NGA-Netze in Österreich

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1200 Meter Glasfaser in drei Tagen

© RioPatuca Images – Fotolia

Von Friedrich List

Das Internet Protocol (IP) ist so etwas wie das Nervensystem unserer modernen Gesellschaft. Das Volumen der über die stationären und mobilen Netze übertragenen Daten wächst stetig. Um mit diesem Bedarf Schritt zu halten, baut Österreich nicht nur seine ortsfesten Netze mit Glasfaserstrecken aus, sondern bereitet sich auch auf die Einführung des neuen Mobilfunkstandards 5G vor. Allerdings liegt die Alpenrepublik im europäischen Vergleich bei der Digitalisierungsinfrastruktur nicht in der Spitzengruppe, sondern eher im unteren Mittelfeld. Im Vergleich sind selbst Länder wie Lettland deutlich besser aufgestellt. Dort führt man bereits 2018 den 5G-Standard für die Mobilfunknetze ein.

Die heftigsten Datentreiber

Um die Datenlawine, die derzeit auf die Menschheit donnert, zu bewältigen, braucht es sehr viel durchsatzstärkere, sogenannte NGA-Netze (Next Generation Access). Der diesjährige Visual Networking Index (VNI) von Cisco Systems sieht für den weltweiten Datenverkehr nicht nur ein praktisch ungebrochenes Wachstum weltweit, sondern benennt auch die Gründe. Dazu gehört der steigende Anteil von datenintensivem Videomaterial: 82 % des Datenverkehrs werden laut Cisco auf das Streamen von Videos entfallen, zwei Drittel davon in HD-Qualität. Hinzu kommt das Internet der Dinge (IoT), also die Vielzahl vernetzter Geräte, vom smarten Föhn bis zu kompletten Industrie-4.0-Systemen, in denen Anlagen direkt per M2M (Machine to Machine) miteinander kommunizieren. Bei der VNI-Vorstellung nannte Achim Kaspar, General Manager Cisco Austria, als konkretes Beispiel das Smart-City-Projekt Linz, „wo die intelligente Steuerung der Straßenbeleuchtung sowie der Einsatz von Umweltsensoren zur Erfassung und Analyse von Umweltdaten getestet wird. Der Einsatz von intelligenten Straßenbahnen – ebenfalls in Linz – oder auch die Vernetzung von Sensoren und Kameras zur Verkehrsbeobachtung und -steuerung auf Österreichs Autobahnen und Schnellstraßen sind bereits reale Anwendungen von IoT.“ Ähnliche Showcase-Projekte in nahezu jeder Größenordnung, mitunter in der Variante Smart Urban Region, gibt es – mit Förderung des Klima- und Energiefonds – zum Beispiel auch in Graz, Salzburg oder Villach. Für alle stellt Ciscos Zentraleuropachef Michael Ganser klar: „Das Herzstück einer jeden Smart City ist ein hochverfügbares Netzwerk.“

Allerdings tut sich die österreichische wie die deutsche Politik schwer damit, den erforderlichen Breitbandausbau stärker voranzutreiben als bisher. Um die nötigen Bandbreiten zu erreichen, muss in aller Regel eine Glasfaserinfrastruktur geschaffen werden. Das Hauptproblem ist: Lichtwellenleiter sind teuer, vor allem in der Verlegung. Bei den Glasfaseranschlüssen rangierte Österreich laut Statista zuletzt (2016) mit einem Anteil von 1,5 % nur unter ferner liefen, in Deutschland sieht es kaum besser aus: Der Nachbar kommt auf 1,6 %. Dagegen erreicht bereits Italien immerhin 2,7 %, Ungarn schon 17,3 % und die Schweiz 18,8 %, Slowenien gar 25,6 % und die Slowakei 27,9 %. Schweden, das viel ländlichen Raum hat, schafft es mit 51,7 % auf Platz 4, und Norwegen, das Paradebeispiel für Unwegsamkeit, erreicht immer noch einen LWL-Anteil von 35,5 % und setzt großteils ohnehin auf schnellen Mobilfunk. An der Geografie kann es also nicht liegen. Woran dann? Eine Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung stellt, ebenfalls 2016, eine „überdurchschnittliche Verbreitung von DSL-Anschlüssen bei gleichzeitig unterdurchschnittlichen Anteilen von Glasfaseranschlüssen“ fest. Und weiter: „Die unterdurchschnittliche Verbreitung von schnellem Internet dürfte […] angebotsseitige Gründe haben.“ Mit anderen Worten: Der Bedarf wäre da, aber die Anbieter zögern.

