Digitale Infrastruktur in Österreich

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Mobile first, Glasfaser später

© ChiccoDodiFC – Fotolia

Von Dirk Bongardt

Drei Branchenriesen konkurrieren in Österreich um die Gunst der Internet-Nutzer: A1 Telekom, T-Mobile und Drei betreiben jeweils eigene Infrastrukturen, alle anderen Anbieter vermarkten deren Netze. Zwar stößt der Mobilfunk in einigen Regionen Österreichs mit seinen Bergen, Tälern und Schluchten auf enorme topografische Herausforderungen. Dennoch sind Netzabdeckung und mittlere Verbindungsqualität auf hohem Niveau, wie unter anderen der RTR-Netztest zeigt. An diesem von der österreichischen Rundfunk- und Telekom Regulierungs-GmbH bereitgestellten Test kann jeder Internet-Nutzer mit PC oder Mobilgerät teilnehmen. Über 100.000 mobile Messungen haben in den letzten sechs Monaten eine mittlere Download-Rate von 26 MBit/s bei einem Upload von 8,7 MBit/s ergeben. Die Ergebnisse der drei Netze variieren dabei nur geringfügig.

Zum Vergleich: Bei (allerdings nur knapp 6000) Messungen in Deutschland kamen die dortigen Mobilfunkanbieter nur auf einen mittleren Download von 12 MBit/s. Die geringe Zahl der Messungen mag das Ergebnis zuungunsten der deutschen Anbieter verfälschen, aber das Gefälle zwischen österreichischer und deutscher Mobilfunkversorgung entspricht der subjektiven Wahrnehmung vieler Pendler zwischen den beiden Ländern.

Auch preislich liegen österreichische Mobilsurfer vorn: Für 10 Euro pro Monat kann der Kunde über ein Datenvolumen von 10 GByte bei vollem LTE-Tempo von 300 MBits/s verfügen. In Deutschland gibt es für den gleichen Preis nur 1 bis 3 GByte und eine Tempodrosselung bei 50 Mbits/s.

Ehrgeizige 5G-Strategie

Doch auch in Österreich gibt es noch einiges zu tun: Am 65. Österreichischen Gemeindetag im September 2018 präsentierten Gemeindebund-Chef Bürgermeister Alfred Riedl und Vorarlbergs Gemeindeverbandspräsident Harald Köhlmeier eine unter 600 Bürgermeisterinnen und Amtsleiterinnen durchgeführte Umfrage zum Thema Breitband und Digitalisierung: Mit dem mobilen Internet sind nur sechs von zehn Verantwortlichen zufrieden. Und nur jeder Fünfte hatte keine mehr oder weniger großen Funklöcher in seiner Gemeinde zu beklagen.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Magazinreihe von Heise-Beilagenreihe „IT-Unternehmen aus Österreich stellen sich vor“. Einen Überblick mit freien Download-Links zu sämtlichen Einzelheften bekommen Sie online im Pressezentrum des MittelstandsWiki.

5G-Vorreiter in Europa“ soll Österreich werden, so sieht es das Strategiepapier des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie vor. Die im April 2018 vorgestellte Strategie sieht drei Phasen vor, die mit ersten nichtkommerziellen 5G-Teststellungen in diesem Jahr begonnen haben, mit einer flächendeckenden Breitbandversorgung von 100 MBit/s bis Ende 2020 fortgesetzt werden und letztlich zu einer nahezu flächendeckenden 5G-Versorgung bis Ende 2025 führen sollen.

Während die etwas unspezifisch formulierte erste Phase bereits in Angriff genommen worden ist, birgt die zweite Phase erhebliche Herausforderungen. Eine flächendeckende Versorgung mit 100 MBit/s (ohne die die Phase drei unerreichbar bliebe) erfordert Glasfaseranschlüsse bis zu den Haushalten (FTTH) oder mindestens bis zu Gebäuden (FTTH/B) – auf beiden Gebieten ist Österreich Schlusslicht in Europa.

Standorte richtig einschätzen

Das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie stellt mit dem Breitbandatlas eine interaktive Karte zur Verfügung, mit der sich Unternehmer vorab ein Bild von der digitalen Infrastruktur an einem möglichen Standort machen können. Bis zur Hausadresse lässt sich die Karte heranzoomen. Anhand der unterschiedlichen Farbtöne, die Bandbreiten von bis zu 2, 10, 30 und 100 MBit/s darstellen, kann der Nutzer dann erkennen, ob die gewünschte Bandbreite vor Ort wahrscheinlich verfügbar ist.

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Der Breitbandatlas des BMVIT zeigt die Versorgungssituation bis auf 100 × 100 m genau. (Bild: BMVIT)

Mobilfunk bremst Festnetz

Ausgerechnet die gute und im Vergleich preisgünstige Mobilfunkinfrastruktur mag dafür verantwortlich sein, dass die Telekommunikationsanbieter den Festnetzausbau in Österreich bislang stiefmütterlich behandelt haben: Angesichts der günstigen Handy-Angebote sind die Kunden nicht bereit, für Festnetzanschlüsse vergleichsweise hohe Preise zu bezahlen. Diese breitbandigeren, aber eben auch teureren Verbindungen sind bei den Kunden auch schon deshalb nicht beliebt, weil schmalbandigere Festnetzanschlüsse für die meisten privaten Anwendungen durchaus genügen. Dass sich die Telekommunikationsanbieter wiederum nicht um den Ausbau von Netzen reißen, deren Leistung am Markt kaum gefragt ist, liegt auf der Hand.

