Hohe Erwartungen erwärmen das Klima im Mittelstand

KfW-ifo-Geschäftsklima Deutschland
KfW-ifo-Mittelstandsbarometer Deutschland

Wirtschaft ist zuallererst Psychologie – zumindest scheint diese das Klima im Mittelstand derzeit entgegen harte monetäre Fakten zu erwärmen. So hat sich im Juni bereits zum dritten Mal in Folge das KfW-ifo-Geschäftsklima im Mittelstand auf jetzt 14,9 Saldenpunkte verbessert (ein Plus von 3,3 Zählern gegenüber dem Mai). Getragen wird der Anstieg des Geschäftsklimas zurzeit allerdings ausschließlich von positiveren Geschäftserwartungen an das kommende Halbjahr (+7,0).

Die aktuelle Lage hingegen schätzt der Mittelstand gegenüber dem Monat Mai unverändert schlecht ein (-0,1).  Das sind die Ergebnisse des aktuellen KfW-ifo-Mittelstandsbarometers der KfW Bankengruppe und des Münchner ifo Instituts.

Die Großunternehmen konnten hinsichtlich ihres Geschäftsklimas im Juni ihren noch immer erheblichen Rückstand gegenüber den mittelständischen Unternehmen nicht weiter abbauen, denn ihr Klima verbesserte sich lediglich fast gleich stark um +3,2 Zähler auf -28,1 Saldenpunkte. Insgesamt ergibt sich für die Großen im Juni ein ähnliches Bild wie für die Mittelständler: Auch sie verzeichneten eine kräftige Aufwärtskorrektur bei den Geschäftserwartungen (+5,0), während die Lageeinschätzungen sich nur wenig veränderten (+1,6).

Einer gängigen Daumenregel zufolge deuten drei aufeinander folgende Vormonatsveränderungen des Geschäftsklimas in die gleiche Richtung auf einen konjunkturellen Wendepunkt hin. Dennoch bleibt weiterhin ungewiss, ob die Wende zum Besseren damit geschafft ist. Zwar seien die deutliche Erwartungsaufhellung sowie die dreimalige Verbesserung des Geschäftsklimas für sich genommen erfreulich, doch „solange die Lageurteile nicht nachziehen, ist die Gefahr einer Erwartungsblase – wie schon 2002 und 2003 – ausgesprochen hoch“, warnt Dr. Norbert Irsch, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe. Damals hatte sich der in stark gestiegenen Erwartungsurteilen manifestierte Optimismus der Unternehmen im Nachhinein als weit überzogen herausgestellt.

Geschäftsklima im Einzelhandel
Geschäftsklima im Einzelhandel

Der Einzelhandel – so weitere Ergebnisse des Barometers – hat im Juni positiv überrascht. In beiden Größenklassen verbesserten sich dessen Klimaeinschätzungen kräftig (Mittelstand: +5,1 Zähler auf 2,5 Saldenpunkte; Großunternehmen: +4,5 Zähler auf 1,8 Saldenpunkte). Damit übernimmt er die Spitzenposition im Branchenvergleich knapp vor dem bereits seit längerem leicht überdurchschnittlich gestimmten Bau. Erstmals, seit gut einem Jahr liegt, das Einzelhandelsklima wieder über der Nulllinie, die den langfristigen Durchschnitt markiert. Ausschlaggebend war dabei eine sehr kräftige Verbesserung der Erwartungen des Einzelhandels um fast elf Zähler, während sich dessen Lageurteile bereits seit Februar im positiven Bereich bewegen.

Fundamental gestützt wird das relativ gute Einzelhandelsklima zurzeit, neben der bislang noch verhältnismäßig moderaten Verschlechterung auf dem Arbeitsmarkt, von der rückläufigen Inflationsrate und den vorangegangenen etwas höheren Lohnabschlüssen, welche die reale Kaufkraft stärken.

Auch die Hauptleidtragenden der globalen Wirtschaftskrise, das Verarbeitende Gewerbe und der Großhandel, zeigten sich im Juni zum Teil deutlich besser gestimmt als im Mai. Doch angesichts der Tiefe des vorangegangenen Absturzes ist es besonders für die Industrie noch ein sehr weiter Weg, bis der Klimaindikator wieder in die Nähe der Nulllinie kommt.

„Das aktuell relativ gute Einzelhandelsklima könnte leider auf Sand gebaut sein und in sich zusammenfallen, sobald sich die Krise mit voller Wucht am Arbeitsmarkt niederschlägt“, warnt KfW-Chefvolkswirt Dr. Norbert Irsch. Alles in allem sprächen seiner Meinung nach die Juni-Resultate des KfW-ifo-Geschäftsklimas zwar dafür, dass der steilste Teil des Absturzes des Bruttoinlandsprodukts hinter uns liegt. Die Hoffnung auf einen baldigen und durchgreifenden Aufschwung rechtfertigen sie seiner Ansicht nach aber nicht, zumal die massiven Belastungen der Krise für den Arbeitsmarkt und die Staatsfinanzen noch vor uns lägen.

Auch in der Wirtschaft ist eben nicht jede Klimaerwärmung ohne Gefahr.

(KfW/ml)