Human Augmentation

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Superkräfte zum Nachrüsten

© German Bionic

Von Dirk Bongardt

Wer beim Begriff „Human Augmentation“ an Iron Man aus den Marvel-Avenger-Filmen denkt, liegt gar nicht so falsch: Tony Stark ist als einziger der Superhelden nicht mit außergewöhnlichen Körperkräften ausgestattet, sondern wird erst durch seinen Anzug zum Avenger. Human Augmentation oder Human Enhancement ist aber so alt wie die Menschheit selbst: Im Ikarus-Mythos baut Dädalus für seinen Sohn Ikarus und sich selbst gefiederte Gestänge, mit denen sie fliegen können. Menschen nutzen seit mindestens zwei Jahrtausenden Hörrohre, um die Leistung ihrer Ohren zu verstärken, und schon Archimedes, der 200 Jahre vor Christi Geburt lebte, soll einen Kristall zur Sehkorrektur am Kopf getragen haben, also die erste Brille.

Doch die technologischen Fortschritte im letzten und im gegenwärtigen Jahrhundert machen Körpermodifikationen möglich, die weit über die bisherigen Einsatzgebiete von Brillen und Hörgeräten hinausgehen. Davon profitieren Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen ebenso wie Gesunde, die ihre Grenzen erweitern wollen. Auch Unternehmen liebäugeln mit diesen neuen Möglichkeiten, die ihren Mitarbeitern aufregende Werkzeuge an die Hand geben – oder an den Rücken, die Beine oder die Augen. Auf diese Weise sollen diese in weniger Zeit mehr leisten können, so die Hoffnung.

Blinde sehen, Einbeinige sprinten: Replication

Replication bezeichnet die erste Stufe der Human Augmentation. Diese Technologie bildet Fähigkeiten nach, die der Mensch bereits besitzt. Prothesen fallen im Allgemeinen in diese Kategorie. Das Ziel besteht darin, Menschen, die durch einen Unfall, eine Krankheit oder ein angeborenes Leiden eine bestimmte Fähigkeit verloren oder nie gehabt haben, diese Fähigkeit zurückzugeben. Myoelektrische Armprothesen etwa ermöglichen es dem Träger, durch das Anspannen der vorhandenen Muskulatur im Stumpf elektrische Signale an Elektroden auf der Hautoberfläche weiterzuleiten und darüber die Funktionen der elektrischen Armprothese zu steuern.

Ein anderes Beispiel für Replication ist eSight, ein elektronisches Gerät, das getragen wird wie eine Brille, sich aber speziell für Menschen eignet, die nur noch über ein geringes Restsehvermögen verfügen. Dafür besitzt eSight auf der Außenseite Kameras, die ein Bild der Umgebung in einer Qualität einfangen, die der des menschlichen Auges ähnelt. Zwei LED-Displays auf der Innenseite des Gerätes zeigen dem Träger das eingefangene Bild an.

MW-Sarcos Civ-wht.1.jpg Sarcos war ursprünglich ein Robotik-Spin-off der University of Utah. Das Militär interessierte sich früh für diese Exoskelette, die DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency) fördert die Entwicklung. (Bild: Sarcos Corp.)

Höher, schneller, weiter: Supplementation

Die zweite Stufe der Human Augmentation nennt sich Supplementation: Hier geht es nicht mehr (nur) darum, verlorene Fähigkeiten zurückzugewinnen, sondern Menschen stärker als je zuvor werden zu lassen – schneller, ausdauernder, intelligenter.

Ob einige Prothesen bereits auf diesem Niveau arbeiten, darüber ist man sich uneins – speziell im Sport. Im Jahr 2012 startete Oscar Pistorius bei den Olympischen Spielen in London 2012 als erster Läufer auf Prothesen. In Deutschland wurde Markus Rehm zwei Jahre später mit einer Prothese Deutscher Meister im Weitsprung bei den Nicht-Behinderten. Doch 2015 verabschiedete der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) eine Regel, die Sportlern, die auf eine Prothese angewiesen sind, den Start verwehrt, „es sei denn, der Athlet kann auf Grundlage von Wahrscheinlichkeiten belegen, dass der Gebrauch des Hilfsmittels ihm keinen allgemeinen Wettkampfvorteil gegenüber einem Athleten verleiht, der dieses Hilfsmittel nicht benutzt“.

Die Entscheidung stieß auf viel Kritik, Tatsache ist jedoch, dass Prothesen in manchen Disziplinen körpereigenen Gliedmaßen überlegen sein können. Sportprothesen werden entwickelt, um den jeweiligen Herausforderungen zu entsprechen. Für Sprints und den Anlauf beim Weitsprung etwa existieren spezielle Prothesen, die sich mit Prothesen für den Alltag nicht vergleichen lassen.

