Was Datenretter können müssen

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Anbieter für den Ernstfall auswählen

Von Sabine Philipp

Datenrettung bleibt eine heikle Sache, vor allem, wenn die Hardware betroffen ist. Denn während bei Softwarefehlern Eigeninitiative mit den richtigen Programmen durchaus etwas bringen kann, ist bei physikalischen Fehlern jeder Selbstversuch tabu. In solchen Fällen muss ein professionelles Labor ran, das den Betrieb schnellstmöglich wieder zum Laufen bringt.

Am sinnvollsten ist es, sich vor dem Ernstfall, in aller Ruhe, nach einem geeigneten Kandidaten umzusehen; das Ergebnis sollte dann im IT-Notfallplan verzeichnet sein. Gut ist eine erweiterte Liste, in der steht, welche Serviceleistungen (z.B. Remote-Datenrettung) welches Unternehmen anbietet und ob es einen 24-Stunden-Service gibt. Denn in Krisensituationen muss es meist schnell gehen. Nach dem erstbesten Strohhalm zu greifen, ist wenig vernünftig, wenn tragfähige Rettungswesten an Bord sind. Mit anderen Worten: Sie sollen sich beizeiten schlau machen, an wen Sie sich im Ernstfall wenden wollen. Es gibt ein paar recht zuverlässige Anzeichen, an denen man gute Anbieter erkennt.

Kurze Wege sind sicherer

Bei der Datenrettung ist der Datenschutz ein häufig unterschätztes Thema. Weniger Sicherheit können Anbieter garantieren, die die Festplatte quer durch Europa in ein ausländisches Labor verschicken. Denn wer auf dem Weg dorthin Gelegenheit und Zugriff hat, weiß oft nur Gott allein, vom Verlustrisiko und dem Zeitaufwand ganz zu schweigen.

„Eine Kundin, die erst bei einem anderen Anbieter war, bekam von diesem aus heiterem Himmel einen Anruf, in dem ihr ganz lapidar mitgeteilt wurde, dass die englische Post ihre Festplatte verschlampt habe“, erzählt Edmund Hilt. „Sie fiel aus allen Wolken. Denn sie hatte keine Ahnung, dass die Festplatte nicht in Deutschland bearbeitet wurde. Am Ende tauchte die Festplatte wieder auf und die Daten konnten gerettet werden. Aber der Schock saß tief.“

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Als Peter Böhret 2007 in die euro­päische Ebene auf­rückte, trat Ed­mund Hilt seine Nach­folge als Managing Director von Kroll On­track in Böb­lingen an. Dort ist er kein Unbe­kannter. Für das Unter­nehmen, das seine Kom­pe­tenzen als pro­fessio­neller Daten­retter mehr und mehr in Rich­tung elek­tro­nischer Spuren­sicherung aus­weitet, war Hilt bereits Ende der 1990er-Jahre tätig.


Kroll Ontrack GmbH, Hanns-Klemm-Straße 5, 71034 Böblingen, Tel.: 07031-644-0, info@krollontrack.de, www.krollontrack.de

Wer ganz auf Nummer Sicher gehen will, kann selbst einen Kurier beauftragen. „Wir arbeiten mit einem Anbieter zusammen, der die Festplatte bei dem Kunden abholt und sicher wieder zurückbringt“ erläutert Hilt. „Bei der Rücksendung liefern wir für Firmen die geretteten Daten auch verschlüsselt zurück. Hier kennt dann nur der Ansprechpartner das Passwort.“ Ein Standard, der eigentlich Gang und Gäbe sein sollte.

Ein wichtiger Anhaltspunkt ist, wie lange es den Anbieter schon gibt und über welche Erfahrung und Qualifikation er und seine Mitarbeiter verfügen. Gute Anbieter untersuchen physikalische Schäden in einem staubfreien Reinraum, am besten in der Klasse 100. Hier darf ein Kubikmeter Luft nur 100 Staubpartikel enthalten. Ein gutes Zeichen ist es auch, wenn der Anbieter Exemplare aller jemals verkauften Festplatten auf Lager hat. Ansonsten kann die Reparatur dauern.

Reinraum in Reichweite
Ein Tipp: Wer nachfragt, wo sich der Reinraum eines Anbieters befindet, erfährt dabei relativ zuverlässig, wohin die Reise der Festplatte tatsächlich geht – unabhängig von vielleicht vorgeschobenen Standortadressen.
Serie: Datenrettung
Teil 1 erklärt, was wichtig ist, wenn die Plat­te plötz­lich streikt. Teil 2 sagt, was bei Software­fehlern mög­lich ist, und listet die wich­tigsten Pro­gram­me für die Selbst­hilfe. Teil 3 begut­achtet Hard­ware­schäden und gibt einen Über­blick über die gro­ßen Profi­labore. Teil 4 ist als Rat­geber ge­dacht: Es geht darum, was Sie von einem gu­ten Daten­retter er­warten dürfen. Ein Sonderbeitrag widmet sich dem Problem der Online-Datenrettung aus der Cloud für Mobilgeräte.

