Digitale Infrastruktur in Bayern

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Breitband über weite Strecken

© Andreas Gücklhorn – Unsplash

Von Dirk Bongardt

In 95 von 100 süddeutschen Haushalten soll Mobilfunk nach dem gegenwärtig schnellsten Standard LTE zur Verfügung stehen. Bayern läge mit diesem Wert ziemlich genau in der Mitte zwischen Berlin (wo die LTE-Abdeckung bei 100 % liegen soll), und dem Saarland, für das eine Abdeckung von 93,3 % genannt wird. Die Angaben stammen vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur.

Unterschiedliche LTE-Messungen

Die gefühlte Versorgung mit breitbandigem Mobilfunk ist jedoch eine andere: Wer sich mit dem Auto oder dem Zug 100 km durch den Süden Deutschlands bewegt, wird in den seltensten Fällen auf 95 km davon LTE nutzen können.

Um einen fairen, praxisnahen Wert für die Netzabdeckung zu ermitteln, setzt das britische Unternehmen OpenSignal auf die Mithilfe der Betroffenen: Wer will, kann sich auf seinem iPhone oder Android-Smartphone die OpenSignal-App einrichten und damit die Netzverfügbarkeit messen lassen. Die OpenSignal-App misst und bewertet von da an stündlich die Netzverfügbarkeit und -Geschwindigkeit, egal, ob sich der Nutzer gerade im freien oder in seinem Wohnzimmer, am Bahnhof oder im Park befindet. Aus Millionen solcher Messungen erstellt OpenSignal schließlich seine Statistiken - und die liefern ein etwas anderes Bild als die offiziellen Angaben.

So erleben O₂-Kunden in Deutschland eine Verfügbarkeit von 59,2 %, Vodafone-Kunden 69,4 %, und Telekom-Kunden kommen auf 81,3 % LTE-Abdeckung. Diese Zahlen stehen nicht einmal unbedingt im Widerspruch zu denen des Ministeriums – an vielen Orten steht wohl tatsächlich LTE zur Verfügung, bloß eben gerade nicht im Mobilfunknetz des jeweiligen Nutzers.

Serie: Digitale Infrastruktur
Die Einführung beginnt in Berlin und klärt die Rahmenbedingungen in Deutschland. Ein erster Regionalschwerpunkt widmet sich dann dem Westen und Nordrhein-Westfalen. Weitere Regionalreports konzentrieren sich auf den deutschen Südwesten und auf Bayern. Extra-Beiträge berichten außerdem über den Stand der NGA-Netze in Österreich und über die praktische, aber schwierige Mobilfunk-Dominanz in der Alpenrepublik.

Mobilfunkzentrum in Regensburg

Dass in Sachen Mobilfunk im Süden nicht alles zum Besten steht, ist auch der bayerischen Staatsregierung bewusst. Im August hat sie deshalb ein Mobilfunkzentrum in Regensburg eröffnet, das als zentrale Anlaufstelle für den Mobilfunkausbau dienen soll. Bayern will, um die Versorgungslücken zu schließen, 80 Millionen Euro ausgeben, mit denen unter anderem rund 500 neue Mobilfunkmasten errichtet werden sollen. Das Geld stellt das Land zur Verfügung, die eigentliche Errichtung der Mobilfunkmasten soll allerdings Aufgabe der Kommunen bleiben. Die haben dann allerdings auch den Schwarzen Peter, wenn es darum geht, Standorte zu finden, gegen die Anwohner oder Umweltschützer nicht Sturm laufen.

Parallel dazu hat auch die Deutsche Telekom angekündigt, in den nächsten drei Jahren rund 100 Mobilfunklücken in Bayern zu schließen. Bis 2020, so der Konzern, seien ohnehin über 1000 weitere Mobilfunkmasten in der Planung.

