Arbeitende kranke Mitarbeiter gefährden Unternehmen

Man muss nicht hysterisch sein, um sich angesichts der zunehmenden Zahl von Schweinegrippefällen in Deutschland als Personaler Gedanken zum Krankenstand zu machen. Dieser hat sich nämlich die letzten Jahre erfreulich nach unten entwickelt, erreicht jetzt aber ein Niveau, das ein gesundes Maß im Sinn des Wortes unterschreitet. Anders formuliert: Es gehen immer mehr Menschen krank zur Arbeit. Das kostet langfristig sowohl die Unternehmen als auch die Gesellschaft mehr Geld als nötig. In Zeiten einer Pandemie kann ein solches Verhalten für Unternehmen sogar existenzbedrohenden Folgen haben.

Einen Rekordtiefstand seit Einführung der Krankenstandstatistik im Jahr 1970 meldete das Bundesgesundheitsministerium Anfang vorletzter Woche. Danach lag im ersten Halbjahr 2009 der Krankenstand in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) durchschnittlich bei 3,24 %. Die Meldung löste eine rege Diskussion um den Gesundheitszustand der Beschäftigten in Deutschland aus.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) vermutet dahinter ein Phänomen mit dem Namen „Präsentismus“ – ein Verhalten, bei dem Beschäftigte krank zur Arbeit gehen, um im Betrieb „präsent“ zu sein.

Präsentismus ist eine typische Erscheinung in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit. Besonders häufig gehen Menschen mit chronischen Krankheiten wie Rückenschmerzen und Migräne, Depressionen, Allergien oder Diabetes trotz Beschwerden zur Arbeit, obwohl sie eigentlich zu Hause bleiben sollten. Das kann jedoch nicht nur zu hohen Produktivitätsverlusten führen, sondern auch mittel- bis langfristig die Gesundheit der Beschäftigten gefährden.

Verschiedene Faktoren begünstigen das Auftreten von Präsentismus. Mehrere wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Umstrukturierungen, Entlassungen, finanzielle Sorgen und die Angst arbeitslos zu werden, erheblich zu höheren Präsentismusraten beitragen. Andererseits gehen Beschäftigte aber auch krank ihrem Job nach, um Mehrarbeit für Kollegen zu verhindern, Termine einzuhalten und Kundenkontakte zu pflegen.

Auf lange Sicht erweist sich Präsentismus für Betriebe und Krankenversicherungen als sehr kostspielig. Verglichen mit krankheitsbedingter Abwesenheit gehen durchschnittlich dreimal mehr produktive Tage verloren, wenn Mitarbeiter krank am Arbeitsplatz sind. Schließlich wirkt sich die Krankheit auf Leistung und Konzentration des Betroffenen aus. Fehler und Unfälle häufen sich. Insgesamt sinkt die Qualität der Arbeit. Auf Dauer drohen langwierige und chronische Krankheiten. Wissenschaftliche Studien belegen ein erhöhtes Risiko für eine längere Arbeitsunfähigkeit als Folge von Präsentismus.

Im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Gefahr der Schweinegrippe ist es besonders wichtig, Mitarbeitern das klare Signal zu geben, dass sie keine Sanktionen befürchten müssen, wenn sie sich – bei ernsthaften Krankheitssymptomen – krankmelden. Sie sollten auch ohne Gewissensbisse zu Hause bleiben können, bis der Arzt das Ende der Erkrankung diagnostiziert. Dies ist erst einige Tage nach dem Abklingen der Symptome der Fall.

(idw/ml)