5. Hessischer Breitbandgipfel 2014

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Vectoring legt NGA-Pläne auf Eis

Von Dr. rer. nat. Jürgen Kaack, STZ-Consulting Group

Am 18. Juni 2014 fand in Frankfurt der mittlerweile 5. Breitbandgipfel des Landes Hessen statt. Mit gut 600 Teilnehmern wurde wieder ein neuer Rekord erreicht; die hohe Teilnehmerzahl dokumentiert das unverändert hohe – offensichtlich sogar zunehmende – Interesse an Fragen in Verbindung mit einem nachhaltigen Ausbau von Hochleistungsnetzen.

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Schon in den vergangenen Jahren konnte man beim Breitbandgipfel beobachten, dass sich die Thematik von der Grundversorgung hin zu NGA-fähigen Infrastrukturen verschob. 2014 standen nun der Vectoring-Ausbau und seine durchaus kontroversen Folgen im Mittelpunkt. Viele Kommunen profitieren zwar von einem Vectoring-Ausbau, der im Vergleich zu VDSL in der Regel eine größere Flächenabdeckung ermöglicht, doch auf der anderen Seite werden Eigeninitiativen von Kommunen und alternativen Anbietern oft beeinträchtigt oder gar verhindert.

Was hat die Telekom vor?

Der Deutschen Telekom kommt dabei unverändert zugute, dass viele Kommune und Kreise sie doch immer noch am liebsten als Partner für einen Ausbau hätten. So kann die Telekom wohl auch darauf hoffen, dass ihr später die jetzt gebauten Infrastrukturen günstig zufallen, entweder durch Kauf oder eine günstige Anmietung. Da ist es erfreulich zu hören, dass einige Kommunen trotz des Gegenwinds durch Vectoring ihre Glasfaserausbauprojekte konsequent durchführen. Die Stadt Rüsselsheim ist hier ein Vorzeigeprojekt.

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Die STZ-Consulting Group ist eine Unternehmens­beratung, die Unternehmen und Kommunen bei der Bewältigung von Veränderungs­prozessen unterstützt, von der Entwicklung trag­fähiger Konzepte bis zur Um­setzung. Die Partner der STZ-Consulting Group haben lang­jährige Erfah­rungen aus eigener operativer Führungs­tätigkeit in Unter­nehmen, aus der Gründung und dem Aufbau von Unter­nehmen sowie in der Beratung. Ein Branchen­schwerpunkt liegt in der Tele­kommunikation.

Dr. Jürgen Kaack – STZ-Consulting Group, Kolibristr. 37, 50374 Erftstadt, Tel. 02235-988776, info@stz-consulting.de, www.stz-consulting.de.

Während die Anmietung von Trassen und Kapazitäten im Bereich der nationalen und internationalen Backbone-Netze schon seit vielen Jahren von allen Betreibern genutzt wird, ist die Anmietung von Anschlussnetzen immer noch die Ausnahme. Die Telekom betreibt seit mehreren Jahren den Aufbau eines Whole-buy-Prozesses zur Anmietung fremder Infrastrukturen, kommt damit aber offensichtlich nicht voran. Man könnte fast vermuten, dass dies auch im Sinne der Unternehmensstrategie so gewollt ist. Eine verstärkte Whole-buy-Aktivität hätte ja möglicherweise Einfluss auf die Vectoring-Strategie und könnte den Bau von passiven Anschlussnetzen durch kommunale Institutionen intensivieren.

Neben den Beeinträchtigungen von anderen Breitbandvorhaben durch Vectoring wird immer wieder die fehlende Transparenz der Ausbauplanungen bemängelt. Da die Einflüsse von Vectoring nicht unerheblich sind, sollten Kommunen und alternative Anbieter möglichst früh Kenntnis von entsprechenden Planungen erhalten.

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Thema: Breitbandausbau:
Dr. Jürgen Kaack hat eine Reihe von Projekten als Berater begleitet. Einige aus der Region Nordrhein-Westfalen stellt er ausführlicher als Best-Practice-Beispiele vor: Arnsberg, Ennepetal, Erftstadt, Erkelenz und Wegberg sowie die Lage im gesamten Kreis Heinsberg, ferner Geilenkirchen, Haltern am See, Kaarst, Nettetal und Rheurdt. Außerdem berichtet er von der T-City Friedrichshafen, erläutert die möglichen Geschäftsmodelle im kommunalen Breitbandausbau sowie die Optionen der NGA-Rahmenregelung und setzt auseinander, wo Vectoring seine Haken hat. Nicht zuletzt skizziert er die Prinzipien einer Breitbandstrategie NRW und macht handfeste Vorschläge für eine umfassende Breitbandstrategie. Seine gesammelten Erfahrungen sind 2016 in der Reihe MittelstandsWiki bei Books on Demand erschienen: „Schnelles Internet in Deutschland“ (Paperback, 220 Seiten, ISBN 978-3-946487-00-5, 9,99 Euro).

Wenig Leidensdruck, wenig Wechselbereitschaft

Ein zunehmendes Problem stellt für alle Anbieter die immer noch sehr niedrige Akzeptanz von schnellen Internet-Zugängen dar. Nach Schätzungen von STZ-Consulting nutzen gerade einmal 20 bis 25 % der Haushalte in einem NGA-versorgten Gebiet tatsächlich Bandbreiten von 30 MBit/s oder mehr. Die Wechselbereitschaft zu einem NGA-Anbieter ist nur dann höher, wenn die Ausgangsbandbreite deutlich unter 16 MBit/s liegt.

In diesem Punkt ist insbesondere die Politik gefordert; sie sollte durch geeignete Kommunikationsmaßnahmen das Bewusstsein der Bedeutung schneller Internet-Zugänge und die Bereitschaft zu einem Wechsel auf höhere Leistungen steigern. Aber auch die Anbieter selbst könnten mehr tun; der Einsatz von Drückerkolonnen zum Abschluss von Haustürgeschäften ist nicht unbedingt das beste Mittel.

Neue Dienste bleiben Diskussionspapiere
Alle Anbieter vernachlässigen die Entwicklung neuer Dienste für die schnellen Netze. Zwar sind multimediale Inhalte (insbesondere das lineare Fernsehen) die Treiber der Nutzung schneller Anschlüsse. Aber die Umsetzung innovativer Dienste findet bislang nur in Form von Diskussionen über Zukunftsideen in den immer gleichen Bereichen statt: Bildung, Gesundheit, Energie, Verwaltung, Wirtschaftsprozesse und Unterhaltung.

Fazit: Wertschöpfungsketten öffnen!

Nach vielen Jahren der Beschäftigung mit Telekommunikationsthemen ist mein persönliches Ergebnis der Ursachenanalyse: dass die unverändert geschlossenen Wertschöpfungsketten aller Anbieter das Haupthindernis darstellen. Eine Öffnung und Kooperationsbereitschaft werden zwar gerne verbal bekundet – in der Umsetzung finden sie kaum statt. Gerade neue Dienste für kleine und regionale Zielgruppen können aber nur in enger Kooperation mit Diensteanbietern, Vereinen und Institutionen entwickelt und betrieben werden.

Der Erfolg des hessischen Breitbandgipfels bestätigt, dass es einen Bedarf an einer Austauschplattform zwischen Politik, Kommunen, Kreisen und Netzbetreibern gibt. Bedauerlich ist, dass es insbesondere in Nordrhein-Westfalen keine vergleichbaren Kommunikationsplattformen gibt. Das Bewusstsein der Bedeutung des Zukunftsthemas Breitband ist bei Politik und Regierung leider kaum irgendwo so ausgeprägt vorhanden wie in Hessen.

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