BarCamps und Unkonferenzen, Teil 1

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Die Hauptsache geschieht nebenbei

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Von Sabine Philipp

Es klingt ein wenig bedrohlich. Als wollte eine feindselige Macht das bewährte System von Kongressen, Rahmenprogramm und Rednerpult umstürzen und auf den Trümmern der Konferenz das Banner der Unkonferenz aufpflanzen. Sind Unkonferenzen nicht ein Unding? Im Gegenteil: Unkonferenzen leisten genau das, was Konferenzen längst nicht mehr auswerfen: handfeste Resultate. OSBF-Vorstand Stefan Probst ist sich daher sicher, dass sie das Format der Zukunft sind. „Unkonferenzen sind Treffen, für die es weder eine feste Agenda noch eine Rednerliste gibt. Die Teilnehmer sind gleichberechtigt und entscheiden selbst, über welche Themen sie diskutieren.“

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Wenn Probst die Idee der Unkonferenzen nachzeichnet, geht er auf den IT-Visionär Tim O’Reilly zurück: „Bis zum Jahr 2006 besuchte O’Reilly sehr viele Konferenzen und machte stets die gleiche Beobachtung: Während der offizielle Teil meist aus Vorträgen bestand und von Passivität geprägt war, entstand in der Kaffeepause eine enorme Aktivität. Die Teilnehmer diskutieren auf Augenhöhe und entwickeln eine große Produktivität.“ Also beschloss O’Reilly, das klassische Konferenzformat auf den Kopf zu stellen und machte kurzerhand die Kaffeepause zur Konferenz.

Serie: BarCamps und Unkonferenzen

  • Teil 1 erklärt das ungewöhnliche Format einer Unkonferenz aus der Entstehung von FooCamps und BarCamps.
  • Teil 2 erklärt, wie die kreativen Treffen funktionieren und wie solide Unternehmen davon profitieren können.

Vom FooCamp zum BarCamp

Die erste Veranstaltung dieser Art war das FooCamp, für das der Gründer und Chef des Verlags O’Reilly Bekannte und Interessierte einlud, um sich mit ihnen auszutauschen – ohne vorgegebene Agenda, ohne Hier­archien. „Foo“ stand für „Friends of O’Reilly“, stellt Probst klar. „Foo ist gleichzeitig auch die erste metasyntaktische Variable. Programmierer benutzen sie als Synonym für Variablennamen.“

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Stefan Probst ist Informatiker und Gründer von Entresol Open Business Consulting. Er ist Vorstand für Open Technology bei OpenBIT – der Verein veranstaltete bereits 2007 eines der ersten BarCamps in Deutschland. Stefan Probst ist auf Geschäfts­modell­innovation spezialisiert und holte 2009 das Unkonferenz­konzept Startup Weekend nach Nürnberg.

Das FooCamp erwies sich in der Folge als ausgesprochen produktiv. Es gab nur einen kleinen Schönheitsfehler: Man konnte nur auf Einladung teilnehmen. Da sich aber viele IT-Enthusiasten ebenfalls auf diese unkonventionelle Art austauschen wollten, wurden weltweit sogenannte BarCamps gegründet, für die sich im Deutschen bald der Oberbegriff „Unkonferenz“ etablierte. Namensgeberin war dabei die zweite metasyntaktische Variable: bar. „Bei den BarCamps wird kein festes Thema vorgegeben“, erklärt Probst, der schon seit den ersten Veranstaltungen dieser Art in Deutschland dabei ist. Dort kommt der IT-Administrator ebenso zu Wort wie die Krankenschwester, die aus der Arbeit am Patienten berichtet.

Andocken und Ausdehnen

Aus diesen ersten, themenoffenen Veranstaltungen entstanden im Laufe der Zeit spezialisierte Camps mit festen Themenschwerpunkten: das MobileCamp mit dem Schwerpunkt mobile Technologien, das LawCamp für Juristen oder das Nürnberger OpenUp Camp, das seinen Fokus auf offene Technologien und Austausch legt. „Als Veranstalter stellen wir nur die Räume, die Infrastruktur und die Verpflegung bereit, alles Weitere wird von den Teilnehmern in Selbstorganisation übernommen. Das Ergebnis ist dabei offen und hängt ganz von den Themen ab, welche die Teilnehmer mitbringen“, betont Probst. Grundsätzlich soll sich jeder mit Themenvorschlägen oder Fragen einbringen und wird so nicht nur Teilnehmer, sondern auch Teilgeber.

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Schwarz auf Weiß: Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Magazinreihe. Einen Überblick mit Download-Links zu sämtlichen Einzelheften bekommen Sie online im Pressezentrum des MittelstandsWiki.

Am Freitagabend vor der Unkonferenz kommen alle zum Socialising zusammen, um sich in lockerer Atmosphäre kennenzulernen. Am Samstagmorgen kann dann jeder Teilnehmer seine Vorschläge für Sessions in den Raum stellen. Wenn genug Interesse besteht, bekommt das Thema einen Raum und eine Uhrzeit. Probst betont, dass man keineswegs ein ausgewiesener Experte auf dem betreffenden Gebiet sein müsse, um eine Session zu halten. „Sie können in eine Session auch gezielt mit vielen Fragen zum Thema gehen und sehen, welches Feedback von den anderen kommt. Getreu dem Motto: ,Ich weiß ein wenig über das Thema‘. Aber wenn wir alle unser weniges Wissen zusammenwerfen, wissen wir alle am Ende mehr.“ Der Session-Geber nimmt zwar eine Art Moderatorfunktion ein, steht aber in keiner Weise über den anderen Teilnehmern. Diesen steht es auch frei, jederzeit spontan der Session beizutreten oder sie zu verlassen.

Wie Unkonferenzen die Geschäftswelt erreichen, erklärt Teil 2 dieser Serie anhand der Koppelung von OpenUp Camp und OpenUp Business Day.

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