Podcast
Wo Industrie 4.0 nach zehn Jahren steht

© Philipp Ramin / Heise Medien

Unter dem Motto „Status quo und Wandlungsfähigkeit“ spricht Gisela Strnad im Podcast „heise meets … der Entscheider-Talk“ mit Dr. Philipp Ramin über den Begriff Industrie 4.0, der als deutsche Erfindung gilt. Der Gründer und Geschäftsführer des Innovationszentrums Industrie 4.0 sieht Deutschlands Vorreiterrolle in Gefahr.  

Vor zehn Jahren wurde hierzulande der Begriff Industrie 4.0 geprägt, der die Verbindung aus Industriearbeit und Digitalisierung beschreibt. Auf die Frage im Podcast „heise meets … der Entscheider-Talk“, wo Deutschland in dieser Hinsicht im Jahr 2021 steht, antwortet Dr. Philipp Ramin: „Spannende Frage. Wir haben sicherlich schon eine ganze Menge erreicht, weil allein durch die Veröffentlichung dieses Begriffs ein unglaublicher Innovationsdruck ausgelöst wurde – vor allem auf die sehr konservative Industrielandschaft in Deutschland, später aber auch international.“ Die Folge: „Das hat sicherlich viel dazu beigetragen, dass wir heute eine Industrielandschaft haben, die deutlich offener, innovativer und digitaler ist – wenn auch noch nicht so, wie wir uns das alle erhofft haben.“ 

Warum Deutschland an Boden verliert

Eine weitere positive Folge sieht der Geschäftsführer des Innovationszentrums Industrie 4.0 in der Tatsache, „dass dieser Begriff ein deutscher Brand geworden ist“, so Ramin. „Darauf können alle Protagonistinnen und Protagonisten sehr stolz sein, das war industriepolitisch ein ganz, ganz geschickter Schachzug.“ Dennoch läuft seiner Meinung nach nicht alles so, wie es laufen sollte. „Ich sehe definitiv eine Gefährdung. Bei aller Euphorie und positiver Einstellung zum Industrie-4.0-Begriff dürfen wir uns leider nichts vormachen – der Wettbewerb ist deutlich intensiver geworden.“ Deutschland sei in vielen Bereichen nicht mehr führend und nicht mehr Exportweltmeister, so Ramin. Aber auch die internationale Konkurrenz hat seiner Meinung nach aufgeholt (etwa im Fahrzeugbau) und setzt die deutsche Industrie unter Druck. „Dementsprechend kann man sich ein Leben lang nicht mehr nur auf ,Made in Germany‘ verlassen, zumal wir auch hier und da ein wenig belächelt werden, wenn man bis vor ein paar Jahren die Bestellung per Fax machen musste – und das im Land der Industrie 4.0.“

Wie die Fabriken der Zukunft aussehen

Ramin erkennt noch einen weiteren Fehler in Deutschland: eine zu oberflächliche Betrachtungsweise. Er kritisiert die Denkweise, „dass man nur an der Spitze des Eisbergs arbeitet, anstatt die großen Pflöcke unter der Wasseroberfläche sich mal genauer anzuschauen. Das ist dann nicht nur eine Frage der Technologie, sondern auch eine Frage der Unternehmenskultur – eine Frage, welche DNA man zukünftig in den Firmen haben möchte.“ Zum Thema Automatisierung durch Roboter, die immer häufiger menschliche Mitarbeiter ersetzen, merkt Ramin an: „Da ist sicherlich ein Teil der Zukunft. Wir werden in den nächsten Jahren eine weitere Automatisierung sehen.“ Auf der anderen Seite stellt er aber auch klar: „Gleichzeitig sehe ich es nach wie vor als ein eher unrealistisches Szenario, von der menschenleeren Fabrik zu sprechen.“ Aus seiner Sicht geht es eher darum, wo der Mensch einen Mehrwert leisten kann. „Ich spreche sehr gern im Operativen vom Augmented Operator – eine Person, die immer noch der Dirigent der Prozesse ist, aber eben nicht isoliert auf einen bestimmen Prozess fokussiert, sondern einen Gesamtüberblick hat.“