Flexible Lager

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An Ort und Stelle verbucht

Christian Schwier

Von Sabine Philipp

Die jüngste Wirtschaftskrise und der nachfolgende Aufschwung haben die Intralogistik vor eine besondere Herausforderung gestellt. „Viele Unternehmen mussten die Lager zunächst massiv verkleinern – und dann mit dem Aufschwung wieder schnell hochfahren“, fasst Sven Heißmeyer vom IPH – Institut für Integrierte Produktion Hannover die Problematik zusammen. Der Diplom-Informatiker ist fest davon überzeugt, dass in Zukunft Flexibilität gefragt ist.

Daher sieht er einen großen Trend in der Wandlungsfähigkeit von Lagerstrukturen – ein Thema, mit dem sich auch sein Forschungsprojekt ISI-WALK („Intelligente Schnittstellen In WAndlungsfähigen LieferKetten“) beschäftigt. „Der Gedanke, der dahintersteht, ist, vereinfacht gesagt, dass man nicht benötigte Flächen in Bodenblocklager verwandelt, die ähnliche Funktionalitäten wie ein klassisches Hochregallager haben, also Warenrückverfolgbarkeit und eine genaue, platzbasierte Verbuchung ermöglichen. Diese können dann, wenn weniger Lagerraum benötigt wird, schnell wieder umfunktioniert werden. Der Anbau von teuren Lagerflächen entfällt dadurch.“

Gabelstapler mit Raumgefühl

In der Praxis sieht das folgendermaßen aus: Ungenutzte Flächen oder Flächen, die man durch eine Umorganisation des Fabriklayouts gewinnt, werden als Lager umfunktioniert. Das kann als reine Fläche oder mit Regalen ohne automatische Bediengeräte geschehen. Sobald das Auftragsvolumen zurückgeht, werden die Regale wieder abgebaut und der Platz anderweitig genutzt.

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Dipl.-Informatiker Sven Heiß­meyer ar­beitete nach sei­nem Ab­schluss an der TU Mün­chen als System­entwickler bei der KUKA InnoTec GmbH in Augs­burg. Seit 2009 ist er am IPH – In­stitut für Inte­grierte Pro­duk­tion Han­nover gGmbH als Projekt­ingenieur im Be­reich Pro­duktions­auto­mati­sierung tätig. Der Fo­kus sei­ner Ar­beit liegt auf opti­scher Daten­übertragung, Indoor-Ortung und voraus­schauender Instand­haltung. Zu­sam­men mit Kol­legen ver­ant­wortet er die Durch­führung des Praxis­seminars RFID.

Nun stellt sich aber die Frage, wie man dieses Bodenblock- oder Regallager ohne Bediengeräte an das EDV-System anbindet. Denn schließlich müssen Lagerbereiche in der digitialen Welt deklariert werden. Genau diesen Aufwand möchte Heißmeyer verringern, indem er den Gabelstapler intelligent macht, so dass der Fahrer des Staplers die Waren eigenständig finden kann, wie er es von einen konventionellen Hochregallager gewohnt ist: „Mit dem im Projekt ISI-WALK entwickelten Ortungssystem, das wir auf der CeMAT 2011 vorgestellt haben, möchten wir einen Gabelstapler so ausstatten, dass er die Waren im Lager orten, verbuchen und abholen kann. Dafür muss der Stapler seine Position kennen, die er mithilfe von LED-Lampen an der Decke bestimmen kann. Diese senden Signale aus, die an Morsezeichen erinnern; sie sind aber so kurz, dass Menschen sie als Licht wahrnehmen. Die auf dem Gabelstapler positionierte Kamera erfasst die Daten und eine schlaue Hardware wertet sie aus.“

ISI-WALK Skizze.jpg Das Ziel der ISI-WALK-Modellphase: Flexibilität und IT-gesteuerte Automatisierung vereinen.

Heißmeyer zufolge soll es möglich sein, Gabelstapler aller Hersteller mit dem System nachzurüsten. Die Kosten für das Ortungssystem sollen für eine relativ überschaubare Installation mit ein oder zwei Flurförderfahrzeugen und der Abdeckung einer kleinen Lagerhalle von 50 × 50 m im niedrigen vierstelligen Eurobereich liegen.

