NGA-Versorgung

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Nutzungslücke bremst den Breitbandausbau

Von Dr. Jürgen Kaack, STZ-Consulting

Schnelle Internet-Zugänge sind längst eine Selbstverständlichkeit. Wohnungen ohne Breitband sind schwer zu vermieten, ohne Breitbandzugang sinken die Hauspreise und wenn der Internet-Anschluss zu langsam ist, beschweren sich die Bürger bei Kommunalpolitikern und Verwaltung. 81 % der Männer und 72 % der Frauen in Deutschland nutzen laut (N)Onlineratlas 2013 das Internet. Aufgrund der vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten ist es gerechtfertigt, die Breitbandversorgung als eine Aufgabe der Daseinsvorsorge zu behandeln.

Die Zerschlagung des Kabelnetzes beim Verkauf im Jahr 2000 auf eine Reihe von regionalen Gesellschaften ist ursächlich für die im Vergleich zu anderen Ländern lange Verzögerung bis zur Schaffung der Rückkanalfähigkeit. Der Marktanteil der Kabelnetzbetreiber für den Breitbandzugang wächst zwar von allen Technologien am stärksten, ist aber absolut betrachtet im internationalen Vergleich noch schwach. Der Ausbau mit Glasfaseranschlussnetzen kommt in Deutschland ebenfalls eher schleppend in Gang, da das Angebot an DSL-Zugängen den vorhandenen Bedarf zu vergleichsweise günstigen Preisen abschöpft.

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Für 60 % wäre Highspeed da

Die verschiedenen Aktivitäten der Deutschen Telekom und alternativer Betreiber (die in Summe höhere Investitionsaufwände stemmen als die Deutsche Telekom) haben im Wesentlichen auf der Basis der Kabel-TV-Netze und mittels DSL zu einer Verfügbarkeit von Breitbandzugängen geführt, die mindestens 50 MBit/s an Übertragungsgeschwindigkeit ermöglichen. Nach Schätzungen von STZ-Consulting 2013 dürften diese Werte damit im Durchschnitt für 60% der Haushalte verfügbar sein (Ende 2012 waren es knapp 55 %). Korrekte Zahlen zu ermitteln, ist nicht ganz einfach, da es kein bundesweites unabhängiges Breitbandkataster gibt. Insgesamt werden laut Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) Mitte 2013 27,7 Mio. Breitbandanschlüsse (ab 2 MBit/s) genutzt.

Diese Verfügbarkeit ist grundsätzlich nicht schlecht, wenn es auch fraglich erscheint, ob die von der Bundesregierung als Ziel festgelegten 75 % der Anschlüsse mit mehr als 50 MBit/s bereits 2014 erreicht werden. Aber dies ist ein grundsätzliches und kein breitbandspezifisches Problem, wenn von der Politik nur das Ziel definiert, aber keine Strategie zur Erreichung der Ziele erarbeitet und umgesetzt wird.

Der Punkt ist: Die tatsächliche Nutzung schneller Anschlüsse liegt mit ca. 25 % weit unter der Verfügbarkeit.

Verfügbar, aber ungenutzt

Bei 77 % Internet-Nutzern und einer Breitbandversorgung von ca. 60 % könnte man vermuten, dass im Durchschnitt 46 % der Haushalte schnelle Internet-Zugänge nutzen. In der Realität liegen die Nutzungszahlen aber erschreckend niedrig. Nach Schätzungen von STZ-Consulting nutzen im Durchschnitt nicht mehr als 25 % der Haushalte in den mit mehr als 25 MBit/s versorgten Regionen die Möglichkeit des schnellen Anschlusses.

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Die STZ-Consulting Group ist eine Unternehmens­beratung, die Unternehmen und Kommunen bei der Bewältigung von Veränderungs­prozessen unterstützt, von der Entwicklung trag­fähiger Konzepte bis zur Um­setzung. Die Partner der STZ-Consulting Group haben lang­jährige Erfah­rungen aus eigener operativer Führungs­tätigkeit in Unter­nehmen, aus der Gründung und dem Aufbau von Unter­nehmen sowie in der Beratung. Ein Branchen­schwerpunkt liegt in der Tele­kommunikation.

Dr. Jürgen Kaack – STZ-Consulting Group, Kolibristr. 37, 50374 Erftstadt, Tel. 02235-988776, info@stz-consulting.de, www.stz-consulting.de.