Standorte richtig einschätzen

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Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur stellt mit dem Breitbandatlas eine interaktive Karte zur Verfügung, mit der sich Unternehmer vorab ein Bild von der digitalen Infrastruktur an einem möglichen Standort machen können. Bis zur Hausadresse lässt sich die Karte heranzoomen, in Schritten von 2, 10, 30, 50 und 100 MBit/s kann der Nutzer dann abfragen, ob die gewünschte Bandbreite vor Ort „wahrscheinlich verfügbar“ oder „wahrscheinlich nicht verfügbar“ ist. Auch eine Abfrage nach „privaten Produkten an Gewerbestandorten“ ist möglich. (Bild: BMVI)

Fördertöpfe für Deckungslücken

Dass wirtschaftliche Förderungen der Landesregierung den Netzausbau voranbringen können, zeigt sich beim Thema Glasfaser. Josef Scherl, Technikchef der Telekom in Bayern, erklärte kürzlich, durch das Förderprogramm der bayerischen Landesregierung seien 97 % der bayerischen Gemeinden im Förderverfahren. Seit 2013 würden insgesamt 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Die Förderung schließe Deckungslücken und mache viele Projekte erst profitabel. Von den bundesweit in diesem Jahr verlegten 40.000 km Glasfaserkabel habe die Telekom deshalb 17.000 im Bundesland Bayern verlegen können.

„Hohe Ausgaben, wenig Effizienz“, urteilt hingegen die grüne Opposition im bayerischen Landtag. Eine von der Grünenfraktion beauftragte Studie bescheinigt den bayerischen Städten und Ballungsräumen zwar eine gute Versorgung über Glasfaser, sieht Defizite aber vor allem im ländlichen Bereich. 11 Milliarden Euro würde eine flächendeckende Versorgung mit Glasfaser für Bayern kosten. Speziell im ländlichen Raum setzt Bayern aber bislang auf die Vectoring-Technologie, um einigermaßen schnelles Internet zu gewährleisten. Vectoring basiert auf dem alten Kupferkabel. Auch damit lassen sich zwar Bandbreiten von 50 bis 100 MBit/s erreichen, aber nur für eine begrenzte Zahl von Nutzern. Zudem halten Experten die Möglichkeiten dieser Technologie für weitgehend ausgereizt.

Thema: Breitbandausbau
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Dr. Jürgen Kaack hat eine Reihe von Projekten als Berater begleitet. Einige aus der Region Nordrhein-Westfalen stellt er ausführlicher als Best-Practice-Beispiele vor: Arnsberg, Ennepetal, Erftstadt, Erkelenz und Wegberg sowie die Lage im gesamten Kreis Heinsberg, ferner Geilenkirchen, Haltern am See, Kaarst, Nettetal und Rheurdt. Außerdem berichtet er von der T-City Friedrichshafen, erläutert die möglichen Geschäftsmodelle im kommunalen Breitbandausbau sowie die Optionen der NGA-Rahmenregelung und setzt auseinander, wo Vectoring seine Haken hat. Nicht zuletzt skizziert er die Prinzipien einer Breitbandstrategie NRW und macht handfeste Vorschläge für eine umfassende Breitbandstrategie. Seine gesammelten Erfahrungen sind 2016 in der Reihe MittelstandsWiki bei Books on Demand erschienen: „Schnelles Internet in Deutschland“ (Paperback, 220 Seiten, ISBN 978-3-946487-00-5, 9,99 Euro).

Tatsächlich ist es nicht ganz einfach, „echte“ Glasfaseranschlüsse von solchen zu unterscheiden, die letztlich doch auf Kupferkabeltechnologie basieren. Auch ADSL/VDSL- und Breitbandkabelnetze nutzen Glasfaserleitungen – aber eben nur auf den höheren Verteilebenen und nicht bis in die Wohnungen, Büros und Betriebsgebäude. Spätestens im Keller des zu versorgenden Gebäudes endet die Glasfaserversorgung meist. Von dort geht es per Kupferdraht weiter, und als Endgerät stehen bei den Vernetzten DSL-Modems, die die angelieferten Daten entweder per VDSL oder über den neuen Übertragungsstandard G.fast entgegennehmen.

