Scoring

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Jeder ist anders als der Durchschnitt

Von Michael J.M. Lang

In der Wirtschaft versteht man unter Scoring ein Verfahren, mit dem das künftige Zahlungsverhalten und Kreditausfallrisiko von Personen anhand „harter“ Fakten (wie z.B. dem frühere Zahlungsverhalten), aber auch über „weiche“ Fakten wie Alter, Beruf, Familienstand bis hin zur Wohnumgebung errechnet wird.

Umstritten ist das Scoring vor allem wegen der Einbeziehung der „weichen“ Fakten und wegen der Geheimhaltung der Berechnungsformeln als Betriebsgeheimnis, denn das Scoring beeinflusst z.B. die Kreditkonditionen der Banken.

Statistische Wahrscheinlichkeit

Das Prinzip des Scorings gibt es schon seit Ende der 1950er-Jahre. Damals wurde in den USA das erste elektronische Scoring-System entwickelt. In Deutschland wird Scoring seit den 1970erJahren eingesetzt.

Mathematisch ist jedes Scoring-Verfahren als statistisches Verfahren nur dazu in der Lage, entweder das Verhalten einer Gruppe als Ganzes zu beschreiben oder die Wahrscheinlichkeit eines Verhaltens einzelner Mitglieder der Gruppe zu errechnen. Über je weniger Mitglieder der Gruppe eine Aussage getroffen wird, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Aussage auch zutrifft. Das gilt – es sei hier ausdrücklich angemerkt – grundsätzlich für jedes Scoring-Verfahren, egal, nach welchem Algorithmus gearbeitet wird, denn es handelt sich um eine mathematische Eigenschaft aller statistischen Verfahren.

Von den Kreditauskunfteien wie Schufa, Creditreform, Arvato Infoscore und Bürgel wird das Scoring aber zu eben einer solchen individuellen Beurteilung eingesetzt. Ein schlechtes Scoring – das mathematisch für eine Gruppe errechnet wurde – wird bei einer Kreditanfrage einem einzelnen Mitglied dieser Gruppe als individuelles Merkmal zugeschrieben. In Wirklichkeit könnte der so Be- oder auch Abgeurteilte durchaus weitere „harte“ Eigenschaften besitzen, die das Gruppenscoring ad absurdum führen.

Gerecht verteiltes Risiko

Warum wird Scoring dann überhaupt eingesetzt? Scoring ist ein Kompromiss aus dem Bedürfnis der Wirtschaft, die Zahlungsfähigkeit und -bereitschaft von potenziellen Kunden einzuschätzen, ohne sich auf deren Eigenauskunft verlassen zu müssen, und dem Recht risikoarmer Kunden, nicht für risikoreichere Kunden zur Kasse gebeten zu werden. So wird Scoring von Versicherungen z.B. dazu benutzt, durch unterschiedliche Beitragseinstufungen das statistisch höhere Unfallrisiko von Fahranfängern nicht den erfahrenen, statistisch geringer unfallgefährdeten Versicherungsnehmern aufzubürden. (Hier ist aber das Scoring transparent. Die Kriterien der Einstufung sind für den Versicherungskunden offenkundig und nachvollziehbar.) Unter einem gesellschaftlichen Aspekt trägt Scoring mit Augenmaß und offenen Karten also durchaus zu einer höheren Gerechtigkeit bei.

Fazit: Transparenz statt Orakel

Kritisch wird es, wenn Scoring-Verfahren nicht offen gelegt werden und ein so Beurteilter deshalb keine Chance zur Korrektur bekommt. Oder wenn durch die Geheimhaltung eines Teils der Basisdaten fehlerhaft erfasste Daten unerkannt zu einem völlig falschen Scoring-Wert führen.

Ebenfalls mehr als fragwürdig ist das Scoring als Ablehnungsgrund für existenzielle Geschäfte, z.B. die grundsätzliche Gewährung eines Girokontos, eines Mietvertrags oder einer wichtigen Versicherung. Statistische Bewertungen dürfen schlichtweg nicht dazu führen, dass Menschen von den grundlegenden Prozessen des normalen Lebens ausgeschlossen werden.

Nützliche Links

Die Studie von Dieter Korczak und Michael Wilken, GP Forschungsgruppe: Scoring im Praxistest: Aussagekraft und Anwendung von Scoringverfahren in der Kreditvergabe und Schlussfolgerungen, Januar 2008, gibt es bei der Verbraucherzentrale als Download-PDF; das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz stellt das PDF der Verbraucherinformation Scoring (Juni 2009) zur Verfügung.