Innovations- und Gründerzentren an Rhein und Ruhr

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Version vom 11. März 2019, 16:41 Uhr von FEichberger (Diskussion | Beiträge) (Revier im Wandel: Smart Pott)

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Spielplatz mit Konferenzraum

Von David Schahinian

Die Welt steht uns offen! Von dieser Geisteshaltung sind viele Start-ups geprägt. Und warum auch nicht? Beispiele, dass das klappen kann, gibt es genug, da muss man nicht einmal Flaggschiffe wie Google oder Apple bemühen. Spätestens wenn es um Buchhaltung, Finanzierung oder schlicht um die Suche nach Geschäftsräumen geht, stoßen aber viele Jungunternehmen mangels Know-how oder Kontakten schon an ihre Grenzen. Im schlimmsten Fall bringt sie das gleich in der Frühphase zu Fall. „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“, sang Tocotronic einst – und spricht damit sicher manchem jungen Gründer auch heute aus der Seele.

Wäre es nicht eine gute Idee, Gleichgesinnte zusammenzubringen, ihnen fachliche Hilfe anzubieten und ihnen in der Frühphase ihres Unternehmens unter die Arme zu greifen? Ihnen zu helfen, flügge zu werden, bis sie erfolgreich und aus eigener Kraft abheben? So etwas gibt es, mitunter schon lange, und in jüngster Zeit immer häufiger. Technologie- und Gründerzentren, Kreativquartiere und IoT-Campusse haben sich zum Ziel gesetzt, Start-ups eine organisatorische und fachliche Basis zu bieten, damit diese sich vor allem auf das konzentrieren können, was sie antreibt: ihr Geschäftsmodell.

Spielend starten

Seit 1. April 2018 gibt es etwa in Köln einen neuen und eher ungewöhnlichen Vertreter dieser Gattung: das Cologne Game Haus. Die Stadt nennt es „Leuchtturmprojekt“, die Eigenbeschreibung lautet „coworking space, network and event location for game developers“. Die Stadt Köln unterstützte den Start des „deutschlandweit einzigartigen Gründerzentrums für Spieleentwickler“ mit 200.000 Euro. Warum? Weil die Spieleindustrie eine wichtige Querschnittsfunktion für die IT- und Kommunikationsbranche hat und Innovationen aus diesem Bereich maßgebliche Treiber für zukunftsfähige Weiterentwicklungen in fast allen Zweigen der Wirtschaft sind.

Auf insgesamt rund 1200 m² werden im Cologne Game Haus Büroräume zwischen 20 und 50 m² vermietet. Der Erfolg ist durchschlagend: Die beiden zur Verfügung gestellten Etagen sind mit 18 Firmen und etwa 80 Mitarbeitern bereits voll belegt. „Wir mussten leider schon einige interessierte Firmen abweisen und auf eine Warteliste setzen“, berichtet Johannes Brauckmann, Gründer und Managing Director. Für ihn wäre es wünschenswert, wenn das Cologne Game Haus innerhalb des Gebäudes weiter wachsen dürfte. „Durch den enormen Zuspruch aus der Industrie und das allgemeine Interesse, welches wir wecken konnten, müssen wir prüfen, wie wir vielleicht auch weiter expandieren und das Modell des Cologne Game Hauses auf andere Standorte übertragen können.“

Die Mieter in Köln jedenfalls brauchen sich keine großen Sorgen um die Infrastruktur zu machen. Die Internet-Anbindung ist rasend schnell, da das Haus an mehrere Glasfaserknoten in direkter Nähe der Messe angebunden ist. „Dazu wurden in Kooperation mit der Koelnmesse und der Deutschen Telekom fast 13 km Kupfer und Glasfaser verlegt“, so Brauckmann weiter. Der Standort ist auch verkehrstechnisch gut erschlossen, und die Kantine der Messe „mit sehr gutem Espresso“ darf mitbenutzt werden. Oftmals sind es eben auch die vermeintlich kleinen Dinge, die großen Einfluss auf die Motivation und Kreativität haben.

Serie: Innovations- und Gründerzentren
Der Einführungsbeitrag gibt eine erste Übersicht für Gründer und Start-ups. Dabei interessiert auch die Frage, wie sich die Locations auf den eigenen Erfolg und die Karriere auswirken. Teil 1 stellt dann konkrete Beispiele aus Berlin, Hamburg und anderen Orten im deutschen Norden und Osten vor. Teil 2 reist nach Köln, Dortmund, Mainz und Gummersbach, um die Technologiezentren an Rhein und Ruhr zu sichten. Überraschungen hat auch der Südwesten parat, von dem Teil 3 berichtet – aus Darmstadt und Stuttgart ebenso wie aus dem beschaulich-umtriebigen Bad Orb. Teil 4 geht schließlich in den Postleitzahlenbereich 8 und 9 nach Bayern und Thüringen: Auch außerhalb von München bekommen Gründer gute Unterstützung. Sonderbeiträge geben außerdem Auskunft über die Innovations- und Gründerzentren in Österreich und die dortige Start-up-Szene.

