Oktoberfest-Mobilfunk, Teil 3

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Software einspielen, Hotspot einschalten

Von Dr. Harald Karcher

Wenn Antennen, Basisstationen, Stromversorgung, Klimaanlagen und die übrige Hardware für die Oktoberfest-Mobilfunkversorgung fertig montiert sind, kommen knapp zwei Wochen vor dem Wiesnstart die Servicetechniker der Netzbetreiber, um aktuellste Software und Netzwerkkonfigurationsdaten in die Anlagen einzuspielen. Am 5. September 2013 etwa hatten wir Gelegenheit, einigen Servicetechnikern der Huawei Technologies Service GmbH an verschiedenen Masten über die Schultern zu schauen, wie sie an mehreren Standorten gleichzeitig die finale Netzwerkkonfiguration in die Huawei-Basisstationen von o₂ einspielten.

Dazu wurde an allen Basisstationen jeweils ein wetterfester Ruggedized-Outdoor-Laptop Dell Latitude E6400 XFR mit einem roten Ethernet-Kabel an die Basisstation gekoppelt. Nach dieser Einspielung sind die Hotspot-Anlagen im Prinzip fertig und können auf Sendung gehen. Dann haben die Netzwerkexperten der Betreiber bis zum Beginn des größten Volksfests der Welt noch ein, zwei Wochen Zeit, um Qualitätstests oder Optimierungen durchzuführen.

Kapazitätsplanung und Qualitätskontrolle

Der größte Mobilfunk-Hotspot des Landes muss jedes Jahr neu geplant und neu aufgebaut werden. Und in der Regel muss die Kapazität jedes Jahr größer werden, weil immer mehr Menschen immer mehr Fotos und Videos direkt aus vom Festgelände aus ihren Smartphones ins Internet hochladen.

9050---Oktoberfest---2013-09-11---Foto Harald Karcher---DSC 2218---aaa---KéFERS---1024.jpg Der schwere Outdoor-Laptop Dell E6400 ist so stabil gebaut, dass man ihn not­falls offen­bar auch mit einem Kabel­binder am Deckel­verschluss aufhängen kann. (Bild: Harald Karcher)

Im März fangen die Netzplaner bei der Telekom und den anderen Mobilfunk­providern daher schon mit den Berechnungen an und über­legen sich, wie sie den Besucher­andrang und die immensen Anfragen an die Mobilfunk­dienste zur Wiesn über­haupt befriedigen können. Das wäre mit den normalen Mobilfunk­masten auf den Dächern ringsum niemals zu bewältigen.

Im Juni kommen die Bauleiter der Telekom. Sie beauftragen Partnerfirmen, die dann Masten, Antennen und Schaltschränke aufbauen. Im August kommen die Monteure, die nun mit der Arbeit vor Ort beginnen. Gleichzeitig überwachen die Servicetechniker der Telekom den Aufbau; sie kontrollieren die Funkanlagen auch noch während der Wiesnzeit: ob der Mobilfunkverkehr auch wirklich reibungslos verläuft, ob die Kapazitäten ausreichen, ob die Antennen richtig eingestellt sind und ob sie richtig gedreht sind. Die Servicetechniker ändern das im Zweifelsfall auch noch während des laufenden Oktoberfestes.

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Serie: Oktoberfest-Mobilfunk
Teil 1 will wissen, wie die Mobil­funk­netze auf dem größten Volks­fest der Welt ausgelegt sind. Teil 2 blickt den Monteuren beim Antennen­bau über die Schulter und interessiert sich für die An­bindung an den Rest der Welt. Teil 3 sieht sich die Netz­planung genauer an: Für die Hoch­leistungs­versorgung der Wiesn wird ein künstliches Funk­loch geschaffen. Teil 4 hat nachgemessen, was die einzelnen Netze tatsächlich leisten: Insgesamt am besten schlug sich 2013 das LTE-Huawei-Netz von o₂.

Entstörung durch Absenkung

So sehr konzentriert sich alles auf die reibungslose Übertragung von der Wiesn, dass die Telekom sogar die Strahlungsreichweite ihrer Antennen auf den Gebäuden ringsum absenkt, damit sie nicht in das temporäre Mobilfunknetz des Oktoberfestes hineinfunken. Die Experten nennen das „Vermeidung von Interferenzen“.

4010---Oktoberfest 2011---Foto Harald Karcher---1024.jpg Die normalen Mobilfunk­antennen auf den Häusern rund um die Theresien­wiese werden während des Oktober­festes in ihrer Reich­weite stark herunter­geregelt. So entsteht ein künstliches Funk­loch auf dem Fest­gelände, das mit acht bis zwölf zusätzlichen Funk­masten optimal versorgt wird. Diese Reduzierung dient der Ver­meidung von Inter­ferenzen. (Bild: Harald Karcher)

Dazu müssen schon seit einigen Jahren keine Monteure mehr auf die Dächer steigen. Die Antennen werden vielmehr elektronisch abgesenkt, aus dem entfernten Rechen­zentrum der Telekom heraus. Genauer gesagt: Die UMTS-Antennen sind fern­gesteuert elektronisch absenkbar, die GSM-Antennen dagegen nicht. Die GSM-Antennen sind viel unempfindlicher als ihre UMTS-Pendants, die kann man stehen lassen, wie sie sind.

