Euro-Krisenhebel, Teil 1

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Eine Frage des Vertrauens

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Von Michael J.M. Lang

Um Griechenland und den Euro zu retten, haben die Eurostaaten beschlossen, einen so genannten „Hebel“ einzusetzen. Was genau ist darunter zu verstehen? Die – je nach politischem Standpunkt der Schreiber und Redner – mal beschwörend, mal empörend eingefärbten Erklärungsversuche in Talkshows und Feuilletons verwirren meist mehr, als sie zum Verständnis beitragen. Dabei ist das Prinzip eines solchen Hebels gar nicht so schwer zu verstehen, besonders dann, wenn man einen Taschenrechner hinzuzieht.

Klären wir aber erst noch ein paar grundsätzliche Fragen, bevor wir den Taschenrechner anwerfen, denn schließlich ist die Eurorettung nicht nur eine Frage von Zahlen, sondern auch eine der Politik und der Bürgerakzeptanz.

Was ist eigentlich ein Hebel?

In der Finanzwelt bezeichnet der Begriff „Hebel“ in erster Linie einen Effekt und kein konkretes Instrument. Der Fachbegriff dazu lautet Leverage-Effekt. Er besagt lediglich, dass mit Hilfe eines Betrages X, ein größerer Betrag Y beeinflusst oder gesteuert wird.

Im konkreten Fall der Eurokrise soll mit dem Betrag von mehreren hundert Milliarden Euro von Investoren so viel zusätzliches Beteiligungskapital eingesammelt werden, dass am Ende für den Ankauf hochriskanter Staatsanleihen der europäischen Schuldenstaaten – allen voran Griechenlands – eine Billion Euro zur Verfügung steht. Als Investoren kommen Privatanleger, Banken und Hedgefonds ebenso infrage, wie Staaten außerhalb der Eurozone.

Weder Zaubertrick noch wunderbare Geldvermehrung

Der Hebel hat also überhaupt nichts mit einem „faulen Zaubertrick“ oder einer „wundersamen Geldvermehrung“ zu tun, wie derzeit von Kritikern häufig zu hören ist. Jeder von uns benutzt genau die gleiche Hebelwirkung, wenn er in seinem Auto auf das Gaspedal tritt.

Und jeder weiß, dass das Auto trotz Pedaltritt nur fährt, wenn Benzin im Tank ist. Ebenso kann ein Finanzhebel nur dann wirken, wenn genügend Investoren ihr Geld für den Hebel zur Verfügung stellen. Das Geld der Investoren ist sozusagen der Treibstoff des Hebels. Im Falle des Rettungsschirms bildet es bei Gelingen sogar die Hauptmasse des Rettungskapitals.

Ein echter Finanzhebel bedeutet also keine Geldvermehrung durch das Anwerfen der Gelddruckmaschine – wie viele befürchten. Sondern er wird durch das Einsammeln von bereits im Finanzmarkt an anderer Stelle vorhandenen Kapitals verstärkt. (Dieses Thema wird uns noch in Teil 2 dieser Serie beschäftigen, wenn wir uns mit den beiden zur Diskussion stehenden Hebelvarianten beschäftigen.)

Am Ende entscheidet immer der Bauch

Dieses Einsammeln von Kapital gelingt nur, wenn eine Beteiligung am Rettungstopf attraktiver ist als alternative Anlageobjekte. Dazu stehen im Wesentlichen zwei Mechanismen zur Verfügung: Entweder man verspricht eine besonders hohe Gewinnmarge (Verzinsung) oder ein besonders niedriges Risiko.

Serie: Euro-Krisenhebel
Teil 1 er­klärt den fi­nanz­politi­schen Effekt und sagt, warum sich die Po­litik so schwer da­mit tut. Teil 2 rech­net die ak­tu­ellen Vor­schläge durch – im Ver­gleich zur un­ge­hebelten Lösung.

Den Zins anzuheben wäre ein sehr sicheres Mittel, Investoren zu gewinnen, aber extrem teuer. Viel billiger ist es in der Regel, am Risiko zu drehen – zumindest am gefühlten Risiko, denn während für Anleger die Verzinsung ein vergleichsweise einfach einzuschätzender Faktor ist, ist das Anlagerisiko so schwer zu bewerten, wie die Struktur des Anlageobjekts komplex ist. Auch heutzutage gibt es im Finanzbereich keine Rechenformel, mit der eine nur halbwegs verlässliche Risikobewertung von Staatsfinanzen möglich wäre.

Weil aber das Anlagerisiko in jeder Hebelvariante eine wichtige Rolle spielt, wird am Ende das Bauchgefühl der Investoren darüber entscheiden, wie viele von ihnen einsteigen. Dieses Bauchgefühl ist dann nur ein anderer Ausdruck für das instinktive Vertrauen, dass das Risiko deutlich kleiner ist als die Gewinnchance.