Mittel aus der Breitbandmilliarde

Österreich setzt für seinen FTTx-Ausbau die sogenannte „Breitbandmilliarde“ ein, die das Land durch den Verkauf von LTE-Mobilfunkfrequenzen eingenommen hat. Die Bundesregierung will natürlich möglichst vielen Menschen Zugang zum neuen Breitbandnetz ermöglichen und hat sich mit der Digital Roadmap Austria eine ganze Reihe von hehren Zielen gesetzt. So soll mit dem Breitbandausbau nicht nur die Grundlage für weiteres Wirtschaftswachstum gelegt werden. Es sollen außerdem junge Unternehmen gefördert werden und neue Lernformen ermöglicht werden. Die Politik sieht außerdem die Möglichkeit, durch ein modernes Netz die Umwelt zu entlasten.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Magazinreihe von Heise-Beilagen. Einen Überblick mit freien Download-Links zu sämtlichen Einzelheften bekommen Sie online im Pressezentrum des MittelstandsWiki.

Bis 2020 soll eine fast flächendeckende Versorgung erreicht sein. Tatsächlich hat Österreich großen Nachholbedarf. „Der Breitbrandausbau ist ein entscheidender Standortfaktor. Knapp zwei Drittel unserer 330.000 heimischen KMU haben keinen Zugang zu schnellem Breitbandinternet“, sagte Amelie Groß, Bundesvorsitzende des Interessenverbandes Junge Wirtschaft gegenüber Pressevertretern. Zudem zeigt sich auch in Österreich die digitale Kluft zwischen Stadt und Land in aller Deutlichkeit. Die Metropolen sind bereits recht gut angebunden, während viele ländliche Regionen mehr oder weniger viel Geduld brauchen, bis sich eine Online-Seite aufgebaut hat.

Um die digitale Kluft zu schließen, fließt ein nicht unerheblicher Teil der Breitbandmilliarde in Ausbaumaßnahmen in den einzelnen Bundesländern. In der ersten Ausschreibungsrunde der Breitbandmilliarde bekam Niederösterreich 58,7 Millionen Euro (für 175 Gemeinden mit weniger als 30 MBit/s) und damit den größten Anteil, gefolgt von Oberösterreich (38,6 Millionen Euro für 134 Gemeinden) und Tirol (35 Millionen Euro für 196 Gemeinden). Das liegt auch daran, das die Strategien der einzelnen Bundesländer sehr unterschiedlich sind. So sehen etwa Tirol und Niederösterreich bei der passiven Infrastruktur mehr die öffentliche Hand in der Verantwortung, während zum Beispiel Kärnten auf die Marktkräfte vertraut und diesen lediglich eine Open-Access-Bedingung stellt; andere Länder haben die lange gezögert, überhaupt eine Breitbandstrategie zu formulieren.

Nach der Maßnahmenevaluierung des BMVIT-Breitbandbüros 2017 hat sich allerdings gezeigt, dass etwa die Mittel für Kommunen zur Leerrohrverlegung nur zu rund 40 % abgerufen wurden (39 Millionen Euro). Kritik erfährt auch die Förderkulisse, speziell der Grenzwert von 30 MBit/s, ab dem Regionen als unterversorgt gelten. Das hat zu einer Vielzahl von lokal begrenzten Projekten geführt, die auf eigene Faust Nägel mit Köpfen machen. So entschloss sich etwa der Planungsverband Lienz und Umgebung, ein gemeindeeigenes Breitbandnetz für den „Zukunftsraum Lienzer Talboden“ zu verlegen, und zwar in Zusammenarbeit mit der Innsbrucker AGEtech GmbH. Dort wiederum hat sich die Universität sich mit ihrem INNET bereits selbst versorgt.

