IT-Experten für die Industrie 4.0

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Überblick 4.0 ist Trumpf

© foxyburrow – Fotolia

Von Harald Kesberg, kesberg consulting

Die vierte industrielle Revolution – auch bekannt unter dem Schlagwort Industrie 4.0 – ist inzwischen auch in weiten Bereichen der deutschen Wirtschaft angekommen. Die bisher klare Abgrenzung zwischen Produktions- und Wissensarbeit wird durch die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung von Produktionsabläufen, Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodellen aufgehoben. Als Konsequenz sind Unternehmen mehr denn je insbesondere auf IT-affine Experten angewiesen, um ihr digitales Geschäft in einer digitalen Welt voranzubringen.

IT-Fachleute mit Produktionswissen

Das Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn (BIBB) kommt demzufolge auch zu dem Schluss, dass gerade IT-Fachkräfte aufgrund der Entwicklung der Industrie 4.0 in den nächsten Jahren verstärkt nachgefragt werden. Dies gelte insbesondere für akademisch Qualifizierte. Die Prognosen gehen davon aus, dass im Zusammenhang mit Industrie 4.0 die Nachfrage nach IT-Berufen bis zum Jahr 2030 pro Jahr um bis zu 3,2 % über dem Bedarf liegt, der ohne eine Industrie-4.0-Produktion erwartbar wäre. Außerdem werde diese zusätzliche Nachfrage nach IT-Experten zu 37 % außerhalb der genuinen IKT-Branche, besonders im verarbeitenden Gewerbe entstehen.

Allerdings sorgt Industrie 4.0 nicht nur für eine steigende Nachfrage nach dezidierten IT-Fachleuten. Denn die vierte industrielle Revolution transformiert nicht nur die Prozesse in der Produktion und Wertschöpfung, sondern die Arbeitswelt insgesamt, die Organisationsformen und Strukturen in Unternehmen sowie die Kompetenz- und Qualifikationsanforderungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das heißt: Nicht nur die althergebrachten Berufsbilder, sondern auch die IT-Experten verlangen künftig nach einem erweiterten Know-how-Spektrum. Angesichts unterschiedlichster vernetzter Prozesse, expandierender horizontaler Wertschöpfungsketten und zusätzlich einzubindender Stakeholder ist mehr denn je der Blick über den Tellerrand gefragt.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Magazin­reihe „IT & Karriere“ erschienen. Einen Über­blick mit Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften be­kommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Qualifikationen für Industrie 4.0

Durch das Zusammenwachen von IT und Produktion sind für IT-Fachleute zum Beispiel zunehmend auch Fachkenntnisse aus dem Produktionsbereich gefragt. Aber die Anforderungen gehen noch weit darüber hinaus. Mit der digitalen Transformation sind auch Veränderungen in der Arbeitswelt und ein kultureller Wandel verbunden. Das bedeutet, flachere Hierarchien, kooperatives und eigenverantwortliches Arbeiten rücken immer mehr in den Mittelpunkt. Dieser kulturelle Wandel muss gestaltet, begleitet und moderiert werden. Kompetenzen wie kreatives Denken, emotionale Intelligenz, Problemlösungsstrategien oder Personalführung werden eine deutlich größere Rolle spielen. Das heißt für die Qualifikation von IT-Experten in Industrie 4.0: Gefragt sind Menschen mit neuen Ideen, kreative Macher, die neue Wege gehen.

Die Kompetenzentwicklungsstudie Industrie 4.0 der acatech (Deutschen Akademie der Technikwissenschaften) kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Insbesondere Datenauswertung und -analyse, Prozessmanagement und zunehmendes Prozess-Know-how sowie interdisziplinäres Denken und Handeln werden als zentrale Wissenselemente für Industrie 4.0 genannt. Einen hohen Stellenwert nimmt auch das Thema IT-Sicherheit ein.

