Harte Zeiten für das deutsche Transportgewerbe

Speditionen und andere Transportunternehmen kämpfen derzeit an mehreren Fronten gleichzeitig. So erwarten 300 im Rahmen des aktuellen Transportmarktbarometers befragte Experten aus der Transport- und der verladenden Wirtschaft im kommenden halben Jahr einen deutlichen Rückgang der Transportmengen. Das werde zu wachsendem Wettbewerb und sinkenden realisierbaren Preisen führen. Gleichzeitig will das EU-Parlament mit einer gestern beschlossenen Revision der Eurovignetten-Richtlinie Lkws zukünftig auf besonders staubelasteten Strecken mit bis zu 65 Cent pro Kilometer Zusatzgebühren belasten.

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Die Antworten der Fachleute aus dem Transportgewerbe lassen Schlechtes ahnen. Das deutsche Transportgewerbe müsse sich auf magere Zeiten einstellen, vermutet die Mehrheit der von der ProgTrans in Basel und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim Befragten. Eine schwindende Nachfrage mache es den Unternehmen des Transportgewerbes schwer, höhere Kosten durch Mauterhöhungen und durch die Verteuerung der Kapitalbeschaffung an die Kunden weiterzugeben.

Der Nachfrageschwund ist vor allem eine Folge der Konjunktur- und Außenhandelsentwicklung. Die Transporte im Schienengüterverkehr und durch die Binnenschifffahrt sowie die Luft- und Seefracht sind am stärksten vom Konjunktureinbruch betroffen. Aber auch im Straßengüterverkehr werden die Perspektiven recht schwach eingeschätzt. Im kombinierten Verkehr und vor allem bei den Kurier-, Express- und Paketdiensten (KEP) sind die Erwartungen dagegen nicht ganz so pessimistisch. Besonders trübe sind die Aussichten für die Asien-/Pazifikverkehre.

Ihre Erwartungen zur Preisentwicklung in den nächsten sechs Monaten haben die befragten Experten gegenüber dem Vorquartal durchgängig zurückgenommen. Auch waren die Einschätzungen für die verschiedenen Transportmärkte und Relationen selten so uneinheitlich. Dies liegt unter anderem daran, dass sich wesentliche Einflussgrößen in verschiedene Richtungen entwickeln: Die Kraftstoffpreise befinden sich nach dem Höhenflug im Sommer 2008 auf dem Abstieg, und die stagnierende oder rückläufige Nachfrage trifft auf sehr unterschiedliche Wettbewerbssituationen. Die wichtigsten Tendenzen der Preisentwicklung: Beim Schienengüterverkehr und den KEP-Diensten werden überwiegend stabile, vor allem bei der Luft- und Seefracht hingegen stark sinkende Raten erwartet. Auch bei der Binnenschifffahrt ist eine deutlich rückläufige Tendenz zu verzeichnen. Die übrigen Verkehrszweige werden sehr unterschiedlich eingeschätzt.

In dieser ohnehin angespannten Situation droht ein gestern vom EU-Parlament verabschiedeter Beschluss das Gewerbe zusätzlich zu belasten: Wird der Beschluss in den Mitgliedsstaaten umgesetzt, müssen LKWs auf besonders staubelasteten Strecken zusätzliche Gebühren zahlen. Das kann nach dem Willen des EU-Parlaments bis zu 65 Cent pro Kilometer ausmachen. In einer Protestnote wies der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Martin Wansleben, darauf hin, dass allein in Deutschland dafür mehr als 1000 Autobahn-Kilometer infrage kämen. Würden 10% der Lkw-Fahrleistung mit der zusätzlichen Stau-Maut belastet, ergäben sich nach Berechnungen des DIHK für die deutschen Speditionen Mehrkosten von jährlich 1,8 Milliarden Euro. Wansleben warnt: Das sei dann für viele das Ende. Die Bundesregierung müsse deshalb unbedingt in Brüssel die Notbremse ziehen.

(ZEW/DIHK/ml)