Österreichische Wirtschaftsförderung

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Gründerland Österreich

© Speedinvest

Von Mehmet Toprak

Klischees sind eine feine Sache. Sie erzählen so schöne Geschichten. Zum Beispiel die Geschichte vom gemütlichen Österreich, dem Land der schneebedeckten Berge, weiten Täler und blauen Seen. Da sind die lässigen Österreicher, die das Skifahren so lieben und ihr Geld mit Fremdenverkehr verdienen. Und das altmodische Wien der Kaiserzeit mit seinen Friedhöfen und dem sprichwörtlichen Schmäh. Zahlen, Daten und Fakten allerdings erzählen eine ganz andere Geschichte. Der südliche Nachbar Deutschlands ist ein wirtschaftlich erfolgreiches und dynamisches Land. Die Marktforscher von StartupBlink, die regelmäßig eine Rangliste der erfolgreichsten Ökosysteme für Start-ups erstellen, setzen Österreich 2021 in einer Liste mit 100 Ländern immerhin auf Platz 28. In der Liste der 1000 erfolgreichsten Städte liegt Wien auf Platz 85.

Serie: Wirtschaftsförderung
Teil 1 beginnt in der Nordhälte Deutschlands und fährt von Berlin durch Brandenburg bis Sachsen und hinauf an die Küste. Teil 2 nimmt sich die Südhälfte vor und macht ein paar überraschende Entdeckungen. Ein Extrabeitrag widmet sich außerdem der Standortpolitik in Österreich.

Im Innovation Cities Index 2021, einer Rangliste der weltweit innovativsten 500 Städte belegt Wien Platz 22, knapp hinter Los Angeles (Platz 20) und deutlich vor dem hippen Berlin (Platz 31). Und der Start-up Cities Index von People Per Hour, einer Online-Vermittlungsplattform für Freelancer, setzt Wien 2019 sogar auf Platz 1. Die Belegliste für die wirtschaftliche Dynamik Österreichs im Allgemeinen und Wien im Besonderen lässt sich fortsetzen.

Lage und Leute

Wien, die Stadt, deren Einwohnerzahl in diesem Jahr möglicherweise die 2-Millionen-Grenze überschreiten wird (Statistik Austria), macht offenbar vieles richtig. Im Zeitraum von 2009 bis 2019 wurden laut Statista hier rund 1.300 Start-ups gegründet. Mit Einschränkungen gilt dies auch für Salzburg, Linz, Graz oder Innsbruck. Graz etwa liegt im Ranking von StartupBlink auf Platz 202, Linz auf 307 und Salzburg auf 408. Von 1000 Städten wohlgemerkt.

Experten sehen eine Ursache für den wirtschaftlichen Erfolg Österreichs in der zentralen Lage zwischen Ost und West, die viele qualifizierte Fachkräfte aus dem Osten anzieht. Auch die Tatsache, dass Österreich zur DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) gehört, dem größten Wirtschaftsraum Europas mit einer gemeinsamen Sprache, tut sicher keinen Schaden. Hinzu kommen sogenannte weiche Faktoren wie bezahlbarer Wohnraum, die hohe Lebensqualität sowie Kultur- und Freizeitevents. Gerade im Kulturbereich haben Wien oder auch Salzburg viel zu bieten.

MW-stataussen300dpisebastianphilipp.jpg Auf kommunaler Ebene macht die Wirtschaftsförderung den Zahlen von Statistik Austria zufolge einen immer geringeren Anteil an den Gemeindebudgets aus. Den Löwenanteil bekommt der Fremdenverkehr, erst mit deutlichem Abstand folgen Dienstleister und Fertigungsbetriebe. (Bild: Statistik Austria – Sebastian Philipp)

Wirtschaftshilfe für Start-ups

Einen wesentlichen Anteil an der brummenden Start-up-Szene hat aber auch die Wirtschaftsförderung. Hier sind die Österreicher mit einer ganzen Reihe unterschiedlicher Förderinstitutionen und ‑typen sehr erfolgreich darin, junge Unternehmer, besonders solche mit Hightech-orientierten Produkten oder Dienstleistungen, zu unterstützen. Doch nicht nur Start-ups und Hightech-Unternehmen können auf Unterstützung hoffen. Die Wirtschaftsagentur Wien beispielsweise fördert sogenannte Ein-Personen-Unternehmen (EPU), deren Geschäftstätigkeit wegen der Corona-Krise eine völlige Neuausrichtung benötigt oder die sich nach der Pandemie einfach neue Kundenkreise erschließen wollen. Wien kann eben auch erfinderisch sein.

Die größten Förderer in Österreich sind die Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft (AWS) und die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG). Letztere setzt den Schwerpunkt auf Start-ups, die mit forschungsnahen Themen auf den Markt gehen oder eigene Forschungsprojekte angehen wollen. Und wie in allen Hightech-Regionen der Welt suchen in Österreich auch Investoren, Business Angels und Risikokapitalgeber nach vielversprechenden Unternehmensgründern.