Thema: Breitbandausbau
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Dr. Jürgen Kaack hat eine Reihe von Projekten als Berater begleitet. Einige aus der Region Nordrhein-Westfalen stellt er ausführlicher als Best-Practice-Beispiele vor: Arnsberg, Ennepetal, Erftstadt, Erkelenz und Wegberg sowie die Lage im gesamten Kreis Heinsberg, ferner Geilenkirchen, Haltern am See, Kaarst, Nettetal und Rheurdt. Außerdem berichtet er von der T-City Friedrichshafen, erläutert die möglichen Geschäftsmodelle im kommunalen Breitbandausbau sowie die Optionen der NGA-Rahmenregelung und setzt auseinander, wo Vectoring seine Haken hat. Nicht zuletzt skizziert er die Prinzipien einer Breitbandstrategie NRW und macht handfeste Vorschläge für eine umfassende Breitbandstrategie. Seine gesammelten Erfahrungen sind 2016 in der Reihe MittelstandsWiki bei Books on Demand erschienen: „Schnelles Internet in Deutschland“ (Paperback, 220 Seiten, ISBN 978-3-946487-00-5, 9,99 Euro).

Zur 5G-Strategie der österreichischen Regierung gehört deshalb auch die Förderung von Breitbandanschlüssen, die ohne zusätzliche Mittel für die Telekommunikationsanbieter unattraktiv wären. Der Bund will die sogenannte Breitbandmilliarde aus seiner Digital Roadmap dazu verwenden. Die zukünftigen Erlöse aus Frequenzversteigerungen – Experten erwarten in diesem und dem nächsten Jahr insgesamt knapp 450 Millionen Euro – fließen ebenso zweckgewidmet in die digitale Infrastruktur. Aber auch die Anbieter sollen ihren Anteil leisten. Ein Ziel ist die „Sicherstellung der erforderlichen Finanzmittel für einen 5G-Ausbau durch die Telekombetreiber“. Die Betreiber sollen mit einem „Breitbandpakt“ ins Boot geholt werden.

Die Regierung stellt den Anbietern dazu eine Senkung der Gebühren für die Frequenznutzung sowie günstigere Mieten für Standorte von Antennentragemasten und zugehörige Einrichtungen auf Grundstücken und Gebäuden in Aussicht, die der öffentlichen Hand gehören. Auch Ausbauvorhaben sollen „erleichtert“ und Verfahren „verkürzt“ werden. Bis 2020 will Österreich zudem „5G-Vorzeigeregionen“ schaffen, die lokale Charakteristika berücksichtigen und für „regionale Leuchtturmprojekte“ sorgen sollen.

3 km Glasfaser statt 300 m

Gemeinsam mit dem Land Steiermark hat das Unternehmen DW-Tech eine Mikrorohr-Verlegeeinheit entwickelt, die das Verlegen von Glasfaserkabeln erheblich beschleunigen kann – nach Angaben des Herstellers um den Faktor 10. Die Maschine öffnet in einem einzigen Arbeitsgang den Boden, verlegt den Rohrverbund, bringt ein Warnband ein und verfüllt die Fuge anschließend wieder. Zufahrten sollen nach wenigen Minuten wieder befahrbar sein, Straßensperren komplett obsolet werden. Statt der bisherigen Tagesleistung von rund 300 m soll der Layjet bis zu 3 km am Tag zurücklegen.

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In einem Rutsch: Der Layjet fräst auf, verlegt die Micro-Rohrverbände, sichert mit Warnband, verfüllt und verschließt wieder. (Bild: Layjet Micro-Rohr Verlegegesellschaft m.b.H.)

Fiber to 5G

Unternehmen, die von der digitalen Disruption betroffen sind – und das ist insbesondere bei Firmen der Fall, für die breitbandige, kabelgebundene Technologien geschäftskritisch sind –, sollten bei der Standortwahl genau hinsehen: Wie der Breitbandatlas zeigt, variiert die Versorgung mit breitbandigem Internet innerhalb desselben Ortes oft stark, und keineswegs sind es immer die Gewerbegebiete, die am besten erschlossen sind.

Serie: Digitale Infrastruktur
Die Einführung beginnt in Berlin und klärt die Rahmenbedingungen in Deutschland. Ein erster Regionalschwerpunkt widmet sich dann dem Westen und Nordrhein-Westfalen. Weitere Regionalreports konzentrieren sich auf den deutschen Südwesten und auf Bayern. Extra-Beiträge berichten außerdem über den Stand der NGA-Netze in Österreich und über die praktische, aber schwierige Mobilfunk-Dominanz in der Alpenrepublik.

Insgesamt zeigt Österreichs digitale Infrastruktur zwei Gesichter: Das mobile Netz ist, trotz topografischer Herausforderungen, schnell, im europäischen Vergleich sehr preisgünstig und arm an Funklöchern. Damit das auch noch in einigen Jahren der Fall sein wird, muss allerdings erst einmal die 5G-Strategie der Regierung aufgehen: Damit 5G bis 2025 flächendeckend auf Sendung gehen kann, muss bis dahin Glasfaser-Internet in hoher Bandbreite zur Verfügung stehen, denn nur LWL-Backbones können die für 5G erforderlichen kurzen Latenzzeiten garantieren. Bislang bremst ausgerechnet das günstige und schnelle mobile Internet den Fortschritt bei leitungsgebundenen Verbindungen aus. Künftig werden beide voneinander abhängen.

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Dirk Bongardt hat vor Beginn seiner journalistischen Laufbahn zehn Jahre Erfahrung in verschiedenen Funktionen in Vertriebsabteilungen industrieller und mittelständischer Unternehmen gesammelt. Seit 2000 arbeitet er als freier Autor. Sein thematischer Schwerpunkt liegt auf praxisnahen Informationen rund um Gegenwarts- und Zukunftstechnologien, vorwiegend in den Bereichen Mobile und IT.


Dirk Bongardt, Tel.: 05262-6400216, mail@dirk-bongardt.de, netknowhow.de

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