Die Schaffung des Hebels gleicht daher weitaus stärker einer Marketing-Aufgabe als einer technischen Konstruktion. Im Fall der Eurokrise müssen die Verkäufer der Anlage, die Staaten der Eurozone, die Beteiligung am Rettungsschirm möglichst sicher erscheinen zu lassen.

Das Dilemma der Politik

Gleichzeitig haben die beteiligten Regierungen aber die Pflicht, ihre Bürger über das Risiko möglichst umfassend zu informieren, weil deren Steuergelder Bestandteil des Rettungstopfes und damit vom gleichen Risiko betroffen sind.

Das führt zu einem grundlegenden Dilemma der Regierungen, denn eine starke Thematisierung der Risiken des gehebelten Schirms und der Krise schadet der Wirksamkeit und könnte nur durch eine massiv höhere Verzinsung ausgeglichen werden, was jedoch sofort und unabänderlich zusätzliches Steuergeld der Bürger kosten würde.

Aber es kommt noch schlimmer für die Politik: Der Wirkmechanismus ist „positiv rückgekoppelt“, d.h. sowohl eine negative als auch eine positive Wirkung verstärken sich selbst. Je mehr Vertrauen bei potenziellen Investoren aufgebaut werden kann, desto mehr investieren in den Hebel. Dadurch verteilt sich das Risiko auf mehr Schultern und es wird für den Einzelnen – Investor ebenso wie Steuerzahler – geringer. Je weniger sich beteiligen, desto größer wird das Risiko für jeden Einzelnen, auch für jeden einzelnen Bürger.

Im Fall der Eurokrise kommt hinzu, dass bei einer kleinen Zahl von Investoren nicht nur der Risikoanteil pro Kopf größer ausfällt, sondern auch das Gesamtrisiko, denn mit dem Rettungsschirm soll keine realwirtschaftliche Investition gestemmt, sondern ein rein ideeller Abschreckungseffekt für Eurospekulanten erzeugt werden.

Die zentrale Frage für die Politik lautet daher: Was dient unter diesen Gesichtspunkten den Interessen der Steuerzahler mehr? Eine breite öffentliche Diskussion der Risiken des Schirms oder die derzeit geübte Finanzdiplomatie hinter verschlossenen Türen? Klar ist: Finden sich zu wenige Investoren für den Hebel, sind die bisher in die European Financial Stability Facility (EFSF) eingezahlten 211 Mrd. Euro Steuergelder deutscher Bürger mit hoher Wahrscheinlichkeit verloren, denn die rund 440 Mrd. Euro des EFSF aus den Taschen der Euroländer reichen weder dazu aus, Griechenland wieder kreditfähig zu machen, noch den Euro zu retten.

Damit stoßen die Theorie des demokratischen Staates und die Moral der Politik an ihre objektiven Grenzen: Ist für eine Demokratie die Transparenz oder eine stabile Währung wichtiger? Eine kaum beantwortbare Frage, zumal die neuere Geschichte zeigt, dass Demokratien große Währungskrisen so gut wie noch nie unbeschadet überstanden haben.

Die Politik reagiert in diesem Zwiespalt nur allzu menschlich: Schwammig bleiben, mauern und ausweichen, um im Falle eines Misslingens unangreifbar zu bleiben.

Von Nebelkerzen und Brandbeschleunigern

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: In einer Demokratie kann es nicht angehen, über hochriskante Entscheidungen von solchen Dimensionen nur hinter verschlossenen Türen zu verhandeln. Aber der Demokratie in Europa schaden in diesen Tagen eben nicht nur die Nebelkerzen der Regierungen. Auch die Brandbeschleuniger aus Fernsehen und Presse – Empörungsdramatiker und Weltuntergangsbeschwörer, die um des eigenen Egos oder politischen Vorteils Willen den Rettungsschirm und seinen Hebel schlechter reden, als es die objektiven Risiken gebieten – erweisen der Demokratie einen schlechten Dienst. In der gegenwärtigen Situation ist vielmehr der verantwortungsvolle Umgang aller mit diesem sensiblen Thema und eine nüchterne öffentliche Diskussion angesagt.

Leider präsentieren die Medien viel lieber Dramatisierer als nüchterne Finanzexperten, die Lesern und Zuschauern die Handlungsalternativen vorrechnen könnten. Man kann dies nur mit der Angst erklären, die Zuschauer mit solchen Erklärungen zu überfordern und zu langweilen, denn dann könnten diese ja weiterzappen. Diese Angst könnte sich aber als fatale Fehleinschätzung erweisen.

Wir unterschätzen unsere Leser nicht und stellen daher in Teil 2 dieser Serie nicht nur die politisch diskutierten Hebelvarianten einzeln vor, sondern wollen durch vereinfachte Beispielrechnungen auch noch herausfinden, ob es einen Königsweg gibt, der nicht nur die Rettung des Euro und der Schuldenstaaten ermöglicht, sondern auch noch das Risiko für die deutschen Steuergelder minimiert.

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