Digitalstrategie Österreich

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Der DIA-Tschas soll’s richten

© Klaus Morgenstern – FFG

Von Michael Praschma

Alles andere als einheitlich ist das Bild, das Österreich in Sachen Digitalisierung abgibt. Studien, Umfragen und Berichte zeigen, dass nicht nur zwischen den Bereichen Infrastruktur, Wirtschaft, öffentliche Verwaltung, Forschung/Bildung und Bevölkerung massive Entwicklungsunterschiede klaffen, sondern auch jeweils innerhalb dieser Sektoren.

Eine breit angelegte Digitalisierungsoffensive ist für einen Wirtschaftsstandort, der zumindest bis vor Kurzem noch als abstiegsgefährdet galt (z. B. für die Prüfer des Deloitte-Wirtschaftsradars), sicher keine abwegige Idee. Im Bereich Digitalisierung und Innovation hatte Deloitte Österreich sogar eine hoffnungsvolle Position knapp hinter den skandinavischen Innovationsanführern Dänemark, Schweden und Finnland attestiert.

Digital? Betrifft uns nicht

Im Unternehmensbereich eines technologisch hochentwickelten Landes wie Österreich wäre zu erwarten, dass die Akteure in Produktion, Dienstleistung, Handel usw. im Großen und Ganzen digitalisiert sind – zumal dann, wenn die Latte, was „digitalisiert“ heißt, niedrig liegt. Weit gefehlt! Ein gutes Drittel der heimischen Unternehmen setzte sich im Jahr 2017 mit Digitalisierung nicht auseinander. Das gilt auch dann, wenn so schlichte Aspekte wie digitale Kundenkommunikation dazu zählen. So lautet jedenfalls das Ergebnis der WKO-Mitgliederumfrage „Unternehmensfinanzierung 2018“, die im August veröffentlicht wurde.

Die Zahl verliert auch bei näherer Betrachtung nichts an ihrem Schrecken. Zwar steigt einerseits die Bedeutung des Themas Digitalisierung für Unternehmen mit deren Größe, doch dies relativiert sich wieder dadurch, dass viele kaum digitalisierte Freiberufler mangels Kammermitgliedschaft unter dem Radar der Umfrage fliegen. Andererseits gewinnt das Bild an Schärfe, wenn man die Bereiche der Digitalisierung differenziert: Einen Löwenanteil nehmen triviale Bereiche wie Kundenkommunikation (54 %) und interne Vernetzung und Datenintegration (46 %) ein, während innovations- und zukunftskritische Agenden der Digitalisierung eher randständig sind, z. B. die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle für das Angebot von Produkten und Dienstleistungen mit 26 % und digitale Servicefunktionen für Partner der Wertschöpfungskette mit 16 %. Wenig überraschend ist, dass Unternehmen in städtischen Ballungsräumen stärker digitalisierungsorientiert sind als jene in strukturschwachen Regionen.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Magazinreihe von Heise-Beilagenreihe „IT-Unternehmen aus Österreich stellen sich vor“. Einen Überblick mit freien Download-Links zu sämtlichen Einzelheften bekommen Sie online im Pressezentrum des MittelstandsWiki.

Andererseits sieht man sich in den Unternehmen selbst oft sehr klar, dass Digitalisierung und Geschäftsergebnis unmittelbar zusammenhängen: „Es findet ein Wandel in den Unternehmens-IT statt“, sagt Martin Rainer, Abteilungsleiter IT Technik beim Technikhandel Haberkorn. „Der reine Betrieb der Infrastruktur rückt in den Hintergrund, im Vordergrund steht vielmehr die digitale Transformation und wie die IT das Business hierbei unterstützen kann. IT und Fachabteilungen rücken noch näher zusammen, um das Unternehmen auf das nächste Level zu heben.“ Haberkorn versorgt vom Headquarter in Wolfurt aus neben den österreichischen Standorten auch die Auslandstöchter in der Schweiz, in Ungarn, Slowenien und Kroatien mit IT-Services. Der Firma genügte letztlich eine Rittal-Roadshow, um ihr Datacenter zu erweitern: Seit Sommer 2016 steht ein Rimatrix-S-Container-Rechenzentrum im Freