Berufe in der Healthcare-IT

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Der hippokratische Code

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Von David Schahinian

Anders als in manchen Branchen besteht für Experten im Gesundheitssektor keine Gefahr, dass ihr Beruf aufgrund neuer, bahnbrechender Entwicklungen obsolet wird. Im Gegenteil: Die zunehmende Alterung der Gesellschaft und der Wunsch, Krankheiten noch besser zu bekämpfen, sorgen dafür, dass der Bereich langfristig weiter an Bedeutung gewinnt. Für IT-Fachkräfte eröffnen sich damit spannende und zukunftsfeste Betätigungsfelder mit einer großen Auswahl an möglichen Spezialisierungen. Und nicht zuletzt zeichnet sich die Healthcare-IT durch einen besonderen Punkt aus: Sie steht im Dienst am Menschen.

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Rosige Aussichten

Analysten, Software-Entwickler für klinische Systeme, Database-Experten, Applikationsspezialisten oder IT-Berater: Wer gängige Stellenbörsen auf der Suche nach Vakanzen in der Healthcare-Branche durchforstet, erhält einen Eindruck davon, wie gut die Jobaussichten sind. Laut Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) erwirtschafteten die Unternehmen mit rund 12.000 Beschäftigten allein 2012 mehr als 1,6 Mrd. Euro – Tendenz steigend.

Gute Chancen können sich vor allem Sicherheitsexperten ausrechnen. Nicht nur der Wirbel um die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte hat gezeigt, wie sensibel Bürger auf das Thema Datenschutz reagieren. Weder Unternehmen noch öffentliche Institutionen in diesem Sektor können es sich erlauben, hier Schwächen zu zeigen.

Im Bereich der medizinischen Informatik finden hingegen erfahrene Programmierer viele interessante Handlungsfelder. Sie reichen über die Entwicklung von Info- und Verwaltungssystemen über neue diagnostische Verfahren bis hin zur computergestützten Medikation oder dem Entwurf und der Verbesserung von Software für medizintechnische Geräte. Von ihrer fehlerfreien Funktion hängen mitunter Leben und Tod ab.

Neue Aufgaben

Überall im Gesundheitsbereich entstehen neue spezifische Berufsbilder, die sich derzeit erst vage abzeichnen. Gefragt sind etwa Führungskräfte und Projektmanager, die die Qualifikationen und Kompetenzen haben, komplexe, abteilungsübergreifende Forschung und Entwicklung zu betreiben. Besonders weit gespannt ist das Feld für Analysten und Data Scientists. Wer sich auf die Auswertung von großen Datenmengen spezialisiert hat, kann sich seinen Arbeitsplatz derzeit nahezu frei aussuchen. Denn in der Gesundheitsbranche fallen so viele meist unstrukturierte Daten an wie in kaum einer anderen. Dazu gehören beispielsweise klinische oder medizinische Daten aus Laboren oder Befunden, künftig vielleicht auch solche von Medical Apps oder Smart Devices wie Fitness-Trackern, die bereits von einigen Krankenkassen gefördert werden. Bisher unbekannte Muster zu erkennen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, kann der medizinischen Forschung neue Impulse verleihen.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Bei­trag erschien zuerst in unserer Magazin­reihe „IT & Karriere“. Einen Über­blick mit Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Neben der Datenanalyse wird vor allem die Vernetzung ein Top-Thema der nächsten Jahre sein. Zumindest deutet einiges darauf hin: So erklärte etwa das Bundesgesundheitsministerium im Zuge der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte, dass „wir mehr Standardisierung im Gesundheitswesen“ brauchen, um ineffiziente Doppelstrukturen zu vermeiden und eine stärkere Interoperabilität im Gesundheitswesen zu erreichen. Zudem hat eine aktuelle weltweit durchgeführte Accenture-Studie nicht nur gezeigt, dass die Nutzung von Healthcare-IT in allen untersuchten Ländern angestiegen ist. Die 3700 befragten Ärzte gaben auch an, dass sie vom Nutzen des elektronischen Austauschs von Gesundheitsinformationen zwischen den einzelnen Einrichtungen überzeugt sind – die Vernetzung des Gesundheitswesens ihrer Ansicht nach aber noch in den Kinderschuhen steckt.

Ungewohnte Perspektiven

Grundsätzlich gibt es zwei Wege, um in der Branche Fuß zu fassen: als medizinische Fachkraft mit Informatikkenntnissen oder als IT-Profi, der sich auf den Healthcare-Bereich spezialisieren will. Erstere sind im Vorteil, da sie die umfangreiche und meist komplexe Terminologie des Gesundheitswesens beherrschen und in der Regel bereits mit elektronischen Systemen arbeiten. Aber sie sind rar und decken keinesfalls den Bedarf von Kliniken, Laboren, Unternehmen und öffentlichen Stellen.