Selbst bei den nachhaltig zukunftssicheren Glasfaserhausanschlüssen herrscht bei den potenziellen Nutzern Zurückhaltung. Ende 2012 waren nach Schätzung des Branchenverbandes VATM gut 800.000 Glasfaserhausanschlüsse verfügbar; aktiv genutzt wurden auch hier nur 43 % oder 343.500. Bei VDSL stand es um die sogenannte Takeup-Rate für die Nutzung vorhandener Anschlüsse mit 10 % (von 10 Mio. Anfang 2011 verfügbarer VDSL-Anschlüsse) noch schlechter. Laut VATM wurden Ende 2012 immer noch nur 11,4 % der DSL-Anschlüsse mit mehr als 16 MBit/s (VDSL) genutzt!

Kein Bedarf für Next Generation Access (NGA)

Es ist nur schwer auszumachen, woran die fehlende Akzeptanz liegt. Eine insbesondere in Deutschland zu beobachtende Geiz-ist-geil-Mentalität und der Preiskrieg der Anbieter haben dazu geführt, dass ein Internet-Zugang eigentlich nicht mehr als 19,90 Euro pro Monat kosten darf. Zu diesem Preis ist ein schneller NGA-Anschluss allerdings nicht zu realisieren.

Zum anderen fehlt ein breites Angebot von Diensten, die einen schnellen Zugang erforderlich machen. Durch die bislang vertikal geschlossenen Geschäftsmodelle ohne offene Schnittstellen für einen mittelständischen Dienstebetreiber ist dieses Marktsegment in Deutschland – anders als z.B. in den Niederlanden – noch unterentwickelt.

Mit einer Zunahme von spezifischen Angeboten aus den Bereichen Bildung, Kultur, Sport, Telemedizin und E-Government kann sich das Nutzungsverhalten mittelfristig ändern. Dabei ist dann die Verfügbarkeit einzelner Diensteangebote für die Kaufentscheidung vermutlich vorrangig vor immer schnelleren Geschwindigkeiten. Tatsächlich gibt es derzeit keinen praktischen Grund, einen Internet-Zugang mit mit mehr als 50 MBit/s zu erwerben, da es hierfür keine Massenmarktdienste gibt. So wird erklärbar, warum Deutschland derzeit nicht mehr als ca. 6 Mio. NGA-Anschlüsse (> 25 MBit/s) hat.

Der Glasfaserausbau stockt

Diese Situation könnte man als gegeben hinnehmen – wenn nicht gleichzeitig das über IP-Netze übertragene Datenvolumen pro Jahr um ca. 18 % wachsen würde. Mit diesem starken Wachstum, für das sich in den nächsten Jahren kaum eine Abschwächung andeutet, werden die vorhandenen Netze irgendwann in den nächsten fünf bis zehn Jahren an eine Kapazitätsgrenze stossen.

Daher müsste ein vorausschauender Infrastrukturaufbau mit Glasfasernetzen bis zum Hausanschluss (Fiber to the Home oder Fiber to the Building) erfolgen, denn nur die Glasfaser besitzt die physikalischen Voraussetzungen für schnelle Datenübertragung (Obergrenze ist hier die Lichtgeschwindigkeit) mit sehr hohen Kapazitäten. Allerdings ist Glasfaser wegen der relativ kostspieligen Tiefbauarbeiten nicht eben billig.

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Thema: Breitbandausbau:
Dr. Jürgen Kaack hat eine Reihe von Projekten als Berater begleitet. Einige aus der Region Nordrhein-Westfalen stellt er ausführlicher als Best-Practice-Beispiele vor: Arnsberg, Ennepetal, Erftstadt, Erkelenz und Wegberg sowie die Lage im gesamten Kreis Heinsberg, ferner Geilenkirchen, Haltern am See, Kaarst, Nettetal und Rheurdt. Außerdem berichtet er von der T-City Friedrichshafen, erläutert die möglichen Geschäftsmodelle im kommunalen Breitbandausbau sowie die Optionen der NGA-Rahmenregelung und setzt auseinander, wo Vectoring seine Haken hat. Nicht zuletzt skizziert er die Prinzipien einer Breitbandstrategie NRW und macht handfeste Vorschläge für eine umfassende Breitbandstrategie. Seine gesammelten Erfahrungen sind 2016 in der Reihe MittelstandsWiki bei Books on Demand erschienen: „Schnelles Internet in Deutschland“ (Paperback, 220 Seiten, ISBN 978-3-946487-00-5, 9,99 Euro).

