Vectoring

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Breitbandausbau unter Zeitdruck

adimas

Von Doris Piepenbrink

Die Bundesregierung hat versprochen, dass bis 2018 allen Bundesbürgern ein schneller Internet-Zugang mit mindestens 50 MBit/s im Download zur Verfügung steht. Um das in weniger als zwei Jahren umsetzen zu können, bietet die Deutsche Telekom an, die bestehenden Kupferanschlüsse mit der Vectoring-Technik aufzurüsten.

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Für Vectoring benötigt ein Betreiber aber jeweils einen exklusiven Zugang zu den Hauptverteilern (HVt) mit direkten A0-Teilnehmeranschlüssen sowie zu den Kabelverzweigern (KVz) im Nahbereich eines HVTs. Und nach dem Stand der Dinge wäre dies vornehmlich die Deutsche Telekom. Diese hat letztes Jahr bei der Bundesnetzagentur beantragt, die vorhandenen Kupferleitungen rund um ihre etwa 8000 HVt mit VDSL2-Vectoring nach ITU-T G.993.5 auszustatten. So könnten etwa 6 Millionen Haushalte in Städten einen schnellen Internet-Anschluss bis 100 MBit/s nutzen. Im ländlichen Raum sind es in der Regel 50 MBit/s, die maximal über 500 bis 650 m Kupferkabel übertragen werden können.

Die Aufteilung in einem KVz-Verteilerschrank mit VDSL2-Vectoring (Bild: Deutsche Telekom)

Die Bundesnetzagentur reichte den 300-seitigen, etwas überarbeiteten Antrag der Deutschen Telekom am 20. April 2016 bei der Europäischen Kommission zur Genehmigung ein. Diese hat im Mai ein sogenanntes „Serious-Doubts-Verfahren“ dazu eingeleitet. Das gibt der EU-Kommission nun drei Monate Zeit zu prüfen, ob das geplante Vorgehen bei der Umstellung auf DSL2-Vectoring dem EU-Recht entspricht. Branchenverbände wie BREKO (Bundesverband Breitbandkommunikation e.V.) oder BUGLAS (Bundesverband Glasfaseranschluss e.V.) sehen darin eine Beschneidung des freien Wettbewerbs.

Eine Kostenfrage der Kabellängen

Denn Vectoring funktioniert nur für das komplette Kupferkabelbündel vom KVz zu den Teilnehmeranschlüssen. Dabei kompensiert das Verfahren das Übersprechen zwischen den einzelnen Kabeln im Bündel. Dazu werden die Übersprechsignale am Teilnehmerende der Kabel vom DSLAM aus gemessen und jeweils zusätzliche Signale erzeugt, die dieses Übersprechen praktisch auslöschen. Die so bereinigten VDSL-Signale können nicht nur 150 bis 300 m weit über Kupferleitungen übertragen werden, sondern bis zu 500 oder gar 650 m.

Diese Längenangaben für die Kupferleitungen sind laut Dr. Roland Wessäly von Atesio in Berlin die derzeit üblichen Annahmen. Er sprach auf der 10. ITG-Fachkonferenz des VDI Mitte April in Berlin über kostenoptimierte FTTx-Verkabelungen für Landkreise. Für genaue Längenangaben müsse man am verlegten Kabelbündel den Bit-Durchsatz messen, da die Dämpfung im Kabel von mehreren Parametern abhänge. Geht der Planer davon aus, dass 50 MBit/s mit Vectoring über Distanzen bis 650 m übertragbar sind, kann der Netzbetreiber gegenüber 500 m langen Distanzen fast 50 % an Investitionen einsparen. Stellt sich aber heraus, dass der Teilnehmer keine 50 MBit/s im Download erhält, ist dieser Netzausbau nicht förderungswürdig. Der Investor müsste dann die bewilligten Fördergelder zurückerstatten. Dr. Wessäly hat für einen Landkreis exemplarisch errechnet, dass bei maximal 500 m langen Kabeln etwa 65 % zusätzliche DSLAM-KVz notwendig wären. Bei maximal 650 m langen Kabeln seien es dagegen nur 20 %.

Extra-DSLAMs nach Kabellänge
Die für einen Landkreis exemplarisch ermittelten zusätzlich benötigten DSLAM-Standorte für den 50 MBit/s-Ausbau:

Übertragungsart Max. Distanz bei 50 MBit/s Zusätzlich benötigte DSLAM-Standorte
VDSL pessimistisch 150 m + 750 %
VDSL optimistisch 300 m + 230 %
Vectoring pessimistisch 500 m + 65 %
Vectoring optimistisch 650 m + 20 %

(Quelle: Dr. Roland Wessäly, Atesion Berlin; ITG Fachtagung Berlin, April 2016)

Nicht wirtschaftlich realisierbare Anschlüsse

In städtischen Bereichen mit einem dichten Verteilernetz ist Vectoring die am schnellsten und kostengünstigsten zu realisierende Technik, um dem Teilnehmer 50 MBit/s bereitzustellen. Doch die Deutsche Telekom geht davon aus, dass die Ausrüstung aller Hauptverteiler mit direkten Teilnehmeranschlüssen sowie der Kabelverteiler in deren Nahbereich rund 1 Milliarde Euro kosten wird und nicht überall wirtschaftlich realisiert werden kann. Wenn die Telekom oder ein Landkreis oder Zweckverband als Betreiber im ländlichen Raum ein Breitbandnetz plant, erhält der Betreiber für nicht wirtschaftlich realisierbare Anschlüsse Fördergelder. Doch dafür muss erst einmal ermittelt werden, welche Anschlüsse davon betroffen sind. In der Regel betrifft das etwa 10 bis 15 % aller Haushalte und Gewerbebetriebe in einem Verteilernetz.

