste. Das gilt für Exporteure ebenso wie für Importeure und Unternehmen, die Partner für Forschungs- und Entwicklungsprojekte suchen. Sogar die Gründung von Niederlassungen ist einfacher als in der restlichen Region.

Wie stabil ist der Staat Israel?

Wie der „Arabische Frühling“ gezeigt hat, geht derzeit die größere wirtschaftliche Gefahr in der Region nicht von den außenpolitischen Konflikten, sondern den innenpolitischen und sozialen Verwerfungen aus. Das gilt auch für Israel: Potenzielle Unruhefaktoren sind zum einen eine sich öffnende soziale Schere und zum anderen eine religiöse Radikalisierung der orthodoxen Juden. Hinzu kommt eine starke parteipolitische Fragmentierung innerhalb des Parlaments mit häufig wechselnden und fragilen Regierungsbündnissen. All das bedroht die wirtschaftliche Stabilität Israels jedoch weitaus weniger als die Konflikte der Nachbarstaaten deren Stabilität. Außerdem werden die Konflikte Israels im Rahmen einer funktionierenden Demokratie mit einer berechenbaren und de facto korruptionsfreien Justiz ausgetragen.

Der internationale Kreditversicherer Coface, der regelmäßig die weltweiten Länderrisiken analysiert, sieht dennoch die geopolitische Lage Israels und die innenpolitische Zersplitterung als wichtige Risikofaktoren.

Serie: Israel

  • Teil 1 beginnt mit dem kulturellen Hintergrund und findet gute Rahmenbedingungen vor.
  • Teil 2 geht im Einzelnen durch, was auslandsinteressierte Unternehmer wissen müssen: von A wie Arbeitsmarkt bis Z wie Zahlungsmoral.
  • Teil 3 verzeichnet alles, was nach dem Business noch wichtig ist, nennt Adressen und gibt praktische Tipps für die Reise.

Kulturelle Rahmenbedingungen

Oft unterschätzt wird der Einfluss kultureller Barrieren für den Geschäftserfolg in fremden Märkten. Besonders die arabische Gesellschaft ist für westliche Unternehmer mit ungeschriebenen Benimmregeln sowie religiösen und hierarchischen Fettnäpfchen aller Art reich bestückt. Nicht so in Israel mit seinen zahlreichen Migranten aus nicht-arabischen Ländern. Zudem versteht sich rund die Hälfte aller Juden als säkular – also weltlich ausgerichtet – oder laizistisch, sprich: für eine Trennung von Religion und Staat. Michel Weinberg, stellvertretende Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Handelskammer (AHK Israel) in Tel Aviv, versicherte uns im Telefoninterview, dass israelische Geschäftsleute sehr weltoffen sind. „Deutsche Unternehmer müssen mit keinen Empfindlichkeiten rechnen.“

Auch die in arabischen Ländern noch immer starke sprachliche Barriere stellt in Israel keine große Hürde dar. Die meisten Israelis sprechen Englisch. Ebenfalls weit verbreitete Zweitsprachen sind übrigens Arabisch und Russisch.

Trotz der weiten Verbreitung der englischen Sprache wartet auf deutsche Besucher eine besondere Tücke: Die hebräische Schrift kennt nur Konsonanten. Dementsprechend fallen Übertragungen von Namen ins Englische nicht immer gleich aus. Soweit Straßenschilder zweisprachig ausgeführt sind, weichen die englischen Übersetzungen der Straßennamen mitunter sogar in ein und derselben Straße voneinander ab. Gleiches gilt auch für Familiennamen und sogar Marken. Einem Missverständnis sollte man daher rechtzeitig durch explizite Nachfrage beim Geschäftspartner vorbeugen.

Wer auf Nummer sicher gehen will, knüpft seine Kontakte über die AHK. Laut Weinberg achtet man dort darauf, dass israelische Interessenten „Auslandserfahrung besitzen und der englischen Sprache mächtig sind“.

Nicht-jüdische Minderheiten

Obwohl weitgehend westlich geprägt, bietet das Land auch Gelegenheit, die arabische Mentalität – eigentlich müsste man von Mentalitäten sprechen – kennenzulernen, denn rund 14 % der israelischen Bevölkerung sind Muslims mit arabischer Abstammung bzw. aus arabischen Ländern eingewandert.

Allerdings seien nur wenige arabische Israelis „auf dem Gebiet der außenwirtschaftlichen Beziehungen tätig oder in den Chefetagen größerer Unternehmen zu finden“, schreibt die Gesellschaft für Außenwirtschaft Germany Trade and Invest (GTAI) in ihrer Broschüre „Verhandlungspraxis kompakt: Israel“.

Westliche Unternehmen sollten den arabischen Bevölkerungsteil Israels dennoch nicht aus den Augen verlieren. Das gebietet nicht nur die unklare künftige Entwicklung der Region. Auch unter rein menschlichen Gesichtspunkten ist eine Rücksichtnahme auf die Belange und Erwartungen der Muslims geboten, denn gerade sie sind durch die politischen Verhältnisse für konkrete oder scheinbare kulturelle Diskriminierungen besonders sensibilisiert – ob zu Recht oder Unrecht, sei hier dahingestellt.

Weitere Minderheiten bilden israelische Christen und Drusen sowie Israelis mit sonstigen Religionen. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt insgesamt jedoch nur rund 6 %.