Immerhin können sich die Eigentümer solcher Gebäude entscheiden, auf eigene Kosten vom Glasfaserübergabepunkt im Keller weitere Lichtwellenleiter bis zu den Anschlüssen in den Büros, Produktionshallen oder Serverräumen zu verlegen. Wer allerdings Büros in von mehreren Unternehmen genutzten Bürogebäuden angemietet hat, muss sich auch in einem solchen Fall zunächst sowohl mit dem Eigentümer als auch mit den anderen Mietern verständigen.

Schneiden statt baggern

Internet-Zugangsanbieter Vodafone hat 2017 eine Glasfaseroffensive angekündigt, die noch 2018 deutschlandweit in 70 Städten und für rund 7000 Unternehmen eine Anbindung mit einer Bandbreite von mindestens 1 GBit/s garantieren soll. Dabei setzt das Unternehmen nach eigenen Angaben auf ein Verlegeverfahren namens Nano Trenching: Mit einem feinen Schnitt wird Glasfaser direkt in der Asphaltdecke verlegt, ohne deren Tragfähigkeit zu beeinträchtigen. Damit soll die Notwendigkeit, Straßen zu sperren, auf ein Minimum beschränkt werden. Wichtigerer Vorteil des Nanotrench-Verfahrens ist allerdings die Verlegegeschwindigkeit: Im Vergleich zu konventionellen Verfahren soll Nano Trenching die benötigte Zeit um die Hälfte reduzieren.

Bayernweite Digitalisierungsinitiativen

„Bayern zur Leitregion des digitalen Aufbruchs zu machen“, ist vorrangiges Ziel des Masterplans Bayern Digital II, so ein Zitat des bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Energie und Technologie. Zusammen mit dem seit 2015 laufenden Masterplan I sieht die Landesregierung darin bis 2022 Mittel von insgesamt 5,5 Milliarden Euro zur Förderung der digitalen Infrastruktur vor. Neben dem Netzausbau will das Land damit unter anderem Forschungsbereiche und Technologien wie künstliche Intelligenz, 3D-Druck, autonomes Fahren, Cybersecurity, Mikrosystemtechnik, E-Health und Assistenzrobotik fördern.

Speziell an kleine und mittlere Unternehmen richtet sich das Programm Digitalbonus Bayern. Der Freistaat fördert mit Zuschüssen und zinsverbilligten Darlehen die „Entwicklung, Einführung oder Verbesserung von Produkten, Dienstleistungen und Prozessen, durch IKT-Hardware, IKT-Software sowie Migration und Portierung von IT-Systemen und IT-Anwendungen und die Einführung oder Verbesserung der IT-Sicherheit.“ Das Förderprogramm läuft noch bis Dezember 2020.

K.o.-Kriterium am Standort

Unternehmen, für welche die digitale Disruption eine Rolle spielt – und das dürfte bis hin zu Bäckereien und Friseuren auf alle zutreffen –, sollten bei der Standortwahl genau hinsehen: Wie der Breitbandatlas (siehe Kasten oben) zeigt, variiert die Versorgung mit breitbandigem Internet innerhalb desselben Ortes oft stark, und keineswegs sind es immer die Gewerbegebiete, die am besten erschlossen sind. Das gilt insbesondere für Unternehmen, die auf breitbandige, kabelgebundene Technologien angewiesen sind. Auch die mit mobilen Technologien erzielbaren Bandbreiten schwanken standortabhängig, hier ist Deutschland aber im weltweiten Vergleich nach wie vor auf einem Spitzenplatz, und die inzwischen angelaufenen 5G-Initiativen lassen hoffen, dass das auch in Zukunft so bleiben wird.

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Dirk Bongardt hat vor Beginn seiner journalistischen Laufbahn zehn Jahre Erfahrung in verschiedenen Funktionen in Vertriebsabteilungen industrieller und mittelständischer Unternehmen gesammelt. Seit 2000 arbeitet er als freier Autor. Sein thematischer Schwerpunkt liegt auf praxisnahen Informationen rund um Gegenwarts- und Zukunftstechnologien, vorwiegend in den Bereichen Mobile und IT.


Dirk Bongardt, Tel.: 05262-6400216, mail@dirk-bongardt.de, netknowhow.de

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