Innovationsbürokratie

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Deutschland gehen die Ideen aus

Von Jens-Uwe Meyer, Die Ideeologen – Gesellschaft für neue Ideen mbH

Den Wettbewerb um das Smartphone der Zukunft verfolgen Deutschlands Unternehmen nur als Zaungäste. Mit dem enormen Innovationstempo von Google, Apple und Microsoft können sie seit Jahren nicht mehr Schritt halten. Zwar sind deutsche Unternehmen mit ihrer überragenden Qualität in vielen Bereichen der Wirtschaft Weltmarktführer. Doch wenn es darum geht, schnell neue Ideen zu generieren und erfolgreich auf den Markt zu bringen, sind sie bestenfalls Mittelklasse. Denn ihre perfekten Prozesse, die primär auf Effizienz und Fehlerminimierung setzen, verhindert oft systematisch das Entstehen neuer Ideen. Insbesondere folgende vier Faktoren behindern die deutschen Unternehmen im globalen Ideenwettbewerb:

Die vier stärksten Innovationsbremsen

Starre Strukturen

Die meisten deutschen Unternehmen sind durch klare Zuständigkeiten und Hierarchien geprägt. Dieses Bereichsdenken macht Unternehmen äußerst effizient. Zugleich ersticken diese Strukturen jedoch den größten Teil des kreativen Potenzials. Denn Ideen entstehen immer dort, wo Grenzen aufeinanderstoßen und Reibung entsteht.

Als bei Karstadt noch darüber diskutiert wurde, wie das Internet Konsumenten in Zukunft beeinflussen wird, setzte Amazon-Chef Jeff Bezos bereits auf vollkommen neue Unternehmensstrukturen: Kleine wendige Teams, die er nach der „Zwei-Pizzen-Regel“ zusammenstellte: Sobald ein Team mehr als zwei Pizzen essen kann, wird es geteilt.

Die Regelwut

Regelfreie Zonen sind in deutschen Unternehmen nahezu unbekannt. Wer Ideen hat, soll sie in den dafür vorgesehenen Prozess einbringen. In vielen Unternehmen ähnelt das [[Innovationsmanagement|Ideen- und Innovationsmanagement] mittlerweile einem bürokratischen Monster. Es gibt genaue Vorschriften, wie Ideenformulare auszufüllen und Ideen zu begründen sind. Was für ein Unterschied zu Unternehmen wie Google, in denen Mitarbeiter freie Zeit bekommen, um an eigenen neuen Ideen zu arbeiten! Denn Ideen brauchen in ihrer Entwicklungszeit bis zur Marktreife etwas, was im Tierreich den Namen „Welpenschutz“ trägt: einen geschützten Raum, in dem sie in Ruhe reifen können.

Das Bedürfnis nach Kontrolle

In den weltweit innovativsten Unternehmen gibt es Führungsprinzipien, die in deutschen Firmen größtenteils undenkbar sind. Beispielsweise, dass sich Mitarbeiter Aufgaben selbst suchen, sich Teams von Mitstreitern selbst zusammenstellen und Innovationen entwickeln, ohne dass das Topmanagement zu 100 % weiß, was die Mitarbeiter eigentlich treiben.

Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Ideeologen – Gesellschaft für neue Ideen GmbH, Baden-Baden. Er hat an der Handelshochschule Leipzig einen Lehrauftrag für Corporate Creativity. Im September 2010 erschien sein neues Buch „Kreativ trotz Krawatte – Vom Manager zum Katalysator: Wie Sie eine Innovationskultur aufbauen“ (www.kreativ-trotz-krawatte.de).


Tel.: (0700) 4333-6783, meyer@ideeologen.de

Der Gedanke dahinter ist einfach: Mitarbeiter, die sich ihre Entwicklungsprojekte selbst suchen dürfen, sind schneller, ideenreicher und produktiver als Mitarbeiter, die eine Aufgabe delegiert bekommen.

Die Angst, nicht perfekt zu sein

Beim amerikanischen Handy-Hersteller [[Datenerfassung_im_Außendienst,_Teil_1|Research in Motion] gibt es die „9 von 10“-Regel: Neun Mal muss etwas schief gehen, damit es beim zehnten Mal funktioniert. Und der indische Tata-Konzern zeichnet beim jährlichen Wettbewerb Innovista eine Innovation aus, die ernsthaft versucht wurde, dann aber gescheitert ist. Durch solche Regeln, Philosophien und Maßnahmen wollen diese Unternehmen vor allem eines ausdrücken: Scheitern willkommen! Sie haben erkannt, dass es Innovation mit Vollkaskoschutz nicht gibt. Scheitern ist in diesen Unternehmen nichts Negatives.

Fazit: Im Vergleich hinterher

Unter den 50 weltweit innovativsten Unternehmen waren 2010 erstmals vier chinesische Unternehmen, daneben elf Unternehmen aus anderen asiatischen Staaten. Zum Vergleich: Deutsche Unternehmen stehen nur drei auf dieser Liste. Deutschland kann offenbar alles exportieren – außer Ideen.

Nützliche Links

Das Buch zum Thema ist Jens-Uwe Meyer: Kreativ trotz Krawatte. Vom Manager zum Katalysator – Wie Sie eine Innovationskultur aufbauen. 1. Aufl. BusinessVillage 2010, 240 S., zahlreiche Abbildungen (ISBN 978-3-869800-73-8, 24,80 Euro).