Consumerization

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Anschaffen, was Anwender wollen

Von Uli Ries

Ganz untypisch für die sonst so faktenverliebten Gartner-Analysten klingt das Wort „Bürgerkrieg“. Mit einem solchen rechnen die Marktforscher angesichts des von ihnen zum Megatrend stilisierten Themas der Anwenderorientierung der Unternehmens-IT. Der englische Zungenbrecher „Consumerization“ bedeutet zunächst, dass nicht länger die IT- oder Einkaufsabteilung bestimmt, welche PCs und Notebooks für die Mitarbeiter angeschafft werden, sondern dass sich die Mitarbeiter ihre (Wunsch-)Hardware selbst aussuchen.

Dies ist freilich vollkommen inkompatibel zu bisherigen Einkaufs- und Verwaltungsprozessen. Dabei sind gerade Notebooks dazu prädestiniert, dass Mitarbeiter sie auch in ihrer Freizeit oder auf Dienstreisen für private Zwecke nutzen. Die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben verschwimmen, da das Internet ständig und überall verfügbar ist und der Zugriff auf Unternehmensdaten und -anwendungen nicht mehr auf das Bürogebäude beschränkt bleibt.

Die bislang zumeist preisgetriebenen Kaufentscheidungen in Unternehmen führen oft zu einer relativ leicht zu administrierenden Herstellermonokultur, samt abgedichteter Betriebssysteminstallation auf den Clients: Die Mitarbeiter können mangels Administratorenrechte nachträglich keine eigenen Anwendungen zum standardisierten Betriebssystem-Image hinzufügen. Damit werden alle Kollegen – die technisch versierten und die weniger interessierten – auf eine Stufe gestellt. Angesichts der Fähigkeiten vieler Mitarbeiter im Umgang mit PCs und Software ist dies eine Verschwendung von Expertise.

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Schwarz auf Weiß
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Einkäufer in eigener Sache

Für IT-Abteilungen sind einheitliche Hardware und gesicherte Betriebssysteme wichtige Punkte, da sie für mehr Effizienz sorgen. Dazu Thorsten Stremlau, PC Lifecycle Consultant bei Lenovo EMEA: „Standardisierung ist sinnvoll, wenn Unternehmen IT-Lösungen für möglichst einheitliche Umgebungen und Applikationen suchen.“ Brian Gammage, Vizepräsident bei Gartner, findet dieses Vorgehen aber nicht mehr zeitgemäß. Er meint, dass das Standardisierungsmodell angebracht war, als PCs und Notebooks ausschließlich Arbeitsmittel waren. Die Geräte waren einfach viel zu dröge, als dass Mitarbeiter in ihrer Freizeit Verwendung dafür gehabt hätten.

Laut Gammage ist es jetzt an der Zeit umzudenken. Firmen wie Google, Citrix oder der Ölriese BP testen in Modellprojekten bereits neue Arbeitsweisen und geben ihren Mitarbeitern ein festes Budget an die Hand, das sie in beliebige IT-Produkte investieren können (und müssen). Einzige Vorgabe bei Citrix: Der Client muss einen Dreijahressupportvertrag haben und in Sachen Antivirussoftware stets aktuell sein.

BPs Digital-Allowance-Programm wählte technisch versiertere Mitarbeiter aus, die ihre Hard- und Software-Ausstattung weitgehend selbst wählen dürfen. Da die selbst administrierten Geräte nicht mehr den strengen Sicherheitsstandards von BP entsprechen, dürfen sie nicht mehr ohne weiteres ins Intranet. Um den Mitarbeitern trotzdem Zugang zu wichtigen Systemen wie E-Mail oder SAP zu geben, investierte BP vor Start des Programms eine sechsstellige Summe, um die Anwendungen über das Internet zugänglich zu machen. Die von BP erwarteten Einsparungen belaufen sich hingegen auf 200 Mio. US$ – pro Jahr.

Dazu noch einmal Thorsten Stremlau: „Bei der Implementierung einer Consumerization-Strategie spielt die Eigenmotivation der Mitarbeiter und deren Interesse an der eigenen Produktivität die entscheidende Rolle. Erst wenn das gegeben ist, münzt sich ein solches Vorgehen für das Unternehmen in einen zählbaren Return on Interest um.“ Der Lenovo-Experte bezieht seine Aussage auf die Tatsache, dass die Produktivität der Mitarbeiter steigt, sobald die strikte Trennung zwischen Privat- und Berufsleben wegfällt.