Die Konzentration von Unternehmen der Branche in einem Haus ist sinnvoll, da insbesondere Spieleentwickler in globaler Konkurrenz stehen. Intern ist kreativer Austausch und die Kollaboration bei Projekten schneller möglich, was sich wiederum positiv auf die Arbeitsatmosphäre auswirkt: Es entsteht ein Community Feeling. Zudem darf sich das Cologne Game Haus glücklich schätzen, eine eigene 600 m² große Event-Etage bespielen zu dürfen. „Dort haben wir unter anderem die Möglichkeit, Workshops und Konferenzen durchzuführen“, sagt Johannes Brauckmann.

Revier im Wandel

Andernorts haben mitunter Krisen dazu geführt, dass man sich neuen Branchen öffnete. In Westfalen etwa begann man in den 1980er Jahren mit der Entwicklung und Realisierung von Technologie- und Gründerzentren, berichtet Peter Wittkampf, Mitglied der Geographischen Kommission für Westfalen im Landschaftsverband Westfalen-Lippe. „Auslöser war unter anderem der Niedergang der Montanindustrie im Ruhrgebiet, aus dem sich die dringende Notwendigkeit ergab, neue, innovative und zukunftsgerichtete Arbeits- und Wirtschaftsmöglichkeiten zu schaffen.“ Der Strukturwandel sollte unter anderem durch neue Universitäten und Hochschulen im Revier gelingen, in deren unmittelbarer Nachbarschaft wiederum Technologiezentren entstanden.

PLZ45-ID05-TzDo---0025.jpg Das Dortmunder TZDO hat sich über die Jahre auf weitere Kompetenzzentren ausgedehnt und ist heute „der größte Technologieinkubator Europas“. (Bild: TechnologieZentrumDortmund)

Eines der ersten von ihnen ist heute noch aktiv: das TZDO (TechnologieZentrumDortmund). Und es hat sich prächtig entwickelt: Derzeit beherbergt es mehr als 300 kleine und mittelständische Unternehmen aus Branchen wie IT, Logistik, Biomedizin, der Mikro-, Nano-, Produktions- und Fertigungstechnologie mit insgesamt rund 10.000 Mitarbeitern. Das Zentrum ist mittlerweile auf mehr als 120.000 m² Fläche gewachsen, aufgeteilt in verschiedene Kompetenzzentren. Zu den angebotenen Leistungen zählen ein zentraler Telefon-, Post- und Empfangsservice, ein Wachdienst, die tägliche Reinigung der Büros sowie der Kontakt zu Spezialisten in Fragen der Förderung, Finanzierung, Weiterbildung oder zum Technologie- und Know-how-Transfer.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Magazin­reihe „IT-Unternehmen aus der Region stellen sich vor“. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Das Beispiel zeigt, dass Kreativquartiere, Gründerzentren oder IoT-Campusse aus ganz unterschiedlichen Interessen und von ebenso unterschiedlichen Anbietern gegründet und betrieben werden. Das European Centre for Creative Economy (ecce) mit seinem Förderprogramm Kreativ.Quartiere Ruhr etwa hat seinen Ursprung in der Kulturhauptstadt RUHR.2010. „Für ecce ist das Ruhrgebiet eine junge Region, die den Wandel ebenso bereits hinter, als auch noch vor sich hat“, heißt es dort. Ziel ist es, Akteure und Institutionen zusammenzubringen, die den Wandel zum Kreativ- und Zukunftsstandort vorantreiben. Zu den angesprochenen Branchen zählen neben Kunst und Musik auch Medien, Design, Architektur und Games-Entwicklung. Gesellschafter sind unter anderem die Städte Bochum, Dortmund und Essen sowie die Folkwang Universität der Künste.

Öffentlicher Zuschussbetrieb

Das TZM (TechnologieZentrum Mainz) dagegen gibt es bereits seit den 1980er-Jahren. Es wird vom Land Rheinland-Pfalz, der Stadt Mainz und der Grundstücksverwaltungsgesellschaft der Stadt Mainz als städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft getragen. Das Zentrum ist keine profitorientierte Einrichtung, sondern sieht sich als öffentliche Institution zur Förderung innovativer Technologien, zur Schaffung qualifizierter Arbeitsplätze und zur Erhöhung der Mainzer Standortattraktivität. Im Angebot sind insgesamt 18 Büros mit 13, 23 oder 31 m² Fläche in unmittelbarer Nähe des Mainzer Hauptbahnhofs. Noch mehr Platz – insgesamt mehr als 1600 m² – bieten die Laborflächen im Biotechnikum in der Mainzer Oberstadt. Darüber hinaus trumpft das Zentrum mit einer Beraterinfrastruktur auf, die regelmäßig Veranstaltungen, Seminare und Workshops zu gründungsrelevanten Themen auf die Beine stellt.

