Digitale Infrastruktur im deutschen Südwesten

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Knoten ohne Kabel

Von Dirk Bongardt

Der Datendurchsatz des DE-CIX ist weltweit unerreicht. Der Datendurchsatz, den Internet-Anschlüsse in Hessen und Baden-Württemberg im Allgemeinen erreichen, ist weniger rekordverdächtig – sowohl was das mobile Breitbandinternet betrifft als auch bei leitungsgebundenen Anschlüssen. So sieht das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, gemessen an der Verfügbarkeit von Breitbandinternet über 50 MBit/s, unter allen Bundesländern Hessen auf dem sechsten Platz, Baden-Württemberg kommt nur auf den achten. Den beiden Ländern bescheinigt das Ministerium eine Verfügbarkeit von 85,5 respektive 83,5 %.

Kein Gigabit-Netz bis 2025

Auch mit „Gigabit fürs ganze Land“ wird es, speziell in Baden-Württemberg, so schnell nichts, wenn der TÜV Rheinland mit einem Gutachten recht behält, das er im Frühjahr 2018 erstellte. Bis 2025, so die Absichtserklärung der Bundesregierung, sollen Gigabit-Anschlüsse flächendeckend zur Verfügung stehen. Das Ländle, so der TÜV, wird jedoch, gemessen am aktuellen Stand, frühestens 2033, also acht Jahre später so weit sein. Als Haupthindernis hat der TÜV den hohen Anteil an Anschlüssen ausgemacht, die weder über das TV-Kabelnetz noch über Glasfaserkabel bis ins Gebäude (FTTB/H) laufen, also faktisch nicht gigabitfähig sind. Die Landesregierung will mit einer Fördersumme von einer halben Milliarde Euro in der laufenden Legislaturperiode dagegenhalten.

Der TÜV schlägt in seinem Gutachten („Evaluation zur Weiterentwicklung der Breitbandförderung in Baden-Württemberg“) übergangsweise eine Aufrüstung der bestehenden Anschlüsse mithilfe von Supervectoring vor. Das ist eine Technologie, bei der die bestehenden Kupferleitungen vom Kabelverzweiger bis zum Hausanschluss weiterverwendet werden können. Abhängig von den technischen Gegebenheiten vor Ort sind damit Bandbreiten von bis zu 250 MBit/s im Downstream möglich – gigabitfähig werden per Supervectoring beschleunigte Anschlüsse aber niemals werden. Ein weiterer Kritikpunkt bleibt der Umstand, dass Vectoring eine gewisse Remonopolisierung begünstigt, denn technologiebedingt ist im Outdoor-DSLAM immer nur Platz für einen einzigen Anbieter.

Thema: Breitbandausbau
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Dr. Jürgen Kaack hat eine Reihe von Projekten als Berater begleitet. Einige aus der Region Nordrhein-Westfalen stellt er ausführlicher als Best-Practice-Beispiele vor: Arnsberg, Ennepetal, Erftstadt, Erkelenz und Wegberg sowie die Lage im gesamten Kreis Heinsberg, ferner Geilenkirchen, Haltern am See, Kaarst, Nettetal und Rheurdt. Außerdem berichtet er von der T-City Friedrichshafen, erläutert die möglichen Geschäftsmodelle im kommunalen Breitbandausbau sowie die Optionen der NGA-Rahmenregelung und setzt auseinander, wo Vectoring seine Haken hat. Nicht zuletzt skizziert er die Prinzipien einer Breitbandstrategie NRW und macht handfeste Vorschläge für eine umfassende Breitbandstrategie. Seine gesammelten Erfahrungen sind 2016 in der Reihe MittelstandsWiki bei Books on Demand erschienen: „Schnelles Internet in Deutschland“ (Paperback, 220 Seiten, ISBN 978-3-946487-00-5, 9,99 Euro).