Durch die elektronische Absenkung entsteht zunächst ein UMTS-Funkloch auf der Theresien­wiese. Für Nicht­münchener: Das Festgelände ist während des restlichen Jahres ein riesiger Parkplatz, auf dem diverse Flohmärkte, Weihnachtsmärkte und kleinere Feste stattfinden. (Früher, noch bevor es die Neue Messe in München-Riem gab, war sie auch einmal der Parkplatz der Münchener Systems-Messe.) In diesem mutwillig erzeugten Funkloch werden dann für die Zeit des Oktoberfestes neue Funkmasten aufgestellt, die mit wesentlich kleineren Zellen weitaus mehr Mobilfunkkapazität pro Quadratmeter zur Verfügung stellen und viel mehr Menschen mit Telefonie, SMS und mobilem Internet versorgen können.

Auf diese Weise kann man ganz gezielt spezielle Bereiche des Geländes, von denen man weiß, dass dort sehr viele Menschen sehr viel Mobilfunk benötigen, ganz besonders stark versorgen. Beispielsweise deckt eine Mobilfunkantenne am nördlichen Eingang ganz gezielt den Zugangsweg ab, auf dem erfahrungsgemäß extrem viel telefoniert wird. Das wiederum liegt daran, dass die Leute, wenn sie gehen und wenn sie kommen, ein besonders hohes Bedürfnis nach Mobilfunk-Informationsaustausch haben, z.B. um sich zu verabreden.

Serie: Digitale Infrastruktur
Die Einführung beginnt in Berlin und klärt die Rahmenbedingungen in Deutschland. Ein erster Regionalschwerpunkt widmet sich dann dem Westen und Nordrhein-Westfalen. Weitere Regionalreports konzentrieren sich auf den deutschen Südwesten und auf Bayern. Extra-Beiträge berichten außerdem über den Stand der NGA-Netze in Österreich und über die praktische, aber schwierige Mobilfunk-Dominanz in der Alpenrepublik.

Rückbau und Einlagerung fürs nächste Jahr

Nach dem letzten Wiesnwochenende wird die komplette Mobilfunktechnik binnen zwei Wochen wieder abgebaut. Sie wird, so wie sie ist, meist bei externen Spezialdienstleistern gelagert. Im folgenden Jahr beginnt dann alles wieder von vorne. Vielleicht baut man modernere Komponenten ein oder erweitert die Anlage, aber im Prinzip wird das gesamte Material wieder verwendet. Neue Komponenten bringen in der Regel mehr Leistung und benötigen weniger Platz und Strom.

Offenbar macht es wenig Sinn, das kleinzellige Funknetz das ganze Jahr über stehen zu lassen. Für all die anderen Events auf der Festwiese wird die enorme Kapazität nie gebraucht. Es wäre insgesamt teurer, das Netz stehen zu lassen, denn es müsste ständig gewartet, mit Strom versorgt und gegen Diebstahl gesichert werden.

Nur die Fundamente für die Masten bleiben das ganze Jahr auf der Theresienwiese bestehen, denn sie sind massiv gegossen. Sie werden bis zum nächsten Oktoberfest mit Schotter zugedeckt und bei jedem Neuaufbau wieder ausgegraben. Auch die Glasfaserleitungen ruhen das ganze Jahr fest verschlossen im Boden.

Funknetze für den Datenverkehr

Die normalen UMTS-Funkzellenkreise haben das Jahr über in der Regel einen Durchmesser von 600 m, sagt Netzexperte Frank-Peter Käßler von der Deutschen Telekom Netzproduktion GmbH in München:

„Während des Oktoberfestes sind die Zellen auf der Theresienwiese sehr viel kleiner, haben aber sehr viel Leistung, sehr viel mehr Kapazität. So können wir die vielen Menschen mit dem Mobilfunk versorgen. Das könnten wir mit den größeren Zellen niemals machen.“

Die normalen Masten auf den Dächern versorgen aber nach wie vor das umliegende Stadtgebiet. Nur die Festwiese selber wird in ein Funkloch verwandelt und mit einer sehr kleinformatigen Zellstruktur aufgerüstet.

Trotz des enormen Datenwachstums musste die Telekom keineswegs jedes Jahr mehr Masten aufstellen. Allerdings kamen in den letzten Jahren immer mehr Antennen auf die Masten und auch innerhalb der Antennengehäuse gab es Kapazitätsreserven, die man durch intelligentes Technikmanagement immer besser ausnutzen konnte.

Das Wachstum lag in den letzten Jahren weniger bei GSM als bei UMTS. Der Grund: Es gibt mehr UMTS-Geräte bei den Kunden der Provider. Diese Geräte wählen sich per UMTS ein, obwohl sie eigentlich auch noch GSM könnten. Außerdem habe sich das Verhalten der Kunden geändert, erklärt ein Telekomsprecher: Inzwischen ist es gang und gäbe, dass man ein Foto macht und es sofort hochlädt – und das ist Datenverkehr, dafür braucht man UMTS oder LTE.

LTE spielte beim Oktoberfest 2012 noch keine große Rolle, weil es noch zu wenige LTE-Verträge in Deutschland gab. Zur Wiesn 2013 waren schon etliche LTE-User um die Bierzelte unterwegs. Topgeräte sind mittlerweile schon standardmäßig auf LTE ausgelegt. Den neuen Speed kann freilich nur ausleben, wer auch eine passende SIM-Karte von o₂, Telekom oder Vodafone mit einem schnellen LTE-Tarif im Edelhandy stecken hat.

Teil 4 dieser Serie packt Equipment ein und begibt sich auf eine Messwanderung mitten ins Getümmel, um zu sehen, was die einzelnen Netze wirklich leisten.

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