Die Deutsche Telekom hat 2010 als Ziel für 2012 kommuniziert, 10 % der Haushalte mit Glasfaseranschlüssen auszubauen. Anstatt der geplanten 4 Mio. Anschlüsse wurden es nicht mehr als 200.000, die zu gerade mal 25 % tatsächlich aktiv genutzt werden.

FTTH – besser als nichts

Bei diesen schlechten Werten ist es verständlich, dass sich die Deutsche Telekom aus dem FTTH-Ausbau (Fiber to the Home) offensichtlich weitgehend zurückzieht. Während der Riese sich mit dem FTTH-Ausbau auf dicht besiedelte Kernstadtbereiche konzentrierte, die überwiegend bereits von Kabelnetzbetreibern versorgt werden, hat die Deutsche Glasfaser, ein Tochterunternehmen der niederländischen Reggeborgh, ihren Ausbau gerade in dünn besiedelten ländlichen mit schlechter Breitbandversorgung begonnen. Obwohl bisher häufig argumentiert wurde, dass sich unter diesen Bedingungen ein Breitbandausbau wirtschaftlich nicht lohne, beweisen die Aktivitäten in den Kreisen Borken, Coesfeld, Viersen und Heinsberg, dass gerade hier doch Bedarf besteht. In einer Reihe von Ortsteilen konnten Vorvertragsquoten von 55 bis deutlich über 80 % realisiert werden.

Vermutlich benötigt nicht jeder der neuen Kunden einen Internet-Zugang mit symmetrischen 100 MBit/s, aber ohne eine qualifizierte Alternative mit schnellen Zugängen wird das Angebot der Deutschen Glasfaser gerne wahrgenommen. Sobald aber Bereiche mit einer besseren Versorgung (über 10 MBit/s) bearbeitet werden, sinkt die Akzeptanz signifikant bis auf unter 10 % und entspricht damit wieder den Werten, die auch die Deutsche Telekom in ihren Giganetz-FTTH-Vorhaben erreicht.

VDSL2-Vectoring schießt quer

Betriebswirtschaftlich macht der jetzt beschlossene VDSL-Ausbau auf der Basis der Vectoring-Technologie mit bis zu 100 MBit/s im Downstream durchaus Sinn. Zum einen ist der Ausbau im Vergleich zum FTTH-Ausbau mit deutlich geringeren Investitionen möglich. Zum anderen ermöglicht der Vectoring-Ausbau die Abschaltung des alten und bisher parallel betriebenen analogen Netzes.

So kann der Vectoring-Ausbau in hohem Maße durch Einsparungen bei den Betriebskosten finanziert werden und er erhöht die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Kabelnetzbetreibern. Da in einem Ortsnetz bei Vectoring das gesamte Netz ausgebaut und fast alle Kabelverzweiger mit Glasfaser angeschlossen werden müssen, ergibt sich für die Kommunen der Vorteil, dass die Versorgung innerhalb des Ortsnetzes wesentlich homogener wird als beim bisherigen VDSL2-Ausbau.

Die Kehrseite beim Vectoring-Ausbau ist, dass die DSL-Netze auf diesem Wege wieder in erheblichem Maße remonopolisiert werden. Wettbewerber haben nur unter engen Auflagen die Möglichkeit, selber tätig zu werden. Bei einer Ausschreibung durch Kommunen und Kreise geraten Wettbewerber der Deutschen Telekom in eine schwierige Position, da sie keine Synergieeffekte durch die Abschaltung des analogen Netzes entgegensetzen können und somit in der Kalkulation kaum wettbewerbsfähig anbieten können.

Nachhaltig sieht anders aus

Auch Aktivitäten von Kommunen und Kreisen, die sich selber zum Aufbau von passiven NGA-Netzen entschlossen haben, werden unter Umständen erheblich beeinträchtigt, da die erwarteten Kundenpotenziale in schwach versorgten Regionen in bedeutendem Maße wegbrechen. Der weitere Glasfaserausbau zur Erzielung einer mittelfristig leistungsstarken Breitbandinfrastruktur wird voraussichtlich massiv eingebremst und die nachhaltige Zukunftssicherheit zugunsten einer kurzfristigen Verbesserung der Versorgungslage gefährdet.

