40 Jahre Internet

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Showdown einer Erfolgsgeschichte

Von Uli Ries

1969 war das heute bekannte Internet noch nicht einmal ein Hirngespinst. PCs und Smartphones waren bestenfalls in Science-Fiction-Romanen zu finden. In diesem Jahr trat der Amerikaner Steve Lipner seinen ersten Job in der IT-Industrie an. Zur gleichen Zeit brachte sich sein späterer Boss – damals zarte 14 Jahre alt – gerade selbst das Programmieren bei. Der Boss ist Microsoft-Gründer Bill Gates, und Steve Lipner ist heute bei Microsoft mitverantwortlich für die Entwicklung sicherer Software. Weder Lipner und schon gar nicht der jugendliche Gates ahnten seinerzeit, dass IT-Systeme und das Internet binnen dreier Jahrzehnte zum Schauplatz von Betrug und Verbrechen werden würden.

Schutz! Wozu denn?

„1969 bedeutete IT-Sicherheit, Großrechner des US-Militärs abzusichern. Aber nicht gegen Angriffe von außen. Es gab kein Internet und somit auch kein ,außen‘. Vielmehr sollte ich den Zugriff der einzelnen Nutzer des Großrechners so beschränken, dass sie nicht an geheime Daten anderer Anwender gelangten“, erinnert sich der IT-Veteran Lipner. Mehrfach für seine Verdienste um IT-Sicherheit ausgezeichnet wurde Lipners Weggefährte Mark Schroeder. Er pflichtet Steve Lipner bei: „Niemand konnte sich damals vorstellen, dass PCs zu Waffen für Cyberkriminelle werden. Andernfalls hätten die Erfinder der Internet-Techniken, die ja in diesen Jahren entstanden, Sicherheitsmechanismen mit auf den Weg gegeben.“

„Auch die ersten Hacker in den 1970er-Jahren waren keine Bedrohung. Damals waren IT-Sicherheitstechniken keine fest mit den Systemen verbackenen Komponenten, sondern wurden nachträglich angeflanscht. So konnten wir Angriffe schnell kontern“, erläutert Lipner. Spektakuläre Digitaleinbrüche wie 1983, als eine Hackergruppe u.a. in die Rechner des Kernforschungszentrums Los Alamos eindrang, gingen einzig auf den Spieltrieb der Datenreisenden zurück – und nicht etwa auf kriminelle Energie.

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Schwarz auf Weiß
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Auch noch zu Beginn der 1990er-Jahre, als das Internet sich langsam in die Haushalte weltweit vorarbeitete, war es „bestenfalls ein interessantes Gedankenspiel, sich mit Internet-Einbrüchen auseinanderzusetzen“, wie Morrie Gasser sagt. Er gehört ebenfalls zum Urgestein der IT-Sicherheitswelt und ist ein langjähriger Kollege von Steve Lipner.

Business braucht Sicherheit

Auch der erste Computerwurm überhaupt, der 1988 freigesetzte und nach seinem Schöpfer benannte Morris-Wurm, richtete kaum Schaden an. Gasser war damals nicht beeindruckt von den ersten Schädlingen: „Es gab nichts, was per Internet hätte gestohlen werden können. Also mussten wir nichts beschützen. Es gab zu wenige Spinner, die aus purer Egomanie Schäden durch Viren anrichten wollten und so zu Kriminellen wurden.“

All das änderte sich plötzlich mit dem Beginn des neuen Jahrtausends. Einkaufen im Netz wurde ebenso populär wie das Abwickeln von Online-Bankgeschäften. Schlagartig tat sich für Online-Kriminelle ein weites Feld voller neuer Betrugsmöglichkeiten auf. Schadsoftware und Internet-Betrügereien wurden rasch zu einem – teuren – Problem für Privatleute und Wirtschaftsunternehmen. Also musste plötzlich alles ganz schnell gehen, Internet-Nutzer verlangten nach Antivirensoftware, Unternehmen nach Firewalls. Mit dem Service Pack 2 für Windows XP hielten Firewalls dann auch Einzug in die Privathaushalte, und Microsoft – das Unternehmen hatte Lipner inzwischen angeheuert– begann, seine Produkte endlich ab Werk angriffssicher zu machen.

Privat bleibt undurchsichtig

Die alten Recken Gasser, Lipner und Schroeder sehen dem inzwischen zur Flut angeschwollenen Strom an Cyberbedrohungen gelassen entgegen. Denn Schutzmechanismen gegen Webbetrug und Spam gibt es ihrer Ansicht nach reichlich. „Dafür müssten wir alle aber auf unsere Anonymität im Netz verzichten. Und das will offenbar niemand“, sagt Morrie Gasser. Mehr Sicherheit ließe sich nur durch Funktionseinschränkungen erkaufen.

Steve Lipner jedenfalls kann sich nach über 40 Jahren Kampf gegen immer neue Bedrohungen gut vorstellen, wie er sich eines Tages einer ganz anderen, immer wiederkehrenden Herausforderung stellt: den Garten seines Ferienhauses auf der Halbinsel Camano Island stets aufs Neue von Blättern, Ästen und Unkraut zu befreien. Diese Leidenschaft hätte Liper sich 1969 genauso wenig träumen lassen wie das heutige Ausmaß der Cybergaunereien.

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