Dagegen bringt ein Neueinstieg im medizinischen Bereich einige Herausforderungen mit sich, die aber durchaus zu bewältigen sind. Die Aneignung des Fachvokabulars und seine präzise Anwendung dürften den meisten nicht allzu schwer fallen – das Erlernen von Programmiersprachen funktioniert ja grundsätzlich nach ähnlichen Prinzipien. Ungewohnter mag da für manchen die Fokussierung auf den Menschen sein. In anderen IT-Jobs stehen mitunter bestimmte Features im Fokus oder ganz generell das Funktionieren der IT-Umgebung in allen Abteilungen eines Betriebs. In den meisten IT-Jobs im Healthcare-Bereich liegt der Schwerpunkt hingegen auf dem Patienten, der Forschung oder der Leistung von Ärzten und Krankenschwestern. Für medizinisch nicht Bewanderte bietet sich aber auch ein Einstieg in Bereiche an, die letztlich allen IT-Systemen gemein sind, etwa Infrastruktur oder Datenschutz.

Auffällig ist, dass sich besonders Frauen für den Healthcare-IT-Bereich interessieren. Liegt ihr Anteil im IT-Sektor dem Branchenverband Bitkom zufolge bei etwa 15 %, ist er im Bereich Gesundheit doppelt so hoch. Der bvitg führt das unter anderem auf die historische Entwicklung in Gesundheitsberufen zurück. Einige der Berufsgruppen seien traditionell eher weiblich geprägt, etwa die medizinisch-technische Assistentin. Und: „Da die Gesundheits-IT stark prozesslastig ist, findet man im Mitarbeiterstamm auch Praktiker der entsprechenden Zielgruppen.“

Hohe Erwartungen

Die Jobaussichten sind vor allem für hochqualifizierte IT-Profis ausgesprochen gut. Laut Branchenbericht IT-Lösungen im Gesundheitswesen 2014 der Hochschule Osnabrück hat gut die Hälfte der Beschäftigten einen Hochschulabschluss. Offene Stellen, die einen solchen Abschluss voraussetzen, sind für medizinische Informatiker am häufigsten. Den Arbeitgebern ist bewusst, dass der Bedarf an Fachkräften groß ist. Viele von ihnen bieten deshalb flexible Arbeitszeiten und Teilzeit an. Auch die IT-Bewerber kennen ihre gute Marktposition, ergab eine Robert-Half-Umfrage. Die Hälfte der befragten CIOs hatte in jüngster Zeit die Erfahrung gemacht, „dass IT-Beschäftigte häufiger als üblich ein höheres Gehalt einfordern“.

Die Gehaltsaussichten im Healthcare-Sektor sind vielversprechend. Das durchschnittliche Jahresgehalt in der IT-Branche insgesamt liegt den Beratern von Robert Half zufolge bei etwa 67.000 Euro. Stichproben auf dem Portal gehalt.de zeigen, dass die Verdienstmöglichkeiten in der Healthcare-IT meist darüberliegen. Für Young Professionals mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung beispielsweise liegt das Mediangehalt in der Gesundheitsbranche laut Staufenbiel bei 44.678 Euro.

Bei allen Chancen dürfen aber auch die Erwartungen nicht verschwiegen werden. Jährlich werden weit über 300 Mrd. Euro für Gesundheit in Deutschland ausgegeben. Ein großes Stück von diesem Kuchen liefern die Krankenkassen. Seit Jahren wird versucht, die Ausgabensteigerungen in den Griff zu bekommen. Der Kostendruck wird zwar zu weiteren Investitionen in die IT, aber auch zu höheren Ansprüchen an die Fachkräfte führen.

Fazit: Ich tu was für die Gesundheit

Die Healthcare-IT ist eine zukunftssichere Branche, und sie boomt. Aus dem Bewerbermarkt ist bei den meisten Berufsbildern längst ein Nachfragemarkt geworden. Das erhöht zum einen den Spielraum bei Gehaltsverhandlungen für Akademiker. Zum anderen vergrößert es aber ebenso die Chancen, auch ohne Studienabschluss einen Fuß in den Markt zu bekommen. Und: In kaum einem anderen IT-Bereich kommt die eigene Arbeit so stark dem Wohlergehen anderer Menschen zugute.

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