Digitale Infrastruktur

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Im Land der vielen Kupferdrähte

Von Dirk Bongardt

Deutschlands digitale Infrastruktur hat mehrere Gesichter. Da ist zum einen die Mobilfunkzukunftstechnologie 5G: In Berlin sind seit Mai 2018 die europaweit ersten 5G-Antennen unter realen Bedingungen im Livenetz im Einsatz, bis Jahresende 2018 sollte das Berliner Testnetz auf 70 Antennen an 20 Standorten angewachsen sein, Ende Januar 2019 waren es immerhin mehr als 50. Gemeinsam mit der DEKRA baut die Telekom derzeit außerdem den Lausitzring zum 5G-Testfeld aus.

2019 will die Bundesnetzagentur nun die für 5G benötigten Frequenzen versteigern; erfolgreichen Bietern soll zur Auflage gemacht werden, möglichst schnell und möglichst überall ein leistungsfähiges Netz zu errichten. Für die Zukunft lässt das hoffen, auch wenn Überschneidungen mit UMTS-Lizenzen im 2-GHz-Band die Neunutzung erst ab 2021, teils erst ab 2026 zulassen.

Im Mobilfunk ist Luft nach oben

Was den gegenwärtigen Stand auf dem Mobilsektor betrifft, kommen Studien zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen: Wie Digitaldienstleister Akamai im Jahr 2017 ermittelte, standen mobil hierzulande im Durchschnitt Bandbreiten von 24,1 MBit/s zur Verfügung. Weltweit soll seinerzeit nur Großbritannien diesen Durchschnittswert übertroffen haben. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur weist zudem selbst für das in Sachen LTE-Versorgung schwächste Bundesland eine Verfügbarkeit von 93,3 % aus.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Magazin­reihe „IT-Unternehmen stellen sich vor“. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Zu völlig anderen Ergebnissen ist 2018 das britische Unternehmen OpenSignal gekommen. Die LTE-Abdeckung liegt diesem Vergleich zufolge gegenwärtig, anders als vom BMVI behauptet, bei gerade einmal 65,7 %, und die mittlere mit LTE erreichbare Bandbreite bei nur 22,7 MBit/s. Gründe für das deutliche Auseinanderdriften der Ergebnisse mögen auf abweichende Methoden der Erhebung zurückgehen. Die freilich nicht repräsentativen Beobachtungen mehrerer Redaktionsmitglieder decken sich allerdings eher mit den letztgenannten Ergebnissen.

Fernab der Weltspitze liegt Deutschland in jedem Fall beim stationären Breitbandausbau. In einer Befragung, die das Institut der deutschen Wirtschaft im Frühjahr 2018 durchführte, gaben 28 % an, die Geschäftsabläufe in ihren Unternehmen seien durch Infrastrukturmängel in den Kommunikationsnetzen deutlich beeinträchtigt, und weitere 44 % empfanden zumindest eine geringe Beeinträchtigung. Vor allem Unternehmen in den östlichen Bundesländern leiden unter dem schleppenden Ausbau der Breitbandverbindungen.

Serie: Digitale Infrastruktur
Die Einführung beginnt in Berlin und klärt die Rahmenbedingungen in Deutschland. Ein erster Regionalschwerpunkt widmet sich dann dem Westen und Nordrhein-Westfalen. Weitere Regionalreports konzentrieren sich auf den deutschen Südwesten und auf Bayern. Extra-Beiträge berichten außerdem über den Stand der NGA-Netze in Österreich und über die praktische, aber schwierige Mobilfunk-Dominanz in der Alpenrepublik.

Glasfaser mit Hausanschluss

Dass der stationäre Breitbandausbau nicht vorankommt, hängt eng mit dem Fehlen von Glasfaserleitungen zusammen. Nur 2,3 % aller stationären Breitbandanschlüsse in Deutschland sind mit einem Glasfaserkabel verbunden. Zum Vergleich: In Schweden sind es 61,8 %, in Korea und Japan fast 77 %.