Dass das Land trotz aller interkultureller Spannungen zwischen Juden und Muslims recht gut funktioniert, liegt an einer gewissen Tabuisierung des Kulturstreits im Alltagsleben. Ausländische Gäste sollten dieses Tabu deshalb respektieren. Gerade Deutsche unterschätzen gerne die tatsächliche Komplexität der Lage.

Die orthodoxe Minderheit

Die größte kulturelle Herausforderung für westliche Unternehmer sind aber nicht Israels Muslims, sondern die orthodoxen und ultraorthodoxen Juden. (Letztere bezeichnen sich als Haredim.) Sie machen rund 15 % bzw. 7 % der jüdischen Bevölkerung aus und bilden damit auf die gesamte Bevölkerung Israels hochgerechnet eine mittlerweile stattliche Minderheit von zusammen rund 16 %. Von den für Geschäftsanbahnungen wichtigen Städten des Landes ist in den letzten Jahren vor allem Jerusalem zu einer Hochburg der Haredim geworden. Sie prägen mittlerweile das öffentliche Leben ganzer Stadtteile – sehr zum Nachteil des Jerusalemer Wirtschaftsklimas. Allerdings nehmen vor allem ultraorthodoxe Juden nur selten aktiv am Wirtschaftsleben teil. Und wenn doch, dann meist innerhalb ihrer eigenen Kreise.

Der Jerusalemer Historiker Prof. Martin van Creveld glaubt allerdings nicht, dass die orthodoxen Kräfte tatsächlich erstarken. Er vermutet hinter der steigenden Medienpräsenz der Ultras vielmehr eine zunehmende Polarisierung. Abgesehen von den Hochburgen der Tiefreligiösen, weiche im Rest des Landes die religiöse Tradition seit Jahren sogar auf, so van Crefeld. In einem Kommentar im Focus (Ausgabe 34/2012) spekuliert der Historiker sogar, die religiöse Frage könne für einen Erdrutsch zugunsten der säkularen Kräfte sorgen. Van Crefeld glaubt, dass die Bürger Israels genug haben „von schwarz angezogenen Orthodoxen, die nicht in der Armee dienen und nicht arbeiten“.

Deutsche Unternehmer sollten im geschäftlichen Kontakt mit Orthodoxen offensichtliche Konfliktthemen wie Kino, Fernsehserien, Sport und Freizeitvergnügen sowie Diskussionen über das richtige Familienleben, Gleichberechtigung der Geschlechter und Kindererziehung schlicht meiden. Sachliches Interesse für die Religion wird jedoch selbst von strenggläubigen Juden durchaus gerne gesehen.

Bei Verhandlungen mit ultraorthodoxen Juden und Einladungen zu ultraorthodoxen Events ist zu beachten, dass ein Handschlag zwischen Männern und Frauen – sei es zur Begrüßung, beim Geschäftsabschluss oder bei anderen Gelegenheiten – verboten ist. Unternehmerinnen und weibliche Mitarbeiter sollten in Gegenwart von Ultras zudem unbedingt auf „züchtige“ Kleidung achten (möglichst schlichte und umfassende Körperverhüllung).

Außerdem sehr wichtig: Für Ultraorthodoxe ist der Sabbat (dazu Näheres weiter unten) ein absoluter Ruhetag, an dem keinerlei Geschäfte oder Termine außer Haus wahrgenommen werden dürfen. Selbst das Bedienen von Maschinen, z.B. das Drücken eines Aufzugsknopfes, ist untersagt.

Minenfeld deutsch-jüdische Geschichte

Natürlich wird jeder deutsche Besucher Israels früher oder später mit dem heiklen Thema Holocaust bzw. Schoa konfrontiert. Je nachdem, mit welcher Generation man dann zu tun hat, fallen die Erfahrungen zu diesem Thema sehr unterschiedlich aus. Während junge Israelis eine eher neutrale bis neugierige Einstellung zeigen und in der Mehrzahl anerkennen, dass die Deutschen von heute nur noch wenig mit denen von gestern zu tun haben, sind ältere Israelis häufig sehr distanziert bis abweisend.

Ernsthafte Aversionen sind jedoch schon seit Langem seltene Ausnahmen. Laut Germany Trade and Invest lag der Anteil der jüdischen Konsumenten in Israel, die aus historischen Gründen deutsche Waren oder Unternehmen boykottierten, bereits vor der Jahrtausendwende unter 1 %. Seitdem dürfte er noch weiter geschrumpft sein.

Von den meisten Israelis wird deutschen Gästen im privaten wie geschäftlichen Bereich unterstellt, dass sie das Land als Freunde besuchen. Zudem ist Deutschland nach den USA auch faktisch der zweitwichtigste Verbündete Israels.

Wie soll man jedoch auf eine direkte Nachfrage – z.B. nach Aktivitäten des eigenen Unternehmens oder der eigenen Vorfahren während der Nazizeit – reagieren, wenn die Firmengeschichte tatsächlich Flecke aufweist? Erstens: In diesem Fall ist ein offenes Bekenntnis, verbunden mit einer klaren Distanzierung und ehrlichem Mitgefühl für die Opfer des Holocausts allemal besser als verschämtes Schweigen. Zweitens: Jede Relativierung des Holocausts und der deutschen Schuld durch Verweis auf Israels Politik im heutigen Nahostkonflikt verbietet sich sachlich und moralisch von selbst. Israelische Juden reagieren auf entsprechende Untertöne zu Recht überaus empfindlich, besonders wenn sie von Deutschen kommen.

Wie die Bedingungen des israelischen Marktes konkret aussehen, schildert Teil 2 dieser Serie.

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