Mitarbeiter, die jetzt ins Arbeitsleben einsteigen, sind mit dem Internet groß geworden und haben oft kein Verständnis für strikte Regelungen eines Unternehmens, was die private Internet-Nutzung betrifft. Auch dieser Aspekt – die private Nutzung von Webdiensten während der Arbeitszeit und mit Hilfe der Firmen-IT – gehört zur Consumerization. Experten warnen schon vor einem Wettbewerbsnachteil, den Unternehmen bei der Suche nach neuen Talenten erleiden könnten, wenn sie potenziellen Mitarbeitern die private Nutzung verbieten oder langweilige Hardware vorschreiben.

Serie: Bring Your Own Technology (BYOT)
Teil 1 beginnt mit dem BYOD-Trend (Bring Your Own Device) und rät Unternehmen: strikt verbieten oder ausdrücklich erlauben; eine Duldung ist niemals gut. Teil 2 sieht sich an, was auf den mitgebrachten Privatgeräten alles läuft: Apps zum Zeitvertreib und ohne Sicherheitsvorkehrungen. Auch BYOA (Bring Your Own Application) in dieser Form darf nicht sein. Teil 3 beobachtet, dass das mobile WLAN der mitgebrachten Geräte auch sicherheitsrelevante Firmendatenträger ins Netz holt. Bei BYON (Bring Your Own Network) muss Datensicherheit daher ganz unten ansetzen.

Virtualisierung soll’s richten

Neben der privaten Internet-Nutzung muss es einem Mitarbeiter auch erlaubt und technisch möglich sein, private Daten auf dem Gerät zu speichern und eigene Anwendungen zu installieren. Die Praxis beweist, dass es sich bei den Daten wahrscheinlich um voluminöse MP3- und Videodateien handeln wird. Diese Files haben natürlich nichts im firmeneigenen Backup zu suchen, sonst würden die Kosten für den notwendigen Speicherplatz explodieren. Darüber hinaus sollten aus rechtlichen Gründen und zu Gunsten der Systemstabilität die vom Mitarbeiter installierten Anwendungen möglichst von der getesteten Standardinstallation getrennt bleiben.

Lösen könnte diese Probleme die Einführung der Desktop-Virtualisierung. Die Technik ist längst nicht so weit verbreitet wie die Virtualisierung von Servern, wird aber nach und nach Einzug halten. Hardware-Hersteller wie Dell werden ihre Produkte in Zukunft ab Werk für den Einsatz von Desktop-Virtualisierung optimieren.

Schon heute lassen sich durch Virtualisierung auf Notebooks zwei getrennte Betriebssysteminstallationen betreiben. Die eventuell unsichere und instabile private Umgebung gefährdet also nicht die sichere und ins Backup einbezogene Firmeninstallation. Desktop-Virtualiserung ist also ein gangbarer Kompromiss zwischen zentral verwalteter und völlig unkontrollierter Umgebung. IT-Verantwortliche können damit die grauen Bereiche abdecken, wenn sie beiden Anforderungsprofilen gerecht werden müssen.

Lenovo-Experte Stremlau sieht aber auch einige Probleme, vor allem beim Einsatz von älteren Anwendungen oder von Applikationen, die auf eine bestimmte Identität und einen definierten Zustand angewiesen sind, wie zum Beispiel beim Digital Rights Management. Außerdem rechnet Stremlau mit Kompatibilitätsproblemen, da sowohl auf Applikations- als auch auf Hardwareseite die unterschiedlichsten Virtualisierungslösungen konkurrieren. Virtualisierung funktioniert momentan jedoch nur innerhalb eines Standards.

Fazit: Chance für Managed Services

Für den einzelnen technikbegeisterten Firmenmitarbeiter mag die Anwenderorientierung verlockend sein. Bevor sich aber jeder Angestellte sein Wunschgerät kaufen darf und so vielleicht Exoten wie Apples MacBook Einzug in die IT halten, müssen Unternehmen noch einige Hürden nehmen. Zusätzlich zu den erwähnten Sicherheitsproblemen Datensicherheit und Stabilität gilt es, den signifikant steigenden Support-Bedarf zu bewältigen, den die heterogene Umgebung zwangsläufig nach sich ziehen wird.

Firmeneigene IT-Support-Mitarbeiter können nicht mehr auf die in Jahren gesammelten Erfahrungen mit einem oder wenigen Gerätemodellen bauen. Sie müssen sich vielmehr mit ständig neuen und ausgefallenen Endgeräten auseinandersetzen. Daher rechnen sich Dienstleister wie Unisys Chancen auf neue Aufträge für ausgelagerten Support aus. Solche Managed Services können dank breiterer Erfahrung besser auf vielfältige oder ungewöhnliche Problemstellungen reagieren. Bei Unisys ist man sogar der Ansicht, dass Unternehmen ihren IT-Support besser auf umsatzgenerierende Mitarbeiter als auf das – bisher meist am besten betreute – Management ausrichten sollten.

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