Die hierzulande präferierte Vectoring-Technologie basiert auf dem guten alten Kupferkabel. Auch damit lassen sich Bandbreiten von 50 bis 100 MBit/s erreichen – aber nur für eine begrenzte Zahl von Nutzern und vor allem nur durch einen Anbieter, die Telekom. Zudem halten Experten die Möglichkeiten dieser Technologie für weitgehend ausgereizt. Der Rechnungshof der Europäischen Union hat Deutschland deshalb in einem im Sommer 2018 erschienen Bericht kritisiert und prognostiziert, das EU-weite Ziel, bis 2025 flächendeckend Geschwindigkeiten von bis zu 1 GBit/s zu ermöglichen, sei in Deutschland mit der aktuell genutzten Technik wahrscheinlich nicht zu verwirklichen.

Politiker ebenso wie einige Internet-Zugangsanbieter ziehen die obigen Angaben in Zweifel. Tatsächlich ist es nicht ganz einfach, „echte“ Glasfaseranschlüsse von solchen zu unterscheiden, die letztlich doch auf Kupferkabeltechnologie basieren. Auch ADSL/VDSL- und Breitbandkabelnetze nutzen Glasfaserleitungen – aber eben nur auf den höheren Verteilebenen und nicht bis in die Wohnungen, Büros und Betriebsgebäude (FTTB/FTTH).

Schneiden statt baggern

MW-PLZ0123-ID04-Vodafone-Nano-Trenching.jpg Das österreichische Nano-Trench-Verfahren schneidet, verlegt und verfüllt in einem Arbeitsgang. (Bild: Vodafone)

Der Provider Vodafone hat 2017 eine Glasfaseroffensive angekündigt, die noch 2018 deutschlandweit in 70 Städten und für rund 7000 Unternehmen eine Internet-Anbindung mit einer Bandbreite von mindestens 1 GBit/s garantieren soll. Dabei setzt das Unternehmen nach eigenen Angaben auf ein Verlegeverfahren namens Nano Trenching: Mit einem feinen Schnitt wird Glasfaser direkt in der Asphaltdecke verlegt, ohne diese zu durchtrennen und damit die Tragfähigkeit zu beeinträchtigen. Damit soll die Notwendigkeit, Straßen zu sperren, auf ein Minimum beschränkt bleiben. Wichtigerer Vorteil ist allerdings die Verlegegeschwindigkeit: Im Vergleich zu konventionellen Verlegeverfahren soll Nano Trenching die benötigte Zeit um die Hälfte reduzieren.

Spätestens im Keller des zu versorgenden Gebäudes endet die Glasfaserversorgung meist. Von dort geht es per Kupferdraht weiter, und als Endgerät stehen bei den Vernetzten DSL-Modems, die die angelieferten Daten entweder per VDSL oder über den neuen Übertragungsstandard G.fast entgegennehmen. Immerhin können sich die Eigentümer solcher Gebäude entscheiden, auf eigene Kosten vom Glasfaserübergabepunkt im Keller weitere Lichtwellenleiter bis zu den Anschlüssen in den Büros, Produktionshallen oder Serverräumen zu verlegen. Wer allerdings Büros in Bürogebäuden angemietet hat, die von mehreren Unternehmen genutzt werden, muss sich in einem solchen Fall zunächst sowohl mit dem Eigentümer als auch mit den anderen Mietern verständigen.

Thema: Breitbandausbau
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Dr. Jürgen Kaack hat eine Reihe von Projekten als Berater begleitet. Einige aus der Region Nordrhein-Westfalen stellt er ausführlicher als Best-Practice-Beispiele vor: Arnsberg, Ennepetal, Erftstadt, Erkelenz und Wegberg sowie die Lage im gesamten Kreis Heinsberg, ferner Geilenkirchen, Haltern am See, Kaarst, Nettetal und Rheurdt. Außerdem berichtet er von der T-City Friedrichshafen, erläutert die möglichen Geschäftsmodelle im kommunalen Breitbandausbau sowie die Optionen der NGA-Rahmenregelung und setzt auseinander, wo Vectoring seine Haken hat. Nicht zuletzt skizziert er die Prinzipien einer Breitbandstrategie NRW und macht handfeste Vorschläge für eine umfassende Breitbandstrategie. Seine gesammelten Erfahrungen sind 2016 in der Reihe MittelstandsWiki bei Books on Demand erschienen: „Schnelles Internet in Deutschland“ (Paperback, 220 Seiten, ISBN 978-3-946487-00-5, 9,99 Euro).

