Düstere Zukunft für die deutsche Wirtschaft

BIP-Prognose
BIP-Prognose

Ein düsteres Bild zeichnet die heute veröffentlichte Konjunkturprognose des Münchner ifo-Instituts. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfe um 2,2% – so stark, wie zuletzt vor 60 Jahren, warnen die Ökonomen des Instituts. Ursache: Die Weltwirtschaft befinde sich in einem massiven Abschwung. Die schwere Krise an den internationalen Finanzmärkten habe inzwischen auf alle Wirtschaftsbereiche übergegriffen.

In vielen Ländern sind laut ifo negative Kettenreaktionen angestoßen worden. Entlastend wirkte zuletzt lediglich der starke Rückgang der Rohölpreise, der den Zentralbanken eine Senkung der Leitzinsen ermöglichte. Der im Rahmen des ifo World Economic Survey erhobene Index für das Weltwirtschaftsklima ist laut Institut im vierten Quartal 2008 auf den niedrigsten Stand seit mehr als 20 Jahren gesunken. Der Rückgang des Indikators resultiert aus der abermals ungünstigeren Einschätzung der wirtschaftlichen Lage. Aber auch die Erwartungen für die nächsten sechs Monate haben sich weiter eingetrübt.

Die Abkühlung des Weltwirtschaftsklimas betraf dieses Mal nicht nur die großen Wirtschaftsregionen Nordamerika, Westeuropa und Asien, sondern auch Mittel- und Osteuropa, Russland, Lateinamerika und Australien. Alle vorliegenden Daten lassen für das Jahr 2009 eine globale Rezession erwarten.

In Deutschland ist die Konjunktur seit der Jahresmitte deutlich abwärts gerichtet. Nach einem Zwischenhoch in der ersten Jahreshälfte wirkten sich seit dem Sommer die massiv verschlechterten außenwirtschaftlichen Einflüsse mehr und mehr aus. Zudem verschärfte sich die Finanzkrise außerordentlich. Die Wertschöpfung in Deutschland ist im dritten Vierteljahr erstmals deutlich gesunken. Der gesamtwirtschaftliche Auslastungsgrad, lag dabei aber immer noch deutlich über dem langjährigen Durchschnitt. Auch die Arbeitsmarktentwicklung blieb bis zuletzt außerordentlich robust. Hierzu trugen die flexible Inanspruchnahme von Leiharbeit und der Ausgleich von Arbeitszeitkonten bei. Allerdings hat inzwischen das Stellenangebot abgenommen und die Meldungen für Kurzarbeit sind spürbar gestiegen.

Insgesamt sprechen die verfügbaren Konjunkturindikatoren dafür, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion saison- und kalenderbereinigt im Jahresendquartal 2008 stark beschleunigt gesunken ist; die laufende Jahresrate dürfte nach Meinung des Münchner Instituts -3,5% betragen haben. Den vergleichbaren Vorjahresstand unterschritt die Produktion um 0,4 % (kalenderbereinigt: -0,5%). Zugleich ist der Auslastungsgrad im Verlauf des vierten Quartals unter den langjährigen Durchschnittswert gefallen. Das Fazit des ifo-Instituts lautet deshalb unmissverständlich: Die deutsche Wirtschaft ist in der Rezession.

Die Prognose der Ökonomen für Deutschland lautet deshalb: Die deutsche Wirtschaft, die zuvor aufgrund ihrer außenwirtschaftlichen Ausrichtung in besonderem Maße von dem kräftigen weltwirtschaftlichen Aufschwung profitiert hat, gerät nun umgekehrt in besonderem Maße in den Abwärtssog, den die Finanzkrise weltweit ausgelöst hat. Die gesamtwirtschaftliche Produktion wird daher kräftig weiter sinken. Im Jahresdurchschnitt wird das reale Bruttoinlandsprodukt dem Ursprungswert nach wie auch kalenderbereinigt um 2,2% abnehmen. Im Gefolge der Weltrezession werden die Exporte drastisch zurückgeschraubt. Die Investitionen in Ausrüstungen werden bei sinkender Kapazitätsauslastung, einbrechenden Ertragsaussichten und restriktiven Finanzierungsbedingungen scharf zurückgefahren werden. Auch der Bau rutscht mit Ausnahme des öffentlichen Nichtwohnungsbaus ins Minus.

Der private Konsum dürfte trotz steigender realer Durchschnittslöhne nur wenig vorankommen. Ausschlaggebend ist der deutliche Rückgang der Beschäftigung. Zudem bleibt die Sparquote angesichts der Finanz- und Vertrauenskrise hoch. Die Inflationsrate wird im Jahresdurchschnitt 2009 rund 1% betragen; in einzelnen Monaten werden die Raten sogar merklich unter dieser Marke liegen.

Erst im Jahr 2010 ist mit dem allmählichen Abebben der Finanzkrise und der leichten Besserung des internationalen Umfelds eine Stabilisierung zu erwarten. Aufgrund des Unterhangs wird das reale Bruttoinlandsprodukt im Jahresdurchschnitt 2010 jedoch immer noch um 0,2%, kalenderbereinigt um 0,3% sinken. Bei alledem wird die Produktionslücke – bei einer auf 1,5% zu veranschlagenden Potentialrate – weiter zurückgehen.

Die Arbeitsnachfrage wird im Prognosezeitraum einbrechen. Im kommenden Jahr wird die Zahl der Erwerbstätigen um 0,8% auf rund 40 Mio. zurückgehen. Im Verlauf von 2009 werden sich rund 540.000 Personen zusätzlich arbeitslos melden. Daher wird sich die jahresdurchschnittliche Arbeitslosenquote auf 8,0% erhöhen. In 2010 wird sich diese Entwicklung fortsetzen, so dass die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt fast die Marke von 4 Millionen erreichen dürfte, was einer Quote von 9,2% entspricht.

Nachdem der Finanzierungssaldo des Staates von 2003 bis 2008 kontinuierlich besser geworden ist, erwarten die ifo-Experten für die Jahre 2009 und 2010 einen Rückschlag. Ursache ist insbesondere die verschlechterte gesamtwirtschaftliche Situation. Für das Jahr 2009 wird mit einem Defizit in der Größenordnung von 34 Mrd. Euro oder 1,4% des nominalen Bruttoinlandsprodukts gerechnet. Für das Jahr 2010 lassen die schwache Konjunktur und die fortgesetzte Eintrübung auf dem Arbeitsmarkt erwarten, dass das Budgetdefizit des Staates erneut um rund 1,5 Prozentpunkte steigt. Damit erreicht Deutschland nahezu wieder die Maastricht-Grenze von 3%.

Wie die ifo-Wissenschaftler aber auch betonen, unterliegt ihre Konjunkturprognose einer Reihe von Unsicherheiten im negativen wie im positiven Sinne. Neben Abwärtsrisiken aus der weltweiten Finanzkrise gebe es auch Aufwärtsrisiken. So war zum Prognosezeitpunkt noch unklar ob und welche weiteren Konjunkturprogramme in Deutschland aufgelegt werden. Zudem könnte sich die Bankenkrise schneller als erwartet auflösen.

(ifo/ml) ENGLISH