In den Bereich Supplementation fallen auch Exoskelette (auch Außenskelette genannt), die die Körperkraft ihrer Träger vervielfachen. Beim Sarcos Guardian XO handelt es sich um so ein Ganzkörper-Exoskelett, das die Kraft seines Trägers nach Herstellerangaben um den Faktor 20 verstärkt und bei zu hebenden Gewichten von bis zu 90 kg zum Einsatz kommen kann. Auch der deutsche Hersteller German Bionic hat ein Außenkelett im Angebot: Der Cray X unterstützt den Träger oder die Trägerin bei Lasten von bis zu 25 kg und entlastet ihn, indem er den Kompressionsdruck im unteren Rückenbereich verringert.

MW-Ambassador-D5miDcvg.jpeg Digitaler Dolmetscher: Der Ambassador nimmt fremdsprachiges Audio entgegen und gibt es in Echtzeit in Übersetzung ins Ohr. (Bild: Waverly Labs)

Doch nicht nur die Vervielfachung von Körperkraft fällt in den Bereich Supplementation. Beim Ambassador vom Hersteller Waverly Labs bekommen wir es mit einem Ohrclip zu tun, der gesprochene Worte aus der Umgebung aufnimmt und für seinen Träger in Echtzeit in dessen Sprache übersetzt. Tragen bis zu vier Gesprächsteilnehmer einen Ambassador, können sie sich miteinander unterhalten, auch wenn jeder von ihnen eine andere Sprache spricht. Der Ohrclip lässt sich auch mit einem Audiosystem verbinden. Wer vor einer fremdsprachigen Gruppe redet, kann seinen Vortrag dann in seiner Muttersprache halten – die Zuhörer hören die Worte in ihrer eigenen Sprache.

Jenseits menschlicher Fähigkeiten: Exceeding

Die dritte Stufe der Human Augmentation, das „Exceeding“, möchte nicht nur die natürlichen Fähigkeiten des Menschen erweitern. Hier geht es vielmehr darum, dem Menschen (für ihn) völlig neue Fähigkeiten zu verleihen.

Ein gutes Exceeding-Beispiel ist das Zapata Flyboard Air. Dabei handelt es sich um eine Art Hoverboard, eine rechteckige Plattform, auf der ein Mensch festgeschnallt wird. Gasturbinen, die Treibstoff aus dem Rucksack des Piloten erhalten, lassen das Flyboard Air samt seinem Piloten mit einer Geschwindigkeit von bis zu 200 km pro Stunde in einer Höhe von maximal rund 3000 m fliegen. Einzig der hohe Preis (rund 250.000 Euro) dürfte der Massentauglichkeit noch im Wege stehen.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Magazin­reihe „IT-Unternehmen aus der Region stellen sich vor“ erschienen. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen bereits verfügbaren Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Große Erwartungen

Während das Zapata Flyboard Air bereits existiert und auf Interesse stößt, befinden sich weitere Entwicklungen der Stufe drei noch in der Entstehungsphase. Ein gutes Beispiel: Nanobots. Die existieren nicht mehr nur in Science-Fiction-Filmen: Forscher aus Hongkong haben per 3D-Drucker erste Roboter entwickelt, die auf zellularer Ebene manövrieren können. Bei der Bekämpfung von Krebszellen oder bei der Unterstützung des Immunsystems könnten solche Nanobots in einer gar nicht mehr so fernen Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Noch arbeiten die Wissenschaftler daran, diesen Bots präzise Anweisungen zu geben.

Auch künstliche Blutzellen zählen zum Exceeding. Die Idee dahinter: Meeressäuger wie Delfine oder Wale können für eine sehr lange Zeit unter Wasser die Luft anhalten. Gelingt es, künstliche Blutzellen zu erzeugen, die ähnlich leistungsfähig sind, wären auch Menschen dazu in der Lage, stundenlang unter Wasser zu bleiben, bevor sie zum Luftholen auftauchen müssten.

Wir Cyborgs kommen

In einer beliebten Star-Trek-Reihe stehen Cyborgs für das ultimative Böse. Doch nicht jede Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten muss schlecht sein. Menschen, die trotz schwachem Augenlicht wieder sehen können, werden das nur zu gern bestätigen – genauso wie Arbeiter, die ohne Rückenschäden den ganzen Tag schwere Lasten bewegen können. Und sind wir nicht eigentlich schon längst Cyborgs? Wann hatten Sie zuletzt Ihr Smartphone in der Hand? Und als Sie diesen Text gelesen haben, haben Sie da eine Brille getragen?

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Dirk Bongardt hat vor Beginn seiner journalistischen Laufbahn zehn Jahre Erfahrung in verschiedenen Funktionen in Vertriebsabteilungen industrieller und mittelständischer Unternehmen gesammelt. Seit 2000 arbeitet er als freier Autor. Sein thematischer Schwerpunkt liegt auf praxisnahen Informationen rund um Gegenwarts- und Zukunftstechnologien, vorwiegend in den Bereichen Mobile und IT.


Dirk Bongardt, Tel.: 05262-6400216, mail@dirk-bongardt.de, netknowhow.de

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