Für die Ermittlung ist ein Plan des bestehenden Verteilernetzes mit allen Anschlüssen und Verteilerpunkten notwendig. Dabei müssen anhand der bestehenden Trassenwege die Leitungswege der Kupferleitungen vom HVt bzw. KVz bis in die Häuser ermittelt werden. Betragen die Distanzen über 500 bzw. 650 m, müssen andere Verteilerpunkte mit DSLAM gesetzt werden. Dr. Wessäly stellte bei seinen Projekten jedoch fest, dass in der Regel die zusätzlichen Tiefbaumeter unter 1 % liegen, wenn die vorhandenen Trassen so weit als möglich genutzt würden.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Magazinreihe „Kommunikation und Netze“ 1/2016 als Beilage zur iX 07/2016. Einen Überblick mit Download-Links zu sämtlichen Einzelheften bekommen Sie online im Pressezentrum des MittelstandsWiki.

Layer-2-Bitstrom statt Wettbewerb

Bei den so errichteten FTTC-Netzen (Fiber to the Curb) können dann jedoch keine Teilnehmeranschlussleitungen mehr an andere Netzanbieter vergeben werden. Diese erhalten nur noch einen Layer-2-Bitstrom als Zugangsprodukt. An diesen IP-Datenströmen kann der zusätzliche Netzanbieter nichts mehr modifizieren und darum auch keinen Mehrwert schaffen. Das ist ein Aspekt, der die Wettbewerber der Telekom verärgert.

Außerdem sieht der von der Bundesnetzagentur überarbeitete Antrag vor, dass der Netzanbieter, der bis zum 31. Januar 2016 mindestens die Hälfte aller KVz im Nahbereich eines HVts errichtet und mit DSL-Technik ausgestattet hat, den gesamten Anschlussbereich des HVts mit Vectoring betreiben darf. Hat die Deutsche Telekom ebenfalls 50 %, fällt dieser HVt an die Telekom. Ferner erhält die Deutsche Telekom alle HVt ohne KVz im Nahbereich. Als Grundlage für diese Zuteilung führt die Bundesnetzagentur eine deutschlandweite Vectoring-Liste. Für abzugebende KVz erhält der Errichter eine Ausgleichszahlung vom künftigen Betreiber des gesamten HVTs.

Die deutliche Gewichtung zugunsten der Deutschen Telekom begründet die Bundesnetzagentur mit der Marktmacht dieses Netzanbieters. Damit sei es realistisch, dass der flächendeckende Breitbandausbau tatsächlich bis 2018 gelinge. Zudem will die Telekom zum 31. Mai 2016 eine notarielle Erklärung gegenüber der Bundesrepublik Deutschland abgeben und sich dabei einseitig dazu verpflichten, die KVZ und A0-Anschlüsse der HVt innerhalb von 18 Monaten nach Abschluss des Überpüfungsverfahrens mit DSL-Technik auszubauen, um VDSL2-Vectoring nach ITU-T G.993.5 zu ermöglichen. Die Erklärung muss im Amtsblatt der Bundesnetzagentur veröffentlicht sein. Die bestehenden Leased Lines der Wettbewerber sollen zum 1. Dezember 2017 gekündigt werden. Es gibt dann nur noch den virtuell entbündelten Zugang zum Teilnehmeranschluss (Layer-2-Bitstrom-Zugang).

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Thema: Breitbandausbau:
Dr. Jürgen Kaack hat eine Reihe von Projekten als Berater begleitet. Einige aus der Region Nordrhein-Westfalen stellt er ausführlicher als Best-Practice-Beispiele vor: Arnsberg, Ennepetal, Erftstadt, Erkelenz und Wegberg sowie die Lage im gesamten Kreis Heinsberg, ferner Geilenkirchen, Haltern am See, Kaarst, Nettetal und Rheurdt. Außerdem berichtet er von der T-City Friedrichshafen, erläutert die möglichen Geschäftsmodelle im kommunalen Breitbandausbau sowie die Optionen der NGA-Rahmenregelung und setzt auseinander, wo Vectoring seine Haken hat. Nicht zuletzt skizziert er die Prinzipien einer Breitbandstrategie NRW und macht handfeste Vorschläge für eine umfassende Breitbandstrategie. Seine gesammelten Erfahrungen sind 2016 in der Reihe MittelstandsWiki bei Books on Demand erschienen: „Schnelles Internet in Deutschland“ (Paperback, 220 Seiten, ISBN 978-3-946487-00-5, 9,99 Euro).

Fazit: Brückentechnologie im Wartestand

Grundsätzlich gerät der FTTB-Netzausbau (Fiber to the Building) damit ins Hintertreffen – und das, obwohl allen Marktteilnehmern bewusst ist, dass Vectoring nur eine Übergangslösung ist. Wenn im August die Prüfungen des Serious-Doubts-Verfahrens der Europäischen Kommission abgeschlossen sind, wird sich zeigen, ob und wie Deutschland auf diese Übergangstechnik setzen darf. Das verzögert natürlich zunächst den weiteren Ausbau.

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