Human Clouds

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Fachkräfte warten in der Wolke

vinzstudio

Von Oliver Schonschek

Stellen Sie sich vor, Sie betreiben einen Online-Shop und der hat so seine Tücken: Offensichtlich haben die Interessenten Schwierigkeiten, sich im Angebot umzusehen. Das sollte sich schleunigst ändern. Doch der bisherige Web-Entwickler ist hoffnungslos überlastet. Dabei brauchen Sie jetzt dringend einen neuen Shop, eine App für Smartphones und Tablets und Hilfe beim Suchmaschinenmarketing. Fachkräfte, die diese Aufgaben schnell und zuverlässig erledigen können, fehlen an allen Ecken und Enden – bei dem herrschenden Fachkräftemangel im IT-Bereich ein echtes Problem.

Ginge es nur um mehr Rechenleistung oder Speicherkapazität, könnte in diesem Szenario einer der zahlreichen Cloud-Computing-Provider flexibel seine Dienste anbieten. Doch hier sind Know-how und handfeste Arbeitsleistung gefragt. Eine klassische Online-Stellenbörse kommt nicht in Betracht, denn der Bedarf ist nur kurzfristig und das Unternehmen will sich keinen Entwickler auf Dauer leisten. Die Lösung könnte eine sogenannte Human Cloud oder People Cloud sein – so jedenfalls das Versprechen der betreffenden Anbieter. Aber wie soll man sich Arbeitskraft aus der Wolke vorstellen?

Arbeitsleistung für diesen Auftrag

Nun könnte man argwöhnen, dass hinter einer People Cloud bzw. Human Cloud nicht viel mehr als eine werbewirksame Bezeichnung für die gewohnten Online-Stellenbörsen steckt. Schließlich ist „die Cloud“ in aller Munde und das Buzzword garantiert Aufmerksamkeit. Tatsächlich sollte man Human Clouds und klassische Online-Stellenbörsen klar voneinander trennen. Eine Human Cloud liefert keine neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern deren Arbeitsleistung. Es werden dort auch keine Stellen ausgeschrieben, sondern konkrete Aufgaben, die zu erledigen sind.

Das Spektrum der Aufgaben, die über das Internet aus Human Clouds zu beziehen sind, ist bereits recht vielfältig. Sie umfassen

  • die Erstellung von Texten, Übersetzungen, Suchmaschinenoptimierung (SEO-Texte) oder Adressrecherchen (z.B. www.clickworker.de),
  • Programmierdienstleistungen, Websites und Apps (z.B. www.coderado.de),
  • Grafikdesign, Vertriebsaufgaben, EDV-Support (z.B. www.expertiger.de), Dateneingaben, juristische Aufgaben, Buchhaltung, Produktentwicklung oder Suchmaschinenmarketing (z.B. www.elance.com).

Die Größe der Cloud und die Zahl der freien Mitarbeiter, die dort ihre Dienste anbieten, sind z.T. sehr unterschiedlich; sie reichen von wenigen hundert bis zu Zehntausenden. Dabei können bei einem Auftrag einzelne Mitarbeiter zum Einsatz kommen, aber auch ein ganzer Schwarm von Mitarbeitern (z.B. bei clickworker.de).

Qualitätssicherung von Microtasks

Human Clouds haben viele Gemeinsamkeiten mit den bekannteren IT-Clouds, auch das Grundprinzip ist dasselbe: Man bezieht Leistungen nach dem aktuellen Bedarf und zahlt auch nur für diese Leistungen – ein klarer Vorteil. Allerdings haben die Clouds für Arbeitsleistungen und die für IT-Ressourcen auch mögliche Nachteile gemeinsam. So besteht erst einmal keine Klarheit über die Qualität der Leistungen, wenn Sie sich den Anbieter nicht genau ansehen.

Das Karlsruher Institut für Dienstleistungsforschung am KIT (Karlsruher Institut für Technologie) hat sich daher mit einem Forschungsprojekt zu People Clouds speziell dafür interessiert, wie eine systematische Qualitätssicherung der Ergebnisse aus Human Clouds funktionieren kann.

Die Qualitätssicherung ist vor allem deshalb so anspruchsvoll, weil auch Human Clouds skalierbar sein sollen. Dann wird nicht ein komplettes Projekt im Ganzen an die freien Mitarbeiter, die sich an der Human Cloud beteiligen, übergeben, sondern viele Einzelaufgaben, sogenannte Microtasks. Dann kann die Qualität der Einzelergebnisse durchaus unterschiedlich sein, abhängig von der Leistung des jeweiligen freien Mitarbeiters. Hier ist der Cloud-Provider gefragt, die Qualität sicherzustellen (einige hilfreiche Stichworte hierzu findet man z.B. bei clickworker.de).

Ein Auftrag an die Wolke

Wer einen Auftrag in einer Human Cloud abwickeln will, hat jedoch bei vielen Clouds die Möglichkeit, die konkreten Dienstleister selbst auszuwählen, ihre Leistungsprofile und Referenzen durchzusehen und Bewertungen früherer Auftraggeber in die Entscheidung einfließen zu lassen. Man kann aber auch, je nach Human Cloud, einen Auftrag ausschreiben und auf entsprechende Angebote warten.

Nach Abschluss der Arbeiten, deren Ergebnisse in vielen Fällen ebenfalls über das Internet eingehen, erteilet man die Freigabe und leistet die Zahlung über die Human Cloud, z.B. per Kreditkarte oder über einen Dienst wie PayPal.

Fazit: Qualität verlangt Verantwortung

Die Unternehmen, die bereits Human Clouds nutzen, platzieren fleißig Aufträge. Einer der Platzhirsche unter den Human Clouds oDesk berichtete z.B. für Oktober 2011 einen Rekordumsatz von 22,3 Mio. US$; dafür mussten allerdings 2,1 Mio. Stunden Arbeit geleistet werden. Der durchschnittliche Stundenlohn lag somit bei 10,62 US$, d.h. etwas über 8,40 Euro. Die Netzgemeinde sieht die Human Clouds daher nicht unkritisch, so ist z.B. von Internet-Tagelöhnern die Rede. Zu bedenken ist allerdings, dass ein solcher Stundensatz über zahlreiche verschiedene Tätigkeitsprofile gemittelt ist. Je nach Qualifikation und Nachfrage lassen sich durchaus akzeptable Stundensätze in einer Human Cloud erzielen.

Trotzdem: Wenn Sie die Vorteile von Human Clouds für sich nutzen wollen, sollten Sie auch die Konditionen für die freien Mitarbeiter beachten und daran denken: Qualität hat ihren Preis. Und sie muss ihren Preis haben, um Bestand zu haben. Das gilt für IT-Clouds genauso wie für Human Clouds.

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