Nicht immer haben Start-ups die Auswahl, wenn sie auf der Suche nach einem Unterschlupf sind, in dem sie behutsam wachsen können. Ob sie mit dem Standort und dem Anbieter klarkommen, ist von mehreren Faktoren abhängig, zu denen das Finanzielle ebenso zählt wie die Atmosphäre und das Verhältnis zum Betreiber. Ob dieser öffentlich oder privat sein sollte, ist Einstellungssache. Geht ein privater Anbieter pleite, stehen die Mieter möglicherweise vor einer ungewissen Zukunft. Da Jungunternehmen Gründer- und Technologiezentren meist aber ohnehin nur als Zwischenstation sehen und manche Betreiber den Aufenthalt von vornherein vertraglich auf eine bestimmte Zeit begrenzen, dürfte dieses Risiko meist tragbar sein.

Bei staatlichen Institutionen scheint die Ausgangslage sicherer. Eine Garantie gibt es aber auch hier nicht: Der Landesrechnungshof Rheinland-Pfalz hält es in seinem Jahresbericht 2018 für geboten, dass die Landesbeteiligung am TechnologieZentrum Mainz aufgegeben wird. 2011 bis 2017 habe das Land der GmbH nahezu 1,1 Millionen Euro zum Defizitausgleich, zur Darlehenstilgung sowie zur Projektförderung zur Verfügung gestellt. Mehr als die Hälfte der Mieter habe jedoch nicht zur Zielgruppe junger, technologieorientierter und innovativer Unternehmen gezählt. Insbesondere für den Vermietungsbereich sei ein wichtiges Landesinteresse „nicht erkennbar“.

MW-PLZ45-ID05-181008-MWIDE-Gruenderpreis-NRW-fsk-eng-72-05.jpg Geht doch! Nils Kühle und Christian Sühwold waren mit ihrer SmartCell, deren Roboter man einfach vormacht, was sie tun sollen, für den Gründerpreis NRW 2018 nominiert. Programmierkenntnisse sind nicht vonnöten. Die junge fsk engineering GmbH ist Mieter im Grüder- und TechnologieCentrum Gummersbach. (Bild: MWIDE NRW – E. Lichtenscheidt)

Beliebtes Gummersbach

Szenenwechsel: Willkommen in Gummersbach! Zugegeben, das hört sich zunächst nicht nach hippem Hotspot an. Auch dort gibt es jedoch ein Gründer- und Technologiezentrum, genauer: das Gründer- und TechnologieCentrum Gummersbach (GTC). Und mehr noch: Es ist mit aktuell 33 Unternehmen komplett ausgebucht. Fragt man Geschäftsführerin Susanne Roll nach den Gründen, fallen ihr schnell mehrere ein. Die Mieterunternehmen bekämen ein „Rundum-Sorglos-Paket“ in einer repräsentativen Immobilie. Des Weiteren zählten attraktive Sonderkonditionen, zum Beispiel bei Mobilfunkanbietern oder Versicherungen, ebenso zum Angebot wie der Kontakt zu bundesweiten Netzwerken des GTC. Es besteht ferner ein enger Austausch mit der TH Köln und anderen Institutionen.

Wer von Berufserfahrung profitieren will, findet bei den angeschlossenen Experten des Wirtschaftsseniorennetzwerks UhU (Unternehmen helfen Unternehmen) Rat und Unterstützung. Seit elf Jahren gibt es eine Kinderbetreuung, und Hunde sind im GTC ebenfalls willkommen, führt Roll weiter aus. Darüber hinaus wird am GTC seit 15 Jahren auch international gegründet: „Unternehmen beispielsweise aus den USA, Schottland, Polen, Portugal, Türkei oder Indien haben hier schon ihren Anfang genommen.“

Und wie wirkt sich das alles auf Gummersbach aus? Die Stadt habe in den letzten Jahren eine sehr gute Entwicklung durchlaufen, antwortet Roll. Es sei ein vielfältiges Freizeitangebot entstanden, und trotzdem sei der Wohnraum noch bezahlbar, gut ausgebildete Fachkräfte seien verfügbar. Die Region weise nicht zuletzt viele Hidden Champions auf: „Gerade der inhabergeführte Mittelstand engagiert sich dort sehr.“

Eines kann und will auch das GTC nicht bieten: eine Standardlösung. „Jedes Start-up ist anders und benötigt eine individuell auf das Unternehmen zugeschnittene Unterstützung“, weiß Roll aus Erfahrung. Allerdings stünden meist Finanzierungsfragen am Anfang, dann Markteintrittsstrategien, gefolgt von der Mitarbeiterakquise und Entwicklung. Die GTC-Geschäftsführerin verweist in diesem Zusammenhang auf eine Studie des Instituts für Innovation und Technik (iit) im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. Sie ist im März 2018 erschienen und hat Trends in der Unterstützungslandschaft von Start-ups untersucht. Jungunternehmen finden darin auf 192 Seiten eine Vielzahl an weiteren Anregungen, etwa zum Leistungsspektrum der insgesamt 309 derzeit existierenden Technologie- und Gründerzentren in Deutschland. Wie sagt das Sprichwort? Dem ist gut helfen, der sich helfen lassen will.

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