Hessen steht in dieser Hinsicht nur geringfügig besser da als Baden-Württemberg: Die vom seinerzeitigen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir im Sommer 2018 vorgestellte Gigabitstrategie für Hessen sieht bis 2025 zwar die „Bereitstellung gigabitfähiger Infrastrukturen“ vor, allerdings nicht flächendeckend – sie will stattdessen „sozioökonomischen Einrichtungen inklusive Gewerbestandorten“ den Vorrang geben. Erst bis 2030 sollen Glasfaseranschlüsse bis ins Haus flächendeckend verfügbar sein.

Projektvielfalt in Baden-Württemberg

Freilich lässt sich die digitale Infrastruktur nicht allein an der (künftigen) Verfügbarkeit von Gigabit-Anschlüssen festmachen. Unabhängig vom oben erwähnten Urteil des TÜV Rheinland hat die Landesregierung Investitionen von insgesamt rund einer Milliarde Euro angekündigt, um das Land bis 2021 zur digitalen Leitregion zu machen. Die Investitionen sollen die Digitalisierung auf den Gebieten von Mobilität, Wirtschaft, Bildung, Gesundheit und Verwaltung vorantreiben.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Magazin­reihe „IT-Unternehmen aus der Region stellen sich vor“. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Im Bereich Mobilität etwa unterhält das Land in Karlsruhe, Bruchsal und Heilbronn ein Testfeld für autonomes Fahren. Anders als andere Projekte umfasst das baden-württembergische Testfeld alle Arten von öffentlichen Straßen, von der Autobahn über die Landstraße bis hin zur städtischen Hauptverkehrsachse und zur Wohnstraße. Damit können die heimischen Autohersteller den autonomen Fahrbetrieb umfassend unter realen Bedingungen testen.

Auch in der Bildung macht sich Baden-Württemberg stark: Ab Klasse 7 soll ein „Aufbaukurs Informatik“ für alle Schüler und Schülerinnen verbindlich werden, außerdem wollte die Landesregierung eine landesweite digitale Bildungsplattform einrichten. Wie es aussieht, ist das Vorhaben im ersten Anlauf wegen schwerer technischer Mängel gescheitert und muss nun komplett neu gestartet werden.

MW-PLZ67-ID06-20180228 Breitbandstudie.jpg Raumkategorien in Baden-Württemberg: harte Übergänge zwischen stark verdichtet und ganz ländlich. (Bild: TÜV Rheinland)

Einen weiteren Schwerpunkt der Digitalisierungsstrategie von Baden-Württemberg bildet die Digitalisierung in Medizin und Pflege. Da die Landesärztekammer hier das Fernbehandlungsverbot bereits 2016 deutlich gelockert hat, gehört dazu auch DocDirekt, ein Modellversuch zur Telemedizin.

Digitale Sicherheit spielt in den Planungen der Landesregierung ebenfalls eine wichtige Rolle: Kleine und mittlere Unternehmen, die sich keine eigenen IT-Spezialisten leisten können, sollen bei Sicherheitsvorfällen auf eine Cyberwehr zurückgreifen können. Qualifizierte Teams sollen den Unternehmen dann helfen, eventuelle Schäden einzudämmen und die Arbeitsfähigkeit schnell wieder herzustellen.

Auch das Land Hessen wartet mit einer umfassenden Digitalstrategie auf, eingeteilt in Gestaltungs-, Technologie- und Anwendungsbereich. Eingeflossen sind die Ergebnisse der Studie „Digitalisierung von Wirtschaft und Wissenschaft“ des House of IT in Darmstadt. Führungskräfte von Unternehmen, Wissenschaftseinrichtungen und Start-ups wurden zu den Herausforderungen und jeweiligen Strategien zur Umsetzung der digitalen Transformation befragt, um daraus Anforderungen an das Land und den Wirtschaftsstandort Hessen abzuleiten.