Nach Ablauf und Übergabe

Nun wird das ISI-WALK-System erst nach Projektende 2013 durch die beteiligten Unternehmen kommerzialisiert. Wie können sich Mittelständler bis dahin helfen?

Die Idee mit den flexiblen Lager­hallen ist ein Ansatz­punkt. „Es gibt ja heute schon die RFID-basierte Ortung, die in Teilbereichen ganz gut funktioniert“, sagt Heißmeyer. Dabei werden die Waren mit RFID-Chips ausgestattet und können so geortet werden, und zwar nicht nur an festen Buchungspunkten.

Häufig hilft auch schon eine geschicktere Betriebsdatenerfassung weiter, die auf die Prozesse im Unternehmen abgestimmt ist. „Das passiert in vielen Betrieben noch nicht ganz durchgängig, aber man kann sehr viel damit bewegen“, weiß der Fachmann. „Man hat ja bis vor einiger Zeit noch eine Standardlösung propagiert“, seufzt der Profi. Davon sei man aber abgegangen, da jedes Unternehmen andere Abläufe habe. Der Dreh- und Angelpunkt ist für Heißmeyer daher eine vernünftige Geschäftsprozessbetrachtung. „An ihr entscheidet sich oft, ob ein Projekt scheitert oder zum Erfolg wird.“

ISI-WALK Stapler Regal Paletten.jpg Wie sich Flurförder­zeuge zurecht­finden, wenn sich das Lager wan­delt, wird die techno­logische Heraus­forderung des ISI-WALK-Projekts sein.

Durchlauf auf dem Prüfstand

Eine Geschäftsprozessbetrachtung kann die Firma selbst vornehmen. Oder sie holt ein externes Beratungsunternehmen ins Haus. Heißmeyer rät zur letzteren Option, da sich die externen Spezialisten mit einem unverfälschten Blick der Sache annehmen. Die Kosten amortisieren sich nach den Erfahrungen Heißmeyers schnell. „Die Investition ist schon allein deswegen ihr Geld wert, weil mal im ersten Schritt schon einmal weiß, wie das eigene Unternehmen tickt.“ Das öffne den Blick auf Stellhebel, die sonst unerkannt geblieben wären. „Und man findet heraus, welche Prozesse im eigenen Unternehmen wirklich ablaufen.“

Bei einer Geschäftsprozessbetrachtung wird z.B. der Auftragsdurchlauf analysiert. Das heißt, vereinfacht gesagt, dass festgehalten wird, wer wann wo und wie welche Waren bzw. Halbfertigprodukte liefert. Dann wird analysiert, welche Stellen welche Informationen wann brauchen und wie diese Stellen mit EDV-Systemen unterstützt werden können.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Magazin zur CeMAT 2014. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Was in Wahrheit abläuft

Konkret beantwortet eine solche Analyse die Frage: „Wohin setze ich die Buchungspunkte und welche Informationen tragen die bewegten Güter selbst?“ Gängige Kennzeichnungen sind etwa RFID-Chips oder Barcodes; mitunter wird auch ein handschriftliches Etikett angebracht. „Wichtig ist nur,“ sagt Heißmeyer, „dass Sie wissen, wer welche Information braucht und wie er sie bzw. die Waren findet.“ Das klassische Beispiel hierfür ist die Warenverfolgung im Unternehmen. „Auch wenn man durch die Rückmeldungen der Mitarbeiter im System eigentlich wissen müsste, wo sich ein Auftrag befindet, hören wir immer wieder von Unternehmen, dass ein Mitarbeiter durch die Produktion läuft und so lange in Auftragspapieren stöbern muss, bis er den Auftrag gefunden hat.“

Es werden also ganz triviale Fragen beantwortet, die aber einmal gestellt werden müssen“, konstatiert Heißmeyer und fährt fort: „Die meisten Unternehmer glauben, dass sie genau wüssten, was in ihrem Betrieb passiert. In Gesprächen ist aber immer wieder festzustellen, dass sie nach einer Geschäftsprozessbetrachtung doch oft sehr erstaunt waren, was in ihrem Unternehmen wirklich passiert.“

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