Ist die Wirtschaftskrise auch eine Krise der Ökonomie?

Prof. Dr. Friedrich Schneider
Prof. Dr. Friedrich Schneider

Oder besser gefragt: Was helfen uns ausgeklügelte mathematische Modelle in der Wirtschaftswissenschaft, in denen der Faktor Mensch fehlt? Diese Fragen stellt zurecht und mit Mut zum Unmut der Zunft der Linzer Ökonom Prof. Dr. Friedrich Schneider in der Mitgliederzeitschrift des Bundesverbands Deutscher Volks- und Betriebswirte (bdvb). Anlass für seine Fragen ist die aktuelle Krise und die offensichtlich hilflose Rolle der Ökonomen bei den Lösungsversuchen. Schneider befüchtet nicht zu Unrecht, das kollektive Versagen der Ökonomie in der Not könnte die Frage nach dem generellen Nutzen der ökonomischen Wissenschaft aufwerfen.

Prof. Dr. Friedrich Schneider vom Institut für Volkswirtschaftslehre der Johannes Kepler Universität Linz wirft seinen Fachkollegen vor, wesentliche Verhaltensweisen der Menschen nicht in die ökonomischen Modelle integriert zu haben, zum Beispiel den Herdentrieb an den Finanzmärkten, fehlendes Vertrauen, Gier oder mangelnde Fairness im Wirtschaftsleben. Man habe zwar sehr ausgeklügelte ökonomische Modelle entwickelt, die wichtige Erkenntnisse liefern, aber nur einen Teil der Realität beschreiben und viele wichtige Aspekte ausblenden. In seinem Beitrag fordert Schneider, sich diesen Fragen wissenschaftlich zu stellen und die ökonomischen Modelle entsprechend anzupassen. Er drängt zudem zur Eile: „Dies sollte nun mit großem Elan vorangetrieben werden, so dass wir tatsächlich wieder gefragt und gebraucht werden.“

Der vollständige Artikel kann im bdvb-Magazin auf Seite 10 nachgelesen werden. Das Magazin steht als kostenloser Download online zur Verfügung.

(bdvb/ml)

Kommentar

Dazu fällt mir sofort eine weitere Frage ein: Wie konnte die Ökonomie einen derart grundlegenden Mangel so lange ignorieren? Und warum bedurfte es erst einer wirtschaftlichen Katastrophe, bis derartige Fragen gestellt werden?

Ist die Ursache der reihenweise Zusammenbruch der kommunistischen Staaten in den letzten drei Jahrzehnten, in dessen Gefolge sich die westliche Marktwirtschaft in immer umfassendere Omnipotenzträume und teilweise orgiastische Selbstbespiegelungen hineinsteigerte?

Das wäre tragisch, denn dieser scheinbare Sieg ist nicht der Perfektion der Marktwirtschaft zu verdanken, sondern den Schwächen sozialistischer Ideologien. Zudem sind solche Entwicklungen in der Geschichte keineswegs unumkehrbar. Wer sich allzulange in Selbstgefälligkeit verliert, ist schnell verloren.

(ml)