Thema: Breitbandausbau
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Dr. Jürgen Kaack hat eine Reihe von Projekten als Berater begleitet. Einige aus der Region Nordrhein-Westfalen stellt er ausführlicher als Best-Practice-Beispiele vor: Arnsberg, Ennepetal, Erftstadt, Erkelenz und Wegberg sowie die Lage im gesamten Kreis Heinsberg, ferner Geilenkirchen, Haltern am See, Kaarst, Nettetal und Rheurdt. Außerdem berichtet er von der T-City Friedrichshafen, erläutert die möglichen Geschäftsmodelle im kommunalen Breitbandausbau sowie die Optionen der NGA-Rahmenregelung und setzt auseinander, wo Vectoring seine Haken hat. Nicht zuletzt skizziert er die Prinzipien einer Breitbandstrategie NRW und macht handfeste Vorschläge für eine umfassende Breitbandstrategie. Seine gesammelten Erfahrungen sind 2016 in der Reihe MittelstandsWiki bei Books on Demand erschienen: „Schnelles Internet in Deutschland“ (Paperback, 220 Seiten, ISBN 978-3-946487-00-5, 9,99 Euro).

Wettlauf gegen die Zeit

2017 gibt die österreichische Regierung 110 Millionen Euro für das neue Breitbandnetz aus. 2018 sollen die Ausgaben dann auf 160 Millionen Euro steigen. 2020 sollen es sogar 250 Millionen Euro sein. Das erste Ziel ist, bereits 2018 den Kunden in Ballungsgebieten eine Downloadrate von mindestens 100 MBit/s bereitzustellen. Das ist immerhin mehr als das Breitbandziel der (alten) deutschen Regierung, die sich 2014 vorgenommen hatte, bis 2018 alle Haushalte mit Breitbandverbindungen von mindestens 50 MBit/s zu versorgen. Dieses Versprechen wird sie aber wohl nicht einlösen können. Im Sommer 2017 waren laut einer Studie des TÜV Rheinland aber immerhin 76,9 % aller Haushalte mit Breitbandleitungen von mindestens 50 MBit/s versehen.

Technisch geht man in Österreich einen ähnlichen Weg wie in Deutschland. Auch hierzulande wird mithilfe von Vectoring das bestehende Kupferkabelnetz weiter genutzt. Dabei wird die neue Glasfaserleitung nur bis zum Verteiler in der jeweiligen Straße verlegt (FTTC); für die restliche Strecke bis in die Haushalte bzw. Betriebe kommt das alte Kupferkabel zum Einsatz. Hinzu kommen (Not-)Lösungen wie die „A1 Hybrid Boost Technologie“, sprich: die Kombination von Festnetz und 4G-Mobilfunk. Der meisten Kosten bei der Glasfaserverlegung verursachen, wie überall, die Tiefbauarbeiten. Kommunen und Errichter sind zwar bestrebt, nach Möglichkeit Leerrohre im Beilauf zu anderen Arbeiten zu verlegen (Kanal etc.), aber das erfordert wiederum Geduld.

Allerdings gibt es bereits seit einigen Jahren eine neue, effiziente und vor allem flotte Alternative, die aus Österreich kommt und als Nano-Trenching von der Österreichischen Glasfaser Verlegungsges.m.b.H. aus Waidhofen an der Ybbs kommt. Das patentierte System fräst bzw. schlitzt, verlegt und verfüllt in einem Arbeitsgang bis zu 3 m pro Minute. Als Tagesdurchschnittsleistung nennt der Anbieter 500 bis 600 m. „Mit Nano-Trench sind wir beim Breitbandausbau zehn Mal schneller, günstiger und umweltschonender“, sagt der Erfinder Jan Michael Pichler. Bereits das Pilotprojekt in Siegenfeld bei Baden im Wienerwald brachte 200 Einwohnern im kleinen „Fiber-Village“ (A1 Telekom Austria) bereits 2010 quasi über Nacht die schnellste Glasfaserverbindung Österreichs – im doppelten Sinne. In Deutschland haben 1&1 Versatel, die Essener Wirtschaftsförderung und die Stadtverwaltung mit dieser Technik Ende 2016 bei einem ersten Projekt in Deutschland in drei Tagen 1200 m Glasfaser verlegt.

