Datenjournalismus

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Anschaulich, kompakt und korreliert

The New York Times Company

Von Roland Freist

Das Internet wirbelt die Medienwelt durcheinander. Tageszeitungen und Zeitschriften verzeichnen teilweise dramatische Einbrüche bei den Anzeigen und Käuferzahlen, Fernsehsender müssen sich mit Themen wie Second Screen sowie der neuen Konkurrenz durch YouTube und mehr oder weniger legale Internet-Angebote zum Anschauen amerikanischer Fernsehserien auseinandersetzen. Zugleich informieren sich immer mehr Menschen über aktuelle Ereignisse und Themen auf Nachrichtenseiten im Netz. Eine Art des Journalsismus erscheint dabei besonders viel versprechend.

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NYT und Guardian machen es vor

Während das Web von den Verlagen und Sendern zunächst als praktische Möglichkeit zur Zweitverwertung der Inhalte ihrer Print- und TV-Produkte angesehen wurde, hat in den vergangenen Jahren ein teilweise schmerzhafter Lernprozess eingesetzt, der zweierlei Erkenntnisse gebracht hat:

  1. Die Web-Ableger der traditionellen Medienmarken benötigen exklusive Inhalte, wenn sie Aufmerksamkeit erzielen und Leser anziehen wollen.
  2. Die journalistischen Darstellungsformen von Print und TV müssen für das Web modifiziert werden. Außerdem nutzen sie die Möglichkeiten des neuen Mediums nicht aus.

Aus diesen Überlegungen heraus entstand Mitte des letzten Jahrzehnts die Idee des Data Driven Journalism, im Deutschen „digitaler Datenjournalismus“ oder einfach nur „Datenjournalismus“ genannt. Seinen Durchbruch erlebte er 2010 mit den Veröffentlichungen der New York Times und des englischen Guardian zu den auf Wikileaks ins Netz gestellten Dokumenten zum Afghanistan- und zum Irak-Krieg. Mit Visualisierungen und Verknüpfungen bereiteten die beiden Zeitungen auf ihren Websites die riesigen Mengen an Informationen aus den geheimen Dokumenten auf.

Datengrundlagen und ihre Verknüpfung

Auf den ersten Blick scheint Datenjournalismus nicht viel mehr zu sein als die Umwandlung von Zahlenreihen in Grafiken. Doch das beherrscht jede Tabellenkalkulation. Tatsächlich ist es die Aufgabe des Datenjournalisten, mehrere Datensammlungen sinnvoll miteinander zu verschränken, sodass sich für den Leser ein Mehrwert ergibt.

Unabdingbare Voraussetzung für den Datenjournalismus ist gesichertes Datenmaterial. Es kann aus unterschiedlichen Quellen stammen, von Unternehmen, staatlichen Stellen, öffentlich geförderten Einrichtungen oder, wie im Fall Wikileaks, von privaten Organisationen, die entweder eigene Daten erheben oder eine Plattform für die Veröffentlichung geheimer Dokumente zur Verfügung stellen.

Informationsfreiheit und Open Data

Traditionell wurden die Daten, die in Unternehmen, bei Organisationen und öffentlichen Stellen lagerten, lediglich auf Anfrage nach außen gegeben – und oft nicht einmal dann. Mehrere Entwicklungen haben jedoch dazu beigetragen, dass mittlerweile ein Trend zu mehr Transparenz zu beobachten ist:

  • Mit dem World Wide Web steht eine Plattform zur Verfügung, auf der die Daten zu verhältnismäßig geringen Kosten veröffentlicht und interaktiv aufbereitet werden können.
  • In Deutschland hat das am 1. Januar 2006 in Kraft getretene Informationsfreiheitsgesetz zu mehr Auskunftsfreude bei den staatlichen Stellen geführt. Es formuliert einen Rechtsanspruch auf Zugang zu amtlichen Informationen von Bundesbehörden; hinzu kommen ähnliche Regelungen in aktuell elf Bundesländern.
  • Die Open-Data-Bewegung, die die Freigabe von Daten vor allem von staatlichen Stellen fordert, hat in den vergangenen Jahren viele Sympathien gewonnen, da sie Transparenz und Zusammenarbeit fördert und für die Behörden sogar kostensparend ist.

