Börse
Zwei neue Aktienindizes für Familienunternehmen

Die Deutsche Börse in Frankfurt wird im Januar zwei neue Aktienindizes einführen, die auf Forschungen an der Technischen Universität München (TUM) basieren. Die beiden Indizes DAXplus Family Firm Index und DAXplus Family Firm 20 Index werden ab dem 4. Januar 2010 die bestehenden DAX-Indizes ergänzen. Der erste Index wird alle deutschen Familienunternehmen verfolgen, die den Kriterien des Centers for Entrepreneurial and Financial Studies (CEFS) der TUM entsprechen. Der zweite Index bildet die zwanzig größten Familien-AGs ab.

Die Forschergruppe um Prof. Christoph Kaserer und Prof. Ann-Kristin Achleitner hat gezeigt, dass die Gruppe der Familien-AGs, die zwar an der Börse notiert sind, jedoch noch maßgeblich von den Gründerfamilien mitbestimmt werden, ein bedeutendes Marktsegment mit besonderen Merkmalen darstellt. Die rund 130 Firmen dieser Gruppe bilden ein dynamisches Mittelfeld zwischen breit gestreuten Publikumsgesellschaften auf der einen und privat gehaltenen Unternehmen auf der anderen Seite.

„Soweit wir wissen, sind dies die ersten offiziellen Indizes für Familienunternehmen weltweit“, freut sich Prof. Christoph Kaserer. Das von ihm und Prof. Ann-Kristin Achleitner gemeinsam geführte Institut hat die Indizes aber nicht nur in Zusammenarbeit mit der Deutschen Börse entwickelt. Die Wissenschaftler werden die Indizes auch weiter pflegen und deren Zusammensetzung von Quartal zu Quartal optimieren.

Die Einführung der beiden Indizes erschien den Wirtschaftswissenschaftlern der TUM sinnvoll, als sie herausfanden, dass die Gruppe der Familienunternehmen im Laufe der letzten acht Jahre eine andere – und zum Teil bessere – Performance gezeigt hatte, als der breite DAX. Darüber hinaus wiesen ihre Untersuchungen auf charakteristische Besonderheiten im Management und im operativen Geschäft dieser Unternehmen hin. Beispielsweise scheinen börsennotierte Familienunternehmen stärker auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit zu setzen.

Auch sind sie meist kleiner, können aber schneller Personal aufbauen. Sie werden einerseits von Wirtschaftsflauten wie der derzeitigen weltweiten Rezession härter getroffen als stärker diversifizierte Unternehmen, andererseits sind sie bei wieder verbessertem Umfeld in der Lage, sich schneller zu erholen.

„Wir können nicht sagen, wie die Familienunternehmen durch die Krise gekommen sind, da die Krise offensichtlich noch nicht vorbei ist“, erklärt Achleitner. „Das können wir also noch nicht beurteilen. Aber wenn Sie die Eigenkapitalquote der familiengeführten Firmen betrachten (51 % gegenüber etwa 30 % bei anderen börsennotierten Unternehmen) dann ist das, finde ich, ein ganz bequemes Polster.“

Als wichtigstes Unterscheidungskriterium zwischen den neuen Indizes und dem GEX (German Entrepreneurial Index), der ebenfalls von der Deutschen Börse und dem CEFS gemeinsam entwickelt wurde, dient die Mitwirkung der Gründerfamilie am Unternehmen. In den rund 130 von den neuen Indizes repräsentierten Unternehmen übt die Gründerfamilie ihren Einfluss kraft Eigentum bzw. über das Management aus. Das heißt, sie hält mindestens 25 % der Stimmrechte am Unternehmen oder sie hält mindestens 5 % der Stimmrechte und ist gleichzeitig mit einem Familienmitglied im Vorstand oder Aufsichtsrat vertreten.

Nach den Worten von Christoph Kaserer spielen sogenannte Agency-Probleme, die für die aktuelle Wirtschaftskrise mitverantwortlich waren, in Familienunternehmen keine oder nur eine abgeschwächte Rolle. „Agency-Probleme entstehen dadurch, dass das Management einer Firma nicht zwangsläufig immer im Interesse der Firmeneigentümer handelt. Wenn die Eigentümerfamilie jedoch in der Unternehmensleitung vertreten ist, so hat sie ein Interesse daran, dass das Unternehmen im Interesse aller Aktionäre geführt wird“, erklärt Kaserer.

Etwa 30 % der börsennotierten Firmen, die den Prime Standard der Deutschen Börse erfüllen – darunter Unternehmen aus der Pharma-, Chemie-, Technologie- und Baubranche ebenso wie Fertigungsunternehmen wie Volkswagen oder Softwareanbieter wie SAP – gehören zur heterogenen Gruppe der Familienunternehmen. Zusammen stehen sie für etwa 20 % der Marktkapitalisierung in Deutschland.

Die neuen Indizes werden Investoren, Wirtschaftsexperten, staatlichen Stellen und der Öffentlichkeit erstmals die Möglichkeit geben, gezielt die Leistung dieses wichtigen Wirtschaftssegments einzuschätzen.

(idw/ml)