ITK-Austria17-05-essen nano-trenching 02.jpg In Essen hat 1&1 Versatel mit dem österreichischen Nano-Trench-Verfahren an drei Tagen insgesamt 1200 m Glasfaser verlegt. (Bild: 1&1 Versatel GmbH)

Wie in Deutschland gibt es auch in Österreich Befürchtungen, die Breitbandförderung könnte zu einer Remonopolisierung führen. Immerhin haben in beiden Ländern die früher staatlichen Unternehmen Telekom und A1 einen großen Teil des Netzausbaus gestemmt. In der Kritik steht vor allem Vectoring. Erstens ist die Technologie, auch wenn sie, je nach Länge der Kupferstrecke, 50 bis 100 MBit/s bringt, kaum als zukunftsfähige Lösung anzusehen, sondern als schnelle Brückentechnologie im Kampf gegen die Zeit. Zweitens funktioniert Vectoring nur dann sauber, wenn ein Anbieter exklusiven Zugang zu den Hauptverteilern und den Kabelverzweigern hat. Damit wäre die von der RTR betriebene Entbündelung zumindest gefährdet, was naturgemäß Telekom-Konkurrenten wie Tele2 und UPC nicht so stehen lassen wollen.

5G-Pilotland mit Schleudersitz

Vielen gilt die fünfte Mobilfunkgeneration (5G), die bis zu 10 GBit/s schaffen und den Vorgänger 4G/LTE ablösen soll, als Alternative – nicht ganz zu Recht. Starker Mobilfunk ist ein starker Standortfaktor, aber kein Ersatz für starke Glasfaserleitungen. Denn für flächendeckende 5G-Netze mit reaktionsschnellen Ping-Zeiten im Millisekundenbereich braucht es nicht nur sehr viele MIMO-Antennen und Basisstationen, sondern eben auch ein Backbone, das den enormen Datenverkehr weiterschaufelt. Und die Funknetze haben selbst mit Überlastung zu kämpfen: Von 2015 auf 2016 stieg das Volumen der mobil übertragenen Daten in Österreich um 105 % auf 652,9 Millionen GByte.

Beides wird also parallel zu stemmen sein. Dem Vernehmen nach soll 5G im Jahr 2020 starten, die flächendeckende Verfügbarkeit in ganz Österreich soll bis Ende 2025 erreicht sein. Vorerst allerdings hakt das Gesamtprojekt, weil sich die Ministerien Infrastruktur, Wirtschaft, Verkehr und Finanzen bis zur Nationalratswahl im Oktober uneinig waren (rund 10 Milliarden Euro wird der Infrastrukturausbau kosten) und weil die Betreiber zum Beispiel Lockerungen bei der Netzneutralität in die Verhandlungsmasse werfen. Wie sich die neue Regierung zur 5G-Roadmap stellt, war zu Redaktionsschluss noch nicht bekannt.

Klar ist aber, dass die Zeit drängt. „Wenn wir nicht vorne dabei sind, wird das für die Industrie ein Desaster“, sagte Infrastrukturminister Jörg Leichtfried mit Blick auf das Anfang 2017 formulierte Ziel der Regierung, Österreich zum 5G-Pilotland zu machen. Vorerst hat man in Kärnten eine 5G-Testregion gestartet. Das Wiener Infrastrukturministerium fördert den „5G Playground Carinthia“ zusammen mit dem Land Kärnten mit 1,6 Millionen Euro. Auf Bundesebene gibt das Ministerium 5 Millionen Euro aus. Bevor Privatanwender mit 5G surfen können, wird es jedoch noch etwas dauern. Erst Mitte 2018 sollen die benötigten Mobilfunkfrequenzen versteigert werden, die Standardisierung soll 2019 geschafft sein.

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