Konsortiale Software-Entwicklung

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Eigene Applikationen entstehen in Teamarbeit

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Von Roland Freist

Viele Unternehmen leiden darunter, dass sie bei der Auswahl ihrer Applikationen keine freie Wahl mehr haben – dass sie in einen Vendor Lock-in gerutscht sind. Der Begriff beschreibt eine Situation, in der es preiswerter ist, bei der bisher genutzten Applikation zu bleiben, weil der Wechsel zu einem konkurrierenden Produkt zu teuer käme, weil die Umstellung inklusive Anpassung der Software an die eigenen Bedürfnisse, die Datenmigration, die Schulung der Mitarbeiter etc. zu aufwendig wären. Die Entwicklung eigener Lösungen ist für die meisten Unternehmen zu kostenintensiv.

Know-how und Ressourcen bündeln

Ein Ausweg kann die Bildung eines Konsortiums sein: Mehrere Unternehmen schließen sich zusammen, um eine Applikation zu entwickeln, die jedes von ihnen brauchen kann, und um sie anschließend unter einer Open-Source-Lizenz zu veröffentlichten. Der augenfälligste Grund ist natürlich, dass sich die Kosten auf die Mitglieder des Konsortiums verteilen. Es gibt jedoch noch eine Reihe weiterer Vorteile.

Ein Firmenkonsortium kann auf das Know-how und die speziellen Kenntnisse der Mitarbeiter von gleich mehreren Unternehmen zugreifen und sie während des Entwicklungsprozesses gewinnbringend nutzen. Durch die Veröffentlichung als Open Source können weitere interessierte Firmen und Einzelpersonen verhältnismäßig unkompliziert in das Projekt einsteigen. So kann sich eine Community bilden, die das Projekt nicht nur weiter vorantreibt und kontinuierlich Feedback liefert, sondern gleichzeitig auch das Marketing unterstützt, indem die Mitglieder die Applikation in ihren eigenen Unternehmen einsetzen und bei Partnern dafür werben.

Serie: Konsortiale Software-Entwicklung
Teil 1 fragt, warum sich mehrere Player zusammentun, um gemeinsam eine Open-Source-Lösung zu entwickeln. Teil 2 untersucht, wie das Modell funktioniert und nennt die entscheidenden Erfolgsfaktoren. Ein Extrabeitrag gewichtet die Vor- und Nachteile konsortialer Software-Entwicklung.

Rechte und Investitionen schützen

Einer der am häufigsten geäußerten Einwände gegen die Veröffentlichung von eigenentwickelter Software als Open Source ist die Befürchtung, dass sich die Investitionen quasi in Luft auflösen würden; schließlich sei das Programm kostenlos nutzbar. Das ist jedoch ein Irrtum. Einer der wesentlichen Punkte bei dieser Form der Software-Entwicklung ist, dass das Copyright sowohl am Quellcode wie auch an den zugehörigen Texten immer beim Konsortium liegt.

Das Gleiche gilt für Markenzeichen und Patente. Alle Entwickler und Unternehmen, die Code-Beiträge liefern, müssen eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnen. Im Gegenzug bekommen sie die Garantie, dass die Applikation als Open Source veröffentlicht wird, was die Entwicklung öffentlich und transparent macht. Damit ist sichergestellt, dass kein Beteiligter exklusives Wissen über die Software aufbauen und damit Abhängigkeiten schaffen kann.

Das Konsortium kann zudem bestimmen, unter welchen Lizenzbestimmungen die Software veröffentlicht wird. Es hat bei Rechtsstreitigkeiten die Befugnis, als alleiniger Eigentümer aufzutreten. Allerdings muss das Konsortium seine Rechte auch schützen und dafür sorgen, dass in die Software kein Code einfließt, der von anderen Open-Source-Projekten mit einer inkompatiblen Lizenz stammt (siehe dazu Dirk Riehle: „The Economic Case for Open Source Foundations“).

Konsortien, die Sie kennen
Eines der Paradebeispiele für die konsortiale Entwicklung von Open-Source-Software ist Linux, ein anderes der Apache Webserver. Das Prinzip dahinter ist jedoch auch auf kleinere Projekte anwendbar.

Services verkaufen, Gewinne erzielen

Doch das Management des Projekts und die Bereitstellung eigener Entwickler kosten Geld. Hinzu kommen bei den beteiligten Unternehmen oft noch Aufwendungen für Anpassungen der Software an eigene Prozesse und die Infrastruktur. Die Frage ist also: Lohnt sich das? Oder ist der Einsatz von Standardsoftware am Ende nicht doch günstiger?

Konsortiale Software-Entwicklung mag nicht in jeder Konstellation der Königsweg sein. Es lohnt sich aber, das Modell unter den genannten Voraussetzungen zu prüfen. In der Vergangenheit hat sich in der Praxis gezeigt, dass die konsortiale Software-Entwicklung letztlich deutlich billiger ist als das Verharren in einem Vendor Lock-in. Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Die Mitglieder des Konsortiums können ihren Kunden maßgeschneiderte Anpassungen der Applikationen verkaufen, können Support und Schulungen anbieten. Es ist letztlich eine Frage des Geschäftsmodells.

Fazit: Konsortien mit ersten Erfahrungen

Ein weiteres Beispiel für die gemeinschaftliche Entwicklung von Open-Source-Applikationen in der Industrie ist das European Train Control System openETCS, bei dem sich die beteiligten Firmen zum Ziel gesetzt haben, ein einheitliches europäisches Eisenbahnverkehrsleitsystem zu entwickeln. Die GENIVI Alliance wiederum arbeitet an einer Entwicklungsplattform für In-Vehicle Infotainment (IVI), also die Integration von Audio, Video und Navigationssystemen in Kraftfahrzeuge. Seit einigen Jahren wird auch eine Zusammenarbeit von mehreren Netzbetreibern im Energiesektor geprüft, um eine einheitliche Lösung für das Last- und Einspeisemanagement zu entwickeln. Eine entsprechende Machbarkeitsstudie wurde im Oktober 2013 vorgestellt.

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