Neben den bundesweiten Fördermaßnahmen haben alle Landesregierungen eigene Förderprojekte installiert. Außerdem gibt es noch die Möglichkeit, EU-Gelder anzuzapfen. Im kleinen Österreich mit seinen knapp 9 Millionen Einwohnern ist dies vor allem deshalb eine beliebte Option, weil Firmen mit besonders attraktiven Produkten oder Dienstleistungen schnell über den inländischen Markt hinauswachsen und in europäische Absatzmärkte expandieren wollen.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Heise-Beilagenreihe „IT-Unternehmen in Österreich stellen sich vor“. Einen Überblick mit freien Download-Links zu sämtlichen Einzelheften bekommen Sie online im Pressezentrum des MittelstandsWiki.

Wohin Gründer sich wenden können

Für Gründer, Start-ups oder Unternehmen, die nach staatlicher Unterstützung Ausschau halten, ist die Wirtschaftskammer Österreich (WKO) für Informationen, Beratung und Weitervermittlung eine erste Anlaufstelle. Eine gute Adresse ist auch die Standortagentur Austrian Business Agency (ABA), die junge Gründer ebenfalls mit Informationen durch den Dschungel der diversen Fördermittel lotst.

Die Experten können jungen Gründern dann auch erklären, welche Fehler man vermeiden sollte. So ist es ratsam, das Projekt erst dann beginnen zu lassen, wenn der Projektantrag gestellt wurde. Anträge für bereits laufende Geschäftstätigkeiten haben keine guten Chancen. Zudem sollte man sich gut informieren, welche Art von Unterstützung man benötigt. Egal ob Start-up, bei dem eine Förderung hilft, erst mal auf die richtige Spur zu kommen, oder etabliertes Unternehmen, das sein Geschäftsmodell ausbauen will – die Auswahl ist groß. Da gibt es Barzuschüsse, die man in der Regel nicht zurückzahlen muss, finanzielle Unterstützung für sonst unerschwingliche Unternehmensberater, Teilnahme an Workshops und Vernetzungsseminaren, Zuschüsse für Investitionen in umweltfreundliche Technologien, Kredite für Modernisierungsmaßnahmen oder auch Beteiligungen durch Risikokapitalgeber. Manche Institute unterstützen bei der Beantragung eines Kredits, indem sie Sicherheiten geben, ohne die das Unternehmen das Darlehen gar nicht bekäme.

Mw-Vienna Office 2.jpg „Investing in People“ ist das Motto von Speedinvest. Das ist auch kein Wunder, denn der erfolgreiche Wagniskapitalgeber mit Hauptquartier in Wien investiert schon so früh in – vornehmlich digitale – Start-ups, dass zu diesem Zeitpunkt außer der Idee oft nur das Gründerteam selbst vorzeigbar ist. (Bild: Speedinvest)

Bei all diesen Erfolgsgeschichten und vielversprechenden Förderinitiativen geht es in der Regel immer um bundesweite Maßnahmen oder Förderinitiativen der Städte und Landesregierungen. Auf kommunaler Ebene sieht es in Österreich anders aus. Hier fließen Fördermaßnahmen in der Regel nicht in Hightech-Produkte und innovative Start-ups, sondern eher in die klassischen Bereiche Gewerbe, Handel und Fremdenverkehr. Ein Großteil der kommunalen Gelder ist für den Tourismus reserviert. Womit wir wieder im Österreich der Berge, Täler und Seen wären. Da, wo sie das Skifahren und die Gemütlichkeit lieben. Ein Körnchen Wahrheit hat das Klischee eben doch.

Förderinstitutionen, Agenturen, Kapitalgeber

Jedes Bundesland und jede Stadt in Österreich hat zumindest eine Einrichtung, die Unternehmensgründer oder Start-ups unterstützt. Einige Orte versuchen sogar internationale Unternehmen anzulocken. Die folgende Übersicht bietet eine Auswahl.

EU-Förderung EIC Accelerator: Förderung vom Prototypen bis zur Marktreife verspricht der EIC Accelerator der WKO. Bewerben können sich kleine und mittlere Betriebe, die aufgrund ihrer innovativen Idee das Potenzial haben, auch international zu wachsen. Das Fördervolumen liegt zwischen 0,5 und 2,5 Millionen Euro. Anträge sind auf Englisch zu stellen. Zuvor sollte man sich am besten mit der FFG in Verbindung setzen. → www.wko.at/service/foerderungen/eic-accelerator-foerderung-prototypen-bis-zur-marktreife.html

Enterprise Europe Network: Das nach eigenen Angaben weltweit größte Business-Support-Netzwerk empfiehlt sich als Anlaufstelle für Unternehmen, die beispielsweise als Start-up den europäischen Markt erobern wollen. Neben Beratung gibt es auch Unterstützung, um europäische Förderprogramme zu beantragen. → www.enterpriseeuropenetwork.at

