Über den Umgang mit Führungskräften in Ost und West

Eine Studie der Soziologin Dr. Katharina Bluhm von der Friedrich-Schiller-Universität Jena untersucht Unterschiede im Umgang der Unternehmen mit Führungskräften im Osten und im Westen Deutschlands. Fazit: Während westliche Unternehmen öfter Manager aus dem Ausland anheuern, einen persönlicheren Umgang, individuellere Förderung und variablere Gehälter anbieten, punkten ostdeutsche Unternehmen bei der innerbetrieblichen und regionalen Rekrutierung, Kinderbetreuung und Zusammenarbeit mit Universitäten.

Anzeige
© just 4 business

Zwar lasse sich weder im Osten noch im Westen ein genereller Mangel an Führungskräften feststellen, doch hätten ostdeutsche Unternehmen deutlich größere Schwierigkeiten bei der Rekrutierung. Die Suche nach Führungskräften benötigt im Osten zudem mehr Zeit. Durchschnittlich suchen die Unternehmen drei Monate. Der Anteil der Unternehmen, die länger als vier Monate suchten, lag im Osten mit 54% deutlich über dem Wert von 43% in Westdeutschland. Das hänge vor allem mit Standortfaktoren und den eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten zusammen, so die Macher der Studie. Für die vom Land Thüringen geförderte Studie hatten die Soziologen um PD Dr. Katharina Bluhm im Frühjahr 2007 Vertreter von 311 Unternehmen zwischen 50 und 1000 Mitarbeitern befragt.

Die Mehrheit der Führungskräfte wird von außerhalb gewonnen. 50% der westdeutschen, aber nur 33% der ostdeutschen Unternehmen greifen dabei auf Headhunter zurück. Im Osten vermitteln die Arbeitsämter in 26% der Fälle Führungskräfte, im Westen liegt dieser Wert mit 10% deutlich niedriger. Nach Einschätzung der Studie spiegeln sich darin die eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten der ostdeutschen Firmen wieder. Die erfolgreich rekrutierenden ostdeutschen Unternehmen hätten mit der mangelnden Attraktivität ihrer Region und den tendenziell geringeren Gehältern zu kämpfen. Die Standortbedingungen würden fast nur von Unternehmen in so genannten Leuchtturmregionen wie Jena, Leipzig oder Dresden positiv eingeschätzt. Als Vorteil werten die ostdeutschen Befragten die ausgebaute Hochschullandschaft in der Region.

Eindeutige Unterschiede zwischen Ost und West gibt es nach der Studie in der Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Ostdeutsche Unternehmen räumen der Unterstützung ihrer umworbenen Fach- und Führungskräfte bei der Kinderbetreuung mehr Priorität ein (32%) als ihre westdeutschen Pendants (23%). Dabei legen kleinere westdeutsche Unternehmen besonders selten und größere ostdeutsche Unternehmen ausgesprochen oft Wert auf Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Bei den Arbeitsangeboten für Lebenspartner liege das Verhältnis bei 16 zu 13%. Dagegen erhalten westdeutsche Führungskräfte deutlich häufiger (84%) variable Entgeltbestandteile als ihre ostdeutschen Kollegen (70%).

Die Mehrzahl der neuen Führungskräfte kam in West wie in Ost aus anderen Unternehmen. Während aber nur 7% der ostdeutschen Unternehmen Führungskräfte aus dem Ausland holten, waren es im Westen doppelt so viele (14%). Die ostdeutschen Unternehmen beziehen ihre Führungskräfte eher aus der Region (64% gegenüber 55% der westdeutschen Firmen).

Der Nachwuchs an Führungskräften wird von zwei Dritteln der Unternehmen systematisch aufgebaut, dabei mit 67% etwas häufiger im Osten (West: 64%). Die ostdeutschen Unternehmen setzen häufiger auf organisierte gruppenbasierte Formen wie Führungskräftenachwuchspool (Ost: 30%, West: 16%) oder Traineeprogramme (Ost: 29%, West: 17%), während westdeutsche Unternehmen eher individuelle Förderung (Ost: 71%, West: 86%) und Assistentenstellen (Ost: 45%, West: 50%) bevorzugen. Außerdem arbeiten Unternehmen gezielt mit Hochschulen bei der Gewinnung von Fach- und Führungskräften zusammen, im Osten mit 63% stärker als im Westen mit 53%.

Eine Reihe interessanter Unterschiede konstatieren die Autoren der Studie beim Führungsverständnis. Im Osten werde der fachlichen Qualifikation ein deutlich höherer Stellenwert (51%) als im Westen mit 35% eingeräumt. Ebenso halten mehr ostdeutsche Unternehmen (91%) betriebswirtschaftliche Kenntnisse für erforderlich (West: 84%). Ein distanziertes Verhältnis zu den Mitarbeitern befürworten im Osten 30%, im Westen nur 21% der Befragten.

Nach wie vor, so fasst Katharina Bluhm die Ergebnisse zusammen, bestehen erhebliche Ost-West-Unterschiede, die sich teils auf die unterschiedliche wirtschaftliche Situation der Unternehmen, teils auf unternehmenskulturelle Differenzen zurückführen lassen. Während die Unterschiede im Führungsverständnis aber abnehmen, dürften die Rekrutierungsprobleme angesichts des demographischen Wandels eher zunehmen. (idw/ml)