Hidden Champions in Süddeutschland

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Marktführer aus dem Süden

© fischer

Von Friedrich List

Viele der „heimlichen Helden“ fungieren als hochspezialisierte Zulieferer für große Technologiekonzerne. So finden sich in Baden-Württemberg mit Daimler und Porsche gleich zwei große Automobilunternehmen, aber auch Bosch und ZF, zwei weltweit agierende Zulieferer nicht nur für die Autoindustrie.

Aber viele Betriebe sind keine Zulieferer, sondern Anbieter eigenständiger Produkte. Oder es handelt sich um innovative Start-ups. Aus München kommen junge Unternehmen wie beispielsweise Lilium und Sono Motors. Die Lilium GmbH entwickelt neuartige Lufttaxis mit elektrischem Antrieb. Sono Motors produziert das erste Elektroauto, dessen Batterien auch durch in die Karosserie integrierte Solarzellen aufgeladen werden. Auch Göppingen beherbergt einen deutschen IT-Champion – die gleichnamige Software der TeamViewer GmbH sorgt dafür, dass in vielen Firmen weltweit der IT-Support reibungslos läuft.

In Deutschland arbeiten rund 30 Millionen Menschen in kleinen und mittelgroßen Betrieben, die die hierzulande 99,3 % aller Unternehmen ausmachen. Sie beschäftigen etwa 61 % aller Arbeitnehmer.

Starke Marken aus Baden-Württemberg

Die meisten Hidden Champions finden sich im Schwabenland. Laut Die deutsche Wirtschaft ist der Mittelstand für Baden-Württemberg von großer Bedeutung. Das Ranking Mittelstand 10.000 des Interessenverbandes listet für das südwestliche Bundesland rund 1800 Unternehmen in guten Positionen. Erwähnt werden Firmen unter 1 Milliarde Euro Jahresumsatz, die sich in Familienbesitz befinden. Zusammen erwirtschaften diese einen Jahresumsatz von 176,7 Milliarden Euro. Weltweit beschäftigen sie rund 948.000 Menschen.

Den Schwerpunkt bildet der industrielle Sektor, zu dem 1050 Unternehmen gehören. 488 Firmen sind im Dienstleistungsgewerbe tätig, 262 im Handel. Nach Unternehmenszahlen liegt der Maschinen- und Anlagebau mit 163 Betrieben vorne, gefolgt von Komponentenherstellern mit exakt 100 Firmen. Im Ranking für Baden-Württemberg alleine belegt die Fischerwerke GmbH aus Waldachtal Platz eins, gefolgt von der Unternehmensgruppe Handtmann, der Arburg GmbH + Co KG und dem Elektrotechnikunternehmen Pepperl+Fuchs.

MW-fischer-greenline.jpg Die weltweit ersten biobasierten Befestigungssysteme: Die Dübel der 2016 gestarteten greenline-Serie von Fischer sind mindestens zur Hälfte aus nachwachsenden Rohstoffen – mit der gleichen Tragfähigkeit wie die älteren grauen Geschwister. (Bild: fischer)

Vom Dübel bis zum Sensor

Die Fischerwerke stehen weltweit für ihre Fischer-Dübel, aber auch das Spielesystem Fischertechnik kennt jedes Kind. Gegründet wurde das Unternehmen 1948 als Arthur Fischer GmbH & Co KG. Es produziert nicht nur die Fischer-Dübel, sondern ganz allgemein Befestigungssysteme, Automobilinterieur und verschiedene Konstruktionsspielzeugsysteme. Die Befestigungssysteme bilden sogar den größten Firmenbereich. Der entwickelt, produziert und vermarktet Metallverankerungen, Kunststoffdübel für eine Vielzahl von Anwendungen, Baustoffe und chemische Produkte. Fischer automotive systems in Horb am Neckar produzieren Innenraumkomponenten für Autos wie Cupholder, Aschenbecher, Ablagesysteme und Lüftungsdüsen.

Die Handtmann GmbH wurde 1873 als Messinggießerei gegründet. Heute stellt der Betrieb Leichtmetallgussteile und Systemkomponenten für die Autoindustrie, Maschinen für die Nahrungsmittelindustrie, Edelstahlarmaturen für die Getränkeindustrie sowie extrem feste Teile aus technischem Kunststoff her. Der Hauptsitz befindet sich in Biberach, hinzu kommen Produktionsstätten in Sachsen und in der Slowakei.

Die Arburg GmbH & Co KG in Loßburg zählt in ihrer Branche weltweit zu den Branchenführern. Die Firma stellt Spritzgießmaschinen aus Kunststoff und additive Fertigungssysteme für die Automobilbranche, Medizintechnik sowie für Kommunikations- und Unterhaltungselektronik her. Hinzu kommen Maschinenperipherie und modulare Robotersysteme. Das Unternehmen unterhält Niederlassungen in 25 Ländern und ist über Handelspartner sogar in über 50 Ländern präsent.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Magazin­reihe „IT-Unternehmen aus der Region stellen sich vor“ erschienen. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen bereits verfügbaren Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Sensoren und Sensorsysteme für industrielle Anwendungen gelten als Spezialgebiet von Pepperl+Fuchs. Das Unternehmen wurde 1945 in Mannheim ins Leben gerufen und reparierte anfangs Radiogeräte. 1958 stellten die Verantwortlichen dann den im Haus entwickelten induktiven Näherungsschalter vor. Der konnte die Position von Gegenständen elektronisch messen und kommt noch heute in Verpackungs- und Abfüllanlagen zum Einsatz. Heute fertigt der Betrieb eine breite Palette elektronischer Bauteile und Sensoren, die im Anlagenbau, auf Bohrinseln, in der chemischen Industrie und der Automobilbranche Verwendung finden. 2019 wies Pepperl+Fuchs einen Umsatz von 715 Millionen Euro aus.