Wirtschaftskammer Österreich (WKO): Die WKO bietet Unterstützung von der ersten Idee bis zum Markteintritt. Es gibt Workshops, Kontakte zu großen Unternehmen, Gründungsberatung, Hilfe bei der Gewerbeanmeldung und Beratung zu Finanzierungsmöglichkeiten. Die WKO unterhält in allen Ländern eine Vertretung. → www.wko.at

Austrian Business Agency (ABA): Die Austrian Business Agency gehört zum Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort (BMDW). Unter dem Motto „Invest in Austria“ bietet die ABA kostenlose Beratung für Unternehmen, die sich in Österreich niederlassen oder eine Zweigstelle eröffnen wollen. Allein 2020 hat die ABA nach eigenen Angaben 353 internationale Unternehmen bei der Niederlassung in Österreich beraten. → https://investinaustria.at

Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG): Die nationale Fördereinrichtung unterstützt unternehmensnahe Forschung und Entwicklung in Österreich. Das Angebot reicht von Beratung und Information bis hin zur Finanzierung von Forschungsprojekten. Für KMU und Start-ups stehen eigene Förderangebote bereit. Die FFG begleitet junge Gründer von der Ideenfindung bis zum Marktstart. Außerdem gibt es Schulungs- und Vernetzungsmaßnahmen sowie eine Jobbörse für Forschung und Technologie. → www.ffg.at

Austria Wirtschaftsservice (AWS): AWS ist die Förderbank des Bundes und bietet sehr viele unterschiedliche Fördermaßnahmen. Einige Beispiele: „Garantie“ etwa unterstützt Gründer während der ersten fünf Jahre durch Absicherung der aufgenommenen Kredite. „Seedfinancing“ überbrückt die Finanzierungslücke innovativer Hightech-Start-ups, bietet Beratung und hilft beim Erschließen neuer Finanzierungsquellen. „Creative Impact“ fördert Produkte oder Dienstleistungen, die „das Potential haben, über Unternehmensgrenzen hinaus, positive gesellschaftliche und branchenspezifische Wirkung zu entfalten“. „Eigenkapital“ hilft österreichischen Start-ups mit Risikokapital. „Innovationsschutz“ hilft Unternehmen, ihr geistiges Eigentum (Intellectual Property) zu schützen und zu verwerten. → www.aws.at/unternehmen-gruenden/

Start-up Salzburg: Der Inkubator für innovative Gründer verspricht individuelle Beratung, mehrmonatiges Coaching und den Kontakt zu Experten aus Forschung und Wirtschaft. Finanziert wird das Angebot vom Land Salzburg, dem ITG Innovationsservice, der Universität Salzburg, der Wirtschaftskammer Salzburg und der FH Salzburg. → www.startup-salzburg.at

Wirtschaftsagentur Wien: Der Fonds der Stadt Wien unterstützt lokale und internationale Unternehmen. Zur Förderung gehören vor allem ein reichhaltiges Informationsangebot, Beratung, Workshops und Vermietung von Büro-, Produktions- oder Laborflächen. Ein „Vienna Start-up Package“ hilft auch internationalen Start-ups, sich am Wirtschaftsstandort Wien anzusiedeln. Es besteht aus individueller Betreuung, Coachings und Vernetzungsangeboten. 2020 haben sich nach Angaben der Wirtschaftsagentur 321 Unternehmen aus 66 Ländern beworben, davon haben 16 tatsächlich ein Start-up-Package erhalten. → https://wirtschaftsagentur.at

Wirtschaftsagentur Burgenland: Die GmbH fördert Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, vom kleinsten über mittlere bis zum großen Unternehmen. Unterstützt werden beispielsweise „Forschungs- und Entwicklungsprojekte, die eine Kreation und Vermarktung neuer Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen hervorbringen“. Die Zuschüsse müssen nicht zurückbezahlt werden. → https://wirtschaftsagentur-burgenland.at

Landesregierung Vorarlberg: Die Wirtschaftsförderung Vorarlberg bietet beispielsweise Beratung für Kleinunternehmen zu den Themen strategische Unternehmensplanung, neue Marktstrategien oder Neuausrichtung des Unternehmens. Auch KMU, die in Breitbandanbindung investieren wollen, können einen Förderantrag stellen. Zudem gibt es eine E-Commerce-Förderung, die kleine Handelsbetriebe beim erstmaligen Aufbau eines Webshops adressiert. Nicht zu vergessen die „Jungunternehmerförderung“ für Personen, die sich „erstmals hauptberuflich gewerblich selbstständig“ machen wollen. → https://vorarlberg.at/-/wirtschaftsfoerderungen-des-landes-vorarlberg

Speedinvest: Dieser Risikokapitalfonds und Investor konzentriert sich auf Technologie-Start-ups in Bereichen wie Deep Tech, Fintech, Industrial Tech, Network Effects und Digital Health. Speedinvest gehört zu den großen international tätigen Investoren und hat Büros in Berlin, London, München, Paris, San Francisco und Wien. Wer eine wirklich gute Idee hat, sollte sich einfach bewerben. Laut Speedinvest habe man in einigen Fällen schon investiert, als es „noch nichts als nur ein Demo-Produkt“ gab. → www.speedinvest.com

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