Strenger Kündigungsschutz hält Arbeitsplätze im Land

Zu einem ausgesprochen heiklen Fazit kommen die Autoren einer Studie des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Dass umfangreiche und restriktive Regulierungen des Arbeitsmarkts – z.B. durch einen weitreichenden Kündigungsschutz – ausländische Investoren potentiell von Investitionen abhalten, ist längst belegt. Nun scheint es so, dass –  wie von Gewerkschaftsseite behauptet – harte Restriktionen inländische Firmen potentiell daran hindern, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Der Mechanismus ist in beiden Fällen der gleiche: Strenge Arbeitsgesetze verursachen bei personellen Veränderungen hohe Kosten, deshalb finden seltener Veränderungen statt.

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Dass eine relativ restriktive Arbeitsmarktregulierung hinderlich sein kann, ausländische Direktinvestitionen an den heimischen Standort zu locken, haben in der Vergangenheit zahlreiche wissenschaftliche Studien gezeigt. Denn Kündigungsschutz, Sozialplananspruch und weitere Regeln zum Bestandschutz von Arbeitsverhältnissen erhöhen die Kosten für Firmen, bei Nachfragerückgängen ihren Personalbestand zu reduzieren, was potenzielle Investoren aus dem Ausland abschrecken kann. Das ist aber nur die eine Seite der Münze, wie eine neue Studie von Holger Görg vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel und seinen beiden Koautoren Gerda Dewit von der National University of Ireland Maynooth und Catia Montagna von der University of Dundee zeigt.

In ihrem Beitrag „Should I stay or should I go? Foreign direct investment, employment protection and domestic anchorage“, der demnächst in der Zeitschrift Review of World Economics erscheinen wird, können die Autoren anhand einer detaillierten und modellgestützten empirischen Untersuchung der bilateralen Investitionsströme zwischen OECD-Ländern nachweisen, dass tatsächlich mehrere Wirkungsmechanismen greifen: In der Tat erweisen sich zwar deutliche Unterschiede in der Strenge der Arbeitsmarktregulierung als hemmend für Direktinvestitionen in Ländern mit dem jeweils strengeren Regulierungssystem. Zugleich hat aber ein vergleichsweise hohes Niveau der heimischen Regulierung zur Folge, dass ein Abwandern von Arbeitsplätzen von existierenden Unternehmen ins Ausland gebremst wird.

Hintergrund dieses Ergebnisses ist der Umstand, dass die spürbaren Folgekosten von Entlassungen im Inland beim Abwandern besonders hohe zusätzliche Gewinne aus dem Auslandsengagement erfordern, um die Verlagerung der Produktion ins Ausland rentabel zu machen.

Demgegenüber fallen derartige Kosten für verlagerungswillige Unternehmen aus Ländern mit einem niedrigen Niveau der Arbeitnehmerschutzrechte in deutlich geringerem Maße an – in solchen Ländern werden die Firmen also viel eher bereit sein, Produktionsstätten in ein anderes Land zu verlagern, sobald dort zusätzliche Gewinnchancen winken.

Eine strengere Arbeitsmarktregulierung kann – folgt man der Studie – eine Art Ankerwirkung auf bestehende Unternehmen ausüben. In dem ihren Berechnungen zugrunde liegenden Verhaltensmodell berücksichtigen die Autoren nach eigener Aussage ausdrücklich, dass Unternehmen, die zuvor einen Standort im Inland gewählt hatten, die höheren Kosten im Inland mit den Kosten von alternativen Standorten im Ausland abgewogen haben – die Ankerwirkung gilt ihrer Meinung nach daher nicht nur für althergebrachte inländische Traditionsunternehmen, die an ihrem Standort von einer Verschärfung der Arbeitsmarktregulierung überrascht wurden.

Wenn also eine strengere Arbeitsmarktregulierung Unternehmen ans Inland binde, dann könnten hochentwickelte Industriestaaten mit einer breiten Industriebasis sich weiter reichende Schutzregeln für Arbeitsverhältnisse leisten als aufstrebende Entwicklungs- und Schwellenländer, die dringend auf einen Zustrom von Auslandskapital angewiesen sind, so das Fazit der Autoren.

Kommentar der Redaktion

Soweit sich die Schlussfolgerung im Rahmen einer reinen Kosten-/Nutzenrechnung aus Kündigungs- und Sozialkosten im Rahmen einer Arbeitsplatzverlagerung einerseits und Gewinn bei Verlagerung andererseits bewegt, sind die Aussagen der Autoren nachvollziehbar.

Außen vor lassen die Autoren in ihrem bisher publizierten Fazit aber die Kosten, die eine strenge Regulierung grundsätzlich im Betriebsalltag verursacht – auch in Betrieben, die nichts verlagern.

Unberücksichtigt bleibt auch die Auswirkung auf die Flexibilität der Unternehmen. Anders ausgedrückt: Die Forscher hätten die unter strenger Restriktion im Inland gehaltenen Arbeitsplätze u.a. mit denen verrechnen müssen, die von inländischen Unternehmen unter solchen Rahmenbedingungen aus Angst vor mangelnder Flexibilität erst gar nicht geschaffen werden. Hinzu kommen natürlich noch die durch abgeschreckte ausländische Investoren nicht geschaffenen Arbeitsplätze. Sicher, es ist fast unmöglich solche Zahlen seriös abzuschätzen, da nicht geschaffene Stellen nicht einfach gezählt werden können. Dennoch sind sie Teil der Realität.

Unter den Tisch fallen auch negative Nebenwirkungen auf die Innovationskraft, da sich gerade kleine innovative Startups unter derartigen Restriktionen nicht rechnen. Die kurz-, mittel- und langfristig daraus folgenden volkswirtschaftlichen Mindereinnahmen sind nicht einmal annähernd absehbar.

Alles in allem taugt die Studie nicht für eine sozialpolitische Argumentation pro strengere Arbeitsmarktregulierungen. Als Ergänzung zu den bisherigen Studien über Auswirkungen auf ausländische Investoren hat die Studie aber wissenschaftlich ihre Berechtigung. Hoffen wir, dass sie nicht zu populistischen Forderungen missbraucht wird.

(ml)