Ferngesteuert wiederhergestellt

Nicht nur aus datenschutzrechtlicher Sicht sollten Unternehmen einen Dienstleister wählen, der (bzw. dessen Labor) auf kurzen Wegen zu erreichen ist. Denn Zeit ist in diesem Fall bares Geld. Am allerschnellsten geht die so genannte Remote-Datenrettung. Hier greifen die Helfer über eine gesicherte VPN-Verbindung direkt auf die Kundendaten zu und reparieren sie quasi in Tele-Operation. Ein Ingenieur ist dabei permanent mit dem Kunden in Kontakt. Meist können die Betroffenen innerhalb weniger Stunden wieder booten und weiterarbeiten.

Vorsicht ist dagegen bei Heilsversprechen und plakativen Aussagen angesagt. Wirbt ein Anbieter z.B. damit, dass er 90 % der Daten retten kann, ist das eine letztlich wenig hilfreiche Auskunft. Für einen Unternehmer kann es schon ein hundertprozentiger Erfolg sein, wenn nur 5 % gerettet werden können – falls es denn die entscheidenden 5 % sind. Eine Rettung von 90 % der Daten kann sich hingegen als Flop erweisen, wenn die entscheidenden Informationen nicht darunter sind.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Magazin­reihe. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Erpressung im Kleingedruckten

In puncto Kosten hat schon so mancher Unternehmer sein blaues Wunder erlebt. Hier ist es wichtig, ganz genau zu überprüfen, welche Leistungen die einzelnen Posten wirklich enthalten. Denn jeder Anbieter definiert z.B. „Diagnose“ anders. Abholung, Analyse, Auflistung der rettbaren Daten und Rücklieferung sollten als Punkte genannt sein. Dann ist wichtig, was der Dienstleister verlangt, wenn der Auftrag erteilt wird und wenn nichts mehr zu machen ist. Ansonsten gilt als Faustregel: Wenn es besonders schnell gehen muss, kostet es immer mehr. Zu achten ist also auch auf eine eventuelle Staffelung der Preise bei Standard und Express.

Genickbruch durch Datencrash
Dass ein größerer Datenverlust un­weiger­lich zum Kon­kurs führt, glaubt ein Drittel aller be­frag­ten IT-Ent­scheidungs­träger. Zu Recht. 70 % der kleinen Ge­schäfts­leute erklär­ten im Inter­view, dass ein Daten­verlust sie teuer und schwer treffen würde. Sie wussten, wo­von sie reden – denn mehr als die Hälfte (54 %) musste diese bittere Er­fahrung schon machen. Zu diesen Ergeb­nissen kom­men David M. Smith und Michael L. Wil­liams in ihrer Meta­studie „Data Loss and Hard Drive Failure: Under­standing the Causes and Costs“, in der sie ver­schie­dene Studien zum Thema unter­sucht und auf­bereitet haben.

„Der Kunde sollte penibel aufs Kleingedruckte achten“, rät Hilt. „Oft ist das Angebot für die Datenrettung an sich erst mal preiswert. Aber dann wird bei versteckten Posten wie Versand etc. zugeschlagen. Manchmal ist das erste Angebot günstig, dann aber wird nachverhandelt, weil doch viel mehr zu tun ist, als zuerst angenommen.“ Da kann es sich lohnen, einen erfahrenen Anbieter zu nehmen, der die Kosten auf Anhieb realistisch veranschlagen kann.

Fazit: Übungsalarm auslösen

Der Festplatte ärgster Feind ist letztlich der Mensch, namentlich der wohlmeinende. Angesichts eines Crashs sind Mitarbeiter als Laien mit der Situation meist komplett überfordert und sorgen mit ihrem gesunden Halbwissen nicht selten für den totalen GAU.

Es gilt daher, die Leute an der Basis unbedingt aufzuklären, damit sie richtig handeln. Ein kleiner Workshop zum Thema hat sich sehr bewährt.

Da auch viele Administratoren nicht sonderlich firm auf diesem Spezialgebiet sind, kann es nicht schaden, sie ebenfalls zur Weiterbildung zu schicken. Angesichts von Wiederherstellungskosten und Totalkrise im Schadensfall sind die Schulungskosten verschwindend gering.

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