Was man für den Industrie-4.0-Job mitbringen sollte

Beim Nürnberger IT-Trainingsanbieter qSkills trafen sich Entscheidungsträger aus unterschiedlichen Unternehmen und Fachbereichen, aus IT, Security, Produktion und HR, um die Anforderungen für künftige Industrie-4.0-Experten interdisziplinär zu diskutieren. Die Teilnehmer der Denkwerkstatt entwarfen gemeinsam eine Kernliste von Qualifikationsmerkmalen für Beschäftigte in IT-Unternehmensbereichen. Als wesentliche Aspekte der neuen Anforderungsprofile wurden genannt:

  • Selbstständiges Lernen/Open-Online-Plattform
  • Mitarbeiter müssen das Ganze im Blick haben und die Wertschöpfungskette verstehen
  • Interesse, Affinität und Motivation sind Voraussetzung, um sich Neues anzueignen
  • Kreativität
  • Interesse an neuen Technologien
  • Kommunikationsfähigkeit
  • Fähigkeit zur Selbstverantwortung
  • Fähigkeit, Komplexität zu reduzieren
  • Fähigkeit zur Vernetzung
  • Hohe Frustrationstoleranz („Dicke Bretter bohren“)
  • Gesunder Menschenverstand, wenig Angst vor der eigenen Courage
  • Interdisziplinäres Denken und Handeln
  • Gleichzeitiges Ausfüllen verschiedener Rollen: Missionar (Mitarbeiter mitnehmen), Politiker (Entscheider, Geschäftsleitung mitnehmen), Freak (Expertise in IT und Produktion)
  • Interdisziplinär zusammenarbeiten
  • Moderatorenfähigkeit, nicht zwingend Expertenwissen
  • Kritisches Denken und emotionale Intelligenz
  • Eigenverantwortung, Mitarbeiter müssen häufiger Entscheidungen treffen
  • Weiterhin steigende Bedeutung von Soft Skills

Industrial-Security-Experten sind gefragt

Der hohe Grad der Vernetzung macht die Industrie 4.0 natürlich auch anfällig für unterschiedlichste Sicherheitsrisiken. Themen wie Cybersecurity, ICS-Security (Industrial Control Systems), Embedded und Industrial-Security haben daher Hochkonjunktur. Doch Spezialisten, die in der Lage sind, eine zuverlässige Industrie-4.0-Infrastruktur zu entwickeln, aufzusetzen und zu managen, sind auf dem Arbeitsmarkt derzeit fast nicht zu finden. Sie müssen über IT, IT-Sicherheits-, Ingenieurs- und Managementkenntnisse sowie Soft Skills verfügen und werden in dieser Form und Konstellation bislang noch nicht ausgebildet.

Wer die komplexen Abläufe und Sicherheitsanforderungen in der Industrie 4.0 verantwortet, muss den großen Überblick haben. So wird in Unternehmen diskutiert, gleichermaßen die Verantwortung für die Konzeption und Umsetzung der Sicherheitsmaßnahmen sowohl in Office-, Produktions-IT und der Produktentwicklung in eine Hand zu legen. Die bisherige Trennung von Office- und Produktions-IT führte zu unzureichenden, einseitigen Security-Maßnahmen, die die Auswirkungen in den jeweiligen anderen Bereichen nicht berücksichtigten.

Ein Sicherheitsexperte für die Industrie-IT muss also in zwei Welten – Office- und Industrie-IT – zu Hause sein und jeweils ihre Techniken und vor allem ihre spezifischen Prozesse verstehen. Office-IT-Experten und Office-IT-Lösungen einfach in die Produktion zu übernehmen ist in der Vergangenheit immer wieder gescheitert. Die Konzepte aus dem Office-Bereich lassen sich eben nicht einfach eins zu eins auf die Produktion übertragen.

Neben einem soliden Grundwissen zu IT-Security und Security-Methoden wird aber ebenso ein fundiertes Wissen zu Industrial Control benötigt, denn die Experten müssen natürlich auch die produktionstypischen, technischen Inhalte verstehen. Weiterbildungsangebote dafür gibt es bereits seit Längerem: Anerkannte Zertifikatsausbildungen sind beispielsweise das Examen zum Certified Information Systems Security Professional (CISSP) oder noch spezifischer für den Produktionsbereich zum Global Industrial Cyber Security Professional (GICSP). Darüber hinaus sind auch Kenntnisse der Standards und Richtlinien, wie etwa der IEC 62443 (Industrial Communication Networks – Network and System Security), erforderlich.

Überblick ist mein Ding

Die künftigen IT-Experten in der Industrie 4.0 sind Wanderer zwischen den Welten. Neben profunder Security-Expertise und interdisziplinärem Fach-Know-how sind Soft Skills wie Kommunikations- und Vermittlungsfähigkeit sowie Konfliktmanagement gefordert. Schließlich müssen sie Akzeptanz in der Produktion erlangen, zwischen den unterschiedlichen Bereichen vermitteln und alle Beteiligten ins Boot holen können. Wer diese Voraussetzungen erfüllt, braucht sich um Gehalt und Aufstiegschancen keine Sorgen zu machen.

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