IT-Berufe in der Luft- und Raumfahrt

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Informatiker im Steigflug

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Von Friedrich List

In der Luft und erst recht im Weltraum ist fast nichts mehr unterwegs, das nicht irgendeine Software bräuchte oder zu dessen Herstellung nicht informationstechnische Systeme benötigt würden. Der Informatiker Sebastian Schier begeistert sich schon seit seiner Schulzeit für Flugzeuge und hat auch beruflich den Weg in die Luftfahrt eingeschlagen. Mittlerweile arbeitet er am Institut für Flugführung in Braunschweig, das zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gehört.

Schier ist Projektverantwortlicher für den am Institut stehenden Apron- und Tower-Simulator (ATS). Er und seine Kollegen arbeiten gemeinsam mit Fluglotsen und anderen Spezialisten an der Optimierung von Abläufen und einer verbesserten Software für die Arbeit im Tower und auf dem Vorfeld (englisch: „apron“) von Verkehrsflughäfen. Schier stimmt die Arbeit mit den Auftraggebern ab und betreut die Grundlagenforschung. Mit im Boot sind unter anderem die Deutsche Flugsicherung (DFS), etliche Flughäfen und die Hersteller von Flugführungssoftware.

Experten für Flugsicherheit

Gerade abgeschlossen ist das Projekt „Remote Tower“. Dabei sitzen die Towerlotsen nicht mehr in ihrem klimatisierten Turm über dem Rollfeld, sondern in einer simulierten Leitzentrale am Boden und verfolgten das Geschehen per Videoübertragung. Dafür hatte das Team um Sebastian Schier den Braunschweiger Simulator entsprechend umgebaut.

Sebastian Schier bei Versuchsreihen im Apron and Tower Simulator (C) DLR Marek Kruszewski-1.jpg Sebastian Schier bei Versuchsreihen im Apron and Tower Simulator (Bild: Marek Kruszewski – DLR)

Schier lernte das DLR über ein Schulpraktikum kennen und studierte dann an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim. Den Praxisteil des Studiums absolvierte er wiederum beim DLR. Nach dem Abschluss als Diplomingenieur BA durchlief er ein Masterstudium für Informatik an der TU Braunschweig. „Das duale Studium an der DHBW war sehr anwendungsorientiert“, erinnert er sich, „so konnte ich mir an der Uni die Vorlesungen zielgerichtet aussuchen.“

Nach dem Master wechselte Schier in die Abteilung ATM-Simulation (ATM steht für Air Traffic Management) und übernahm dann den Tower-Simulator. An seinem Arbeitsfeld schätzt er die Vielfalt und das Innovative: „Wir sind die Ersten, die neue Systeme für die Flugsicherung austesten.“ Das umfasst dann nicht nur die Suche nach Verbesserungen, sondern auch die Zusammenarbeit mit Kollegen anderer Fachrichtungen – Ingenieure für Luft- und Raumfahrttechnik, Fluglotsen, Mathematiker, Psychologen, Physiker, sogar Geistes- und Humanwissenschaftler. Ziel dabei ist, die neue Technik verständlich und anwendungssicher zu machen, sodass die Sicherheitsexperten problemlos mit ihr arbeiten können.

Safety und Security

Zum Luft- und Raumfahrtsektor zählt neben der Forschung natürlich auch die Industrie. Sie umfasst nicht nur den klassischen Flugzeugbau, sondern auch die Entwicklung und Produktion von Systemen zur Flugsicherung. Hinzu kommen Steuerungs- und Navigationssysteme für Flugzeuge, die Cockpit-Systeme, die Verarbeitung von Borddaten, Betriebssysteme für Raumfahrzeuge aller Art, aber auch Software für Navigations- und Wettersatelliten.

Viele Projekte bewegen sich an der Grenze des technisch und finanziell Machbaren, die Zulassungsprozesse sind stark reglementiert, und die Nutzungsdauer der fertigen Produkte variiert stark. Es gibt Flugzeuge, die 30 oder sogar 40 Jahre fliegen sollen, aber auch kurzlebige Einwegpackungen wie Trägerraketen oder Lenkwaffen. Airliner produziert man in Großserie, Raumsonden werden nur für eine Mission nach Maß entwickelt und gebaut, müssen dafür aber unter extremen Bedingungen funktionieren.

Dementsprechend finden sich Jobs in Forschung und Entwicklung, in der Produktion, im Betrieb und in der Instandhaltung. Arbeitgeber sind Großunternehmen wie der Branchenriese Airbus oder Lufthansa Technik, aber auch mittelständische Firmen und Zulieferer wie Liebherr, Ferchau Engineering, Diehl oder der Satellitenhersteller OHB. Auch das DLR selbst beschäftigt rund 300 Informatiker.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Heise-Beilagen­reihe „IT und Karriere“. Einen Über­blick mit Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Die Kunst des Steuerns

Der Berufszugang erfolgt über das Bachelor- und Masterstudium an einer Hochschule oder Fachhochschule. Beim DLR gibt es jährlich rund 350 Stellen für den Direkteinstieg als wissenschaftlicher Mitarbeiter und etwa 700 Stellen für Praktikumsstudenten pro Jahr. Die Deutsche Flugsicherung bietet zudem einen eigenen Bachelorstudiengang Informatik in Kooperation mit der Hochschule Darmstadt an. Hinzu kommen duale Studiengänge, in denen sich Praxis- mit Studiensemestern abwechseln. Wer in die Luft- und Raumfahrt möchte, kann sich über Praktika und über Bachelor- und Masterarbeiten in der Industrie oder bei einer Forschungseinrichtung qualifizieren.

In der Entwicklung spielen auch Ingenieure für Kybernetik eine wichtige Rolle. Technische Kybernetik arbeitet an der Schnittstelle zwischen Ingenieur- und Naturwissenschaften. Um Systeme zu verstehen, nutzt sie vor allem mathematische Methoden. Mit ihnen werden Aufnahme, Weitergabe und Verarbeitung von Informationen sowie die Regelung der Systeme durchleuchtet. Tätigkeitsfelder für Kybernetiker sind dann IT-Systementwicklung, Software-Entwicklung, Qualitätssicherung, Produktionsplanung und -steuerung, Wartung, aber auch Forschung und Entwicklung, Management sowie Einkauf oder Vertrieb.

Fazit: Hier könnte ich gut landen

Begeisterung fürs Fliegen und ein grundlegendes technisches Verständnis sind sicherlich von Vorteil, wenn man sich für eine Karriere in der Luft- und Raumfahrt entscheidet. Doch besonders anziehend wirkt die Möglichkeit, altehrwürdigen Zukunftstechnologien frischen Wind unter die Flügel zu bringen. „Wir gucken auf die nächsten zehn bis zwanzig Jahre“, sagt Schier, und man kann ihm den Spaß an seinem Job deutlich ansehen.

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