Breitbandausbau und Initiativen

Dass die Entwicklung der digitalen Infrastruktur für deutsche Standorte zur Gretchenfrage werden könnte, haben die Bundesregierung ebenso wie die Landesregierungen inzwischen erkannt. Entsprechend häufen sich Initiativen zur Schaffung digitaler Modellregionen. So wird etwa die Stadt Jena Thüringens digitale Modellregion. Die „Schaffung der Grundlagen für ein flächendeckendes Giga-Bit-Netz“ ist dort gleich der erste der acht Punkte umfassenden Digitalstrategie der Stadt. Neben 2,6 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm stellt das Land Thüringen weitere 2,1 Millionen Euro dafür bereit.

Bei der Telekom läuft unterdessen die dritte DeutschlandLAN-Ausbauwelle für Glasfaseranschlüsse in Gewerbegebieten. Voraussetzung ist, dass sich 30 % der ansässigen Unternehmen vertraglich für einen Anschluss entscheiden. Die Akzeptanz ist regional sehr unterschiedlich. In Niedersachsen stehen 13 Standorte auf der Liste, in Brandenburg werden Großbeeren, Ludwigsfelde, Potsdam und Schönefeld ausgebaut, in Schleswig-Holstein die Gewerbegebiete in Kiel, Lübeck und Pinneberg, in Sachsen-Anhalt Bitterfeld-Wolfen, in Mecklenburg-Vorpommern fand das Angebot bislang offenbar keine Resonanz. Vodafone hat 2018 ein ganz ähnliches Projekt gestartet.

Auskunft aus dem Breitbandatlas

MW-PLZ0123-ID04-Breitband.jpg Ausschnitt aus dem Breitbandatlas: gewerbliche Breitbandverfügbarkeit an Gewerbestandorten ≥ 100 MBit/s. (Bild: Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur)

Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur stellt mit dem Breitbandatlas eine interaktive Karte zur Verfügung, mit der sich Unternehmer vorab ein Bild über die digitale Infrastruktur an einem möglichen Standort machen können. Bis zur Hausadresse lässt sich die Karte heranzoomen, in Schritten von 2, 10, 30, 50 und 100 MBit/s kann der Nutzer dann abfragen, ob die gewünschte Bandbreite vor Ort „wahrscheinlich verfügbar“ oder „wahrscheinlich nicht verfügbar“ ist. Auch eine Abfrage nach „privaten Produkten an Gewerbestandorten“ ist möglich.

Schwierige Standortentscheidung

Unternehmen, für die der digitale Wandel eine kritische Rolle spielt – und das dürfte bis hin zu Bäckereien und Friseuren auf alle zutreffen –, sollten bei der Standortwahl genau hinsehen: Wie der Breitbandatlas zeigt, variiert die Versorgung oft stark und keineswegs sind es immer die Gewerbegebiete, die am besten erschlossen sind. Auch die mit mobilen Technologien erzielbaren Bandbreiten schwanken standortabhängig stark. Entscheidend wird sein, ob in Deutschland der zeitnahe Aufbau eines 5G-Funknetzes gelingt. Denn anders als die Vorgängernetze gilt die fünfte Mobilfunkgeneration als prädestiniert für IoT- und Industrie-4.0-Anwendungen – mit entsprechender Wertschöpfung.

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Dirk Bongardt hat vor Beginn seiner journalistischen Laufbahn zehn Jahre Erfahrung in verschiedenen Funktionen in Vertriebsabteilungen industrieller und mittelständischer Unternehmen gesammelt. Seit 2000 arbeitet er als freier Autor. Sein thematischer Schwerpunkt liegt auf praxisnahen Informationen rund um Gegenwarts- und Zukunftstechnologien, vorwiegend in den Bereichen Mobile und IT.


Dirk Bongardt, Tel.: 05262-6400216, mail@dirk-bongardt.de, netknowhow.de

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