Standorte richtig einschätzen

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Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur stellt mit dem Breitbandatlas eine interaktive Karte zur Verfügung, mit der sich Unternehmer vorab ein Bild über die digitale Infrastruktur an einem möglichen Standort machen können. Bis zur Hausadresse lässt sich die Karte heranzoomen, in Schritten von 2, 10, 30, 50 und 100 MBit/s kann der Nutzer dann abfragen, ob die gewünschte Bandbreite vor Ort „wahrscheinlich verfügbar“ oder „wahrscheinlich nicht verfügbar“ ist. Auch eine Abfrage nach „privaten Produkten an Gewerbestandorten“ ist möglich. (Bild: BMVI)

Mobilfunknetze im hinteren Mittelfeld

Im Sommer 2018 ließ die Bundesregierung auf Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion ermitteln, wie viel Fläche in Deutschland ohne ausreichende Mobilfunkversorgung der Standards UMTS oder LTE ist, und wie sich diese Fläche auf die einzelnen Bundesländer verteilt. Das Ergebnis: Bundesweit sind 41.000 km² ohne entsprechende Abdeckung, das sind 11,5 % der Gesamtfläche. Im Vergleich der Bundesländer liegt Baden-Württemberg unter diesem Aspekt allerdings auf dem vorletzten Platz: Hier sind 16,4 % der Fläche ohne ausreichende Mobilfunkversorgung, nur in Rheinland-Pfalz sieht es mit 16,8 % noch schlechter aus. Hessen steht mit 11,2 % Unterdeckung geringfügig besser da als die Bundesrepublik insgesamt. Mit nur 4,5 % nicht ausreichend versorgter Fläche nimmt übrigens Schleswig-Holstein den Spitzenplatz ein.

Serie: 5G-Mobilfunk
Teil 1 setzt beim Bandbreitenbedarf an, der durch die Decke schießt. WLAN und Mobilfunk liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen auf der Zielgeraden zu 10 GBit/s. Teil 2 schildert den Stand der Standards und interessiert sich eingehend für die Konsortien der Entwicklung. Teil 3 begibt sich auf die technische Seite. Es geht um die Grundlagen der 5G-Netze, um Ping-Zeiten und Frequenzen. Teil 4 schließlich erläutert den Stand der Dinge kurz vor der Frequenzversteigerung 2019. Zwei aktuelle Sonderberichte widmen sich außerdem der Möglichkeit von 5G-Campus-Netzen und berichten vom Stand der 5G-Frequenzauktion.

Mit 5G aber, heißt es, sollen die Karten neu gemischt werden. Die Telekom und die Region Stuttgart wollen 1,6 Milliarden Euro in den Ausbau des Glasfasernetzes stecken. Die Region Stuttgart soll als eine der ersten deutschen Regionen ein Netz nach dem kommenden Mobilfunkstandard der fünften Generation erhalten, gleichzeitig soll das Glasfasernetz für schnelles Internet ausgebaut werden. Das ist nur logisch: 5G ist ohne eine großflächige Glasfaservernetzung nicht sinnvoll.

Die Pläne der hessischen Landesregierung sind noch etwas ehrgeiziger. Die letzten Funklöcher im hessischen Mobilfunknetz sollen bis zum Jahr 2020 verschwunden sein. Dazu gehört unter anderem der Neubau von 1100 Mobilfunkstandorten. 300 davon will die Landesregierung mit Landesmitteln von 50 Millionen Euro selbst errichten. Der Grund dafür: Für Telekommunikationsunternehmen sind die Standorte nicht rentabel.

MW-PLZ67-ID06-Projektsteckbrief.jpg Die letzten Flicken: Im Saarland teilen sich Telekom, inexio und VSE NET den NGA-Ausbau der verbleibenden 16 % unterversorgter Adressen. (Bild: Zweckverband eGo-Saar – Staatskanzlei des Saarlandes)

Komplettplan im Saarland

Dagegen ist 5G im Saarland derzeit noch Zukunftsmusik. Für ein entsprechendes Pilotprojekt waren zu Redaktionsschluss zwar Fördermittel aus dem Horizont-2020-Programm beantragt, aber die Entscheidung stand noch aus. Bis dahin kämpft das Land weiter mit den alten Funklöchern, vor allem in den Grenzregionen.