Bayern jetzt ohne Antennen

Für Bayern weist das Ranking Mittelstand 10.000 von 2019 über 2000 KMU aus. Zusammen standen die bayerischen Unternehmen im vergangenen Jahr für einen Jahresumsatz von 197,6 Milliarden Euro. Weltweit beschäftigten sie rund 1,1 Millionen Menschen.

Bei über der Hälfte der KMU, genauer: 1093, handelt es sich um Industrieunternehmen. 633 Firmen fallen in die Kategorie Dienstleister, 315 zählen zu Handelsfirmen. Als wichtigste Branche gilt der Maschinenbau, gefolgt von Autohandel, Logistik und Elektrotechnik. Bis vor Kurzem führte die Kathrein-Gruppe das DDW-Mittelstandsranking an. Kathrein existiert seit 1919 und produzierte zuletzt Antennentechnologie. Allerdings zeigte sich in den letzten Jahren, dass Kathrein dem Wettbewerb im Mobilfunkmarkt immer weniger gewachsen war. Ganze Unternehmensteile mussten verkauft, Niederlassungen geschlossen werden. Anfang 2019 erwarb Ericsson fast das gesamte Kerngeschäft.

MW-2020-arri-orbiter-shipping-press-image2-photo-arri-lothar-reichel.jpg Anfang Oktober 2020 zog ARRI aus der Türkenstraße in die neue Firmenzentrale in der Münchner Parkstadt Schwabing um. Nahezu zeitgleich gab das Unternehmen die weltweite Verfügbarkeit des neuen LED-Scheinwerfers Orbiter bekannt. (Bild: ARRI)

Messtechnik, Kino und Sauberkeit

Damit dürfte der Nahrungsmittelhersteller Hipp auf den ersten Platz bei den Mittelständlern rücken, gefolgt von der WIKA Alexander Wiegand SE & Co. KG, einem Hersteller von Druck- und Temperaturmesstechnik. WIKAs Stammsitz liegt im unterfränkischen Klingenberg. Hinzu kommen zehn Produktionsstätten in neun Ländern und Unternehmenspräsenzen in 75 Staaten. Die 1946 gegründete Firma begann 1956 mit der Herstellung von Manometern aus nicht rostendem Stahl. 1970 galt WIKA als größter Manometer-Hersteller in Europa. Heute stellt das Unternehmen neben elektronischen, mechatronischen und mechanischen Drucksensoren auch Füllstandsmessgeräte, Druckmittler und Kalibriergeräte her.

Serie: Hidden Champions
Ein Grundlagenbeitrag klärt zunächst den Begriff, bevor die Reise beginnt: Der erste Teil beschäftigt sich mit Hidden Champions aus Nordrhein-Westfalen , der zweite Teil nimmt die heimlichen Helden in Süddeutschland unter die Lupe.

Zu den Klassikern unter den bayerischen Unternehmen zählt die ARRI Group, die 1917 in München das Licht der Welt erblickte. Sie stellt Kinofilmausrüstungen her, also Filmkameras und ihre Objektive, Beleuchtung und die Ausstattung für die Postproduktion. Große Bekanntheit erlangten die Münchner 1937 durch die Entwicklung des Spiegelverschlusses in Filmkameras. Mit ihm sieht man durch die Kamera die Schärfenverteilung und den genauen Bildausschnitt. In Hollywood genießt ARRI einen guten Ruf. Die Firma hat sich 19-mal den Oscar für technische Innovationen geholt. Der Umstieg vom analogen zum digitalen Kino um die Jahrhundertwende war schwierig. Aber ARRI holte sich Unterstützung aus der Forschung und entwickelte den CCD-Sensor und digitale Kameras für Kinofilme.

Auch ein Spezialist für industrielle Sauberkeit hat seinen Sitz in Bayern: die Dr. O.K. Wack Chemie GmbH. Dabei handelt es sich um einen Hersteller von Reinigungslösungen. Wack Chemie liefert nicht nur Reinigungsmittel für die Industrie, sondern auch für den Consumer-Bereich, etwa für die Pflege von Auto oder Motorrad. 1990 gründete man den Ableger Zestron, der Reinigungsmedien und -prozesse für die Elektronikindustrie entwickelt. Zestron verfügt inzwischen über technische Zentren in Deutschland, den USA, China, Malaysia und Japan. Die Kunden kommen nicht nur aus der Telekommunikation, sondern auch aus der Medizintechnik, der Autoindustrie sowie der Luft- und Raumfahrt.

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Friedrich List ist Journalist und Buch­autor in Hamburg. Seit Anfang des Jahr­hunderts schreibt er über Themen aus Computer­welt und IT, aber auch aus Forschung, Fliegerei und Raum­fahrt, u.a. für Heise-Print- und Online-Publikationen. Für ihn ist SEO genauso interessant wie Alexander Gersts nächster Flug zur Inter­nationalen Raum­station. Außerdem erzählt er auch gerne Geschichten aus seiner Heimatstadt.

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