Weit mehr als schöne Schaubilder

Das Konzept des Datenjournalismus stammt wie gesagt aus dem angelsächsischen Raum. Die dortigen Medien sind den deutschen daher bei der Aufbereitung von Daten etwa zwei bis drei Jahre voraus. Die traditionell experimentierfreudige und mit einem vergleichsweise hohen Budget ausgestattete New York Times hat mit The Upshot eine eigene Site angelegt, auf der sie die Beiträge ihrer Datenjournalisten sammelt. Die dortigen Grafiken sind nur selten spektakulär, zudem wird häufig auf Beiträge und Auswertungen von anderen Medien verlinkt. Der Text steht im Mittelpunkt, die Grafik dient dazu, die Argumentation zu untermauern.

Der britische Guardian folgt dem gleichen Muster. Auch er hat eine Site speziell für Datenjournalismus eingerichtet, verzichtet jedoch auf aufsehenerregende grafische Umsetzungen des Materials – die wären im Tagesgeschäft vermutlich auch nicht so schnell anzulegen. Die Schaubilder sind schlicht gehalten, erfüllen jedoch ihren Zweck, indem sie die wichtigen Details hervorheben.

SZ und Zeit sind die deutschen Vorreiter

In Deutschland nehmen die Süddeutsche Zeitung (SZ) und die Zeit eine Vorreiterrolle beim Datenjournalismus ein. Genau wie die angelsächsischen Vorbilder haben sie eigene Sites für ihre datenjournalistischen Beiträge eröffnet, die SZ den DataGraph, die Zeit eine einfach nur Datenjournalismus genannte Seite. Bei beiden fällt auf, dass die Beiträge weniger aktuell sind als bei NYT oder Guardian und dass die Themen häufiger aus dem Feuilleton oder dem Sport stammen. Dafür sind die Grafiken jedoch erheblich aufwendiger gestaltet und bieten mehr Interaktivität. 2013 leistete sich die SZ sogar einen Verspätungs-Atlas, der in grafischer Form den Grad der Pünktlichkeit auf den Strecken der Deutschen Bahn zeigt und umfangreiche Auswertungsmöglichkeiten bietet.

Fazit: Datenjournalismus braucht Open Data

Solche Darstellungen sind nur dann möglich, wenn die entsprechenden Daten im Internet zur Verfügung gestellt werden. Vor allem bei staatlichen Stellen wächst die Einsicht, dass dadurch viel Verwaltungsaufwand für die Bearbeitung von Anfragen entfällt.

Der Bund betreibt seit 2013 im Testbetrieb das Datenportal GovData, 2015 soll es in den Regelbetrieb übergehen. In 14 Rubriken sind dort mehr als 7000 Dokumente mit Daten aus der Verwaltung von Bund, Ländern und Gemeinden gelistet. Zudem hat in den vergangenen Jahren rund ein Dutzend Städte und Gemeinden eigene, freie Datenportale aufgebaut. Derzeit findet man Open-Data-Portale in Berlin, Bochum, Bremen, Hamburg, Köln, Leipzig, Moers, München, Neubrandenburg und Wuppertal.

Praktischer Tipp

Data Journalism Handbook.jpg

Der Datenjournalismus ist eine noch sehr junge Form des Journalismus. Entsprechend rar sind Anleitungen und Hilfestellungen. Eines der Standardwerke ist das Data Journalism Handbook der Open Knowledge Foundation, das unter einer Creative-Commons-Lizenz im Netz veröffentlicht wurde. Es ist auf Englisch und in mehreren anderen Sprachen erhältlich, Deutsch ist leider nicht dabei. Hierzulande hat der freie Journalist Markus Mandalka eine umfassende Link-Sammlung zum Thema Datenjournalismus zusammengetragen, die auch auf zahlreiche nützliche Tools verweist. Außerdem findet man im Blog Datenjournalist viele Anregungen, Tipps und Links.

Der Datenjournalismus ist noch in der Entwicklungs- und Experimentierphase. Doch in einer Zeit, in der große Leserschichten von den Print-Ausgaben ihrer Zeitungen und Zeitschriften zu den Online-Angeboten wechseln, wird ein professioneller Einsatz mit der Visualisierung von Daten mehr und mehr zu einem Wettbewerbsvorteil. Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich dieser Bereich in den kommenden Jahren entwickeln wird.

Nützliche Links