Allerdings profitiert das Saarland in Sachen Breitband von seiner relativen Kompaktheit – das Bundesland wurde gleich komplett als Projektgebiet ausgeschrieben. Die Vorbereitungen haben zwar gedauert und Netzbetreibern Zeit gegeben, die wirtschaftlich ausbaubaren Gebiete zu erschließen, doch im Frühjahr 2018 war es dann so weit: Beschlossen wurde ein flächendeckender NGA-Breitbandausbau (Next Generation Access, also 50 MBit/s oder darüber) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Telekom, dem in Saarlouis ansässigen Infrastrukturanbieter inexio und VSE NET, der Digitaltochter des saarländischen Versorgers VSE AG. Koordiniert werden die Vorhaben beim kommunalen Zweckverband eGo-Saar.

De facto betrifft der NGA-Netzausbau Saar den unterversorgten Rest, das sind „rund 16 % der Gebäude im Land“. Das Gros der Haushalte (ca. 77 %) ist bereits mit Bandbreiten von mindestens 50 MBit/s versorgt, für weitere 7 % liegen konkrete, eigenwirtschaftliche Ausbaupläne diverser Netzbetreiber vor. Auch hier geht es vornehmlich um die Erschließung in der Fläche, und auch hier heißt das Mittel der Wahl Vectoring: Bis zum Ort und zu den Verteilerpunkten gibt es Glasfaser, danach geht es über die alten Telefonkupferdrähte in die Häuser. Ein Grund für diese Entscheidung dürften die ehrgeizigen Zeitziele sein: Laut Vereinbarung soll der Ausbau bereits bis Ende 2018 abgeschlossen sein.

Serie: Digitale Infrastruktur
Die Einführung beginnt in Berlin und klärt die Rahmenbedingungen in Deutschland. Ein erster Regionalschwerpunkt widmet sich dann dem Westen und Nordrhein-Westfalen. Weitere Regionalreports konzentrieren sich auf den deutschen Südwesten und auf Bayern. Extra-Beiträge berichten außerdem über den Stand der NGA-Netze in Österreich und über die praktische, aber schwierige Mobilfunk-Dominanz in der Alpenrepublik.

Digitalisierung mit Ansprechverzögerung

Erst in den kommenden 2030er Jahren dürfte Gigabit-Internet im deutschen Südwesten flächendeckend verfügbar werden. Darin stimmen Gutachten und Digitalisierungsprojekte der Länder überein. Die aktuelle Situation ist durchwachsen: Im ländlichen Raum – und davon gibt es im Südwesten Deutschlands sehr viel – ist noch viel zu tun, in den Großstädten, insbesondere in Stuttgart und Frankfurt, stehen fast durchgehend breitbandige Internet-Zugänge zur Verfügung, sowohl leitungsgebunden als auch mobil. Ob sich die mobile Situation im ländlichen Raum in absehbarer Zeit verbessert, hängt nicht zuletzt auch davon ab, ob der Glasfaserausbau im vorgesehenen Rahmen gelingt. Ohne dichtes Glasfasernetz kein dichtes 5G-Netz.

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Dirk Bongardt hat vor Beginn seiner journalistischen Laufbahn zehn Jahre Erfahrung in verschiedenen Funktionen in Vertriebsabteilungen industrieller und mittelständischer Unternehmen gesammelt. Seit 2000 arbeitet er als freier Autor. Sein thematischer Schwerpunkt liegt auf praxisnahen Informationen rund um Gegenwarts- und Zukunftstechnologien, vorwiegend in den Bereichen Mobile und IT.


Dirk Bongardt, Tel.: 05262-6400216, mail@dirk-bongardt.de, netknowhow.de

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