Erweist sich die Prognose als richtig, dass mittelfristig kein Weg an Glasfaser vorbeiführt, dann kommen erhebliche Investitionen auf die Kommunen zu, die heute keine Vorsorge schaffen. Die Investitionen für die Erstellung eines Hausanschlusses liegen je nach Randbedingungen (wie der Länge zwischen den Häusern, der Bodenklasse und der Verlegetiefe) zwischen 1500 und 4000 Euro. Es lässt sich also leicht hochrechnen, welche Belastungen auf eine Mittelstadt zukommen. Bei 25.000 Haushalten und einem Durchschnittsinvest von 2500 Euro wären aus dem Haushalt über 62 Mio. Euro zu finanzieren!

Bei vorausschauendem Handeln und einer koordinierten Mitverlegung in Verbindung mit anderen Tiefbaumaßnahmen lassen sich die Kosten bis auf ein Zehntel senken. Dann muss man allerdings auch eine Zeitspanne von zehn bis 15 Jahren einplanen, bis das Stadt- oder Gemeindegebiet weitgehend flächendeckend ausgebaut ist. In dieser Zeit ergeben sich allerdings auch keine Einnahmen aus dem entstehenden Netz. Dafür liegen die jährlichen Investitionen bei unter 0,6 Mio. Euro.

Optionen für Kommunen und Kreise

Der Paradigmenwechsel beim Breitbandausbau durch die Deutsche Telekom eröffnet vielen Kommunen neue Chancen. Unter Umständen ergibt sich eine kostengünstige Möglichkeit, einen flächendeckenden Ausbau zu erreichen, der in dieser Form noch 2012 nicht möglich schien. Bei Verfahren während der Umbruchphase konnte man dies zum Teil durch deutliche Veränderungen in den ermittelten Deckungslücken feststellen.

Daher sollten interessierte Kommunen die Möglichkeiten prüfen und über Bedarfsermittlung und Markterkundung die Lage für das eigene Gebiet erfassen. Es ist auch bei den neuen Zielen der Telekom nicht ausgeschlossen, dass es in den nächsten Jahren (wie bei den Zielen für die Glasfaseranschlüsse) zu grundlegenden Änderungen kommt. Daher kann Eigeninitiative der Kommune den Vorgang durchaus beschleunigen.

Neben dem kurz- bis mittelfristigen Versorgungsziel sollten Kommunen und Kreise langfristige Ziele für die Schaffung von Glasfaseranschlussnetzen festlegen und durch Zuordnung von personellen und finanziellen Ressourcen absichern. Dann ergeben sich für die Infrastrukturversorgung nicht später Probleme, die bereits heute absehbar wären.

Folgende Aufgaben sollten sich Kommune und Kreise daher zu eigen machen:

  • Analyse der konkreten Versorgungssituation, vorhandener Infrastrukturen und Ermittlung des Bedarfs
  • Prüfung der Ausbauoptionen durch Workshops mit Netzbetreibern und durch öffentliche Markterkundungs- und Auswahlverfahren
  • Schaffung der Position eines dauerhaften Breitbandkoordinators (je nach Größe der Kommune auch in Teilzeit)
  • Erstellung eines Masterplans für die Verlegung eines Glasfaseranschlussnetzes
  • Bereitstellung von jährlichen Haushaltsmitteln für den Netzaufbau im Beilauf

Fazit: Machbare Rahmenregeln müssen her

Aufgabe des Staates und der Länder ist dabei, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Hierfür muss noch eine beihilferechtliche Grundlage für den Aufbau eines NGA-Anschlussnetzes in solchen Regionen geschaffen werden, in denen heute entweder VDSL oder ein Kabelnetz verfügbar ist; außerdem sind Erleichterungen bei der Übertragung des Wegerechts entlang von Bundes- und Landesstraßen notwendig. Die bisherigen Regelungen für die Sicherstellung der Grundversorgung mit 2 MBit/s auf der einen Seite und dem Aufbau von Leerrohnetzen nach der entsprechenden Bundesrahmenregelung reichen hierfür nicht aus. Für die Verbesserung der kurzfristigen Versorgungslage sind ergänzende rechtliche Rahmenbedingungen für Gebiete zu schaffen, die mehrheitlich mehr als die Grundversorgung haben, aber unter der NGA-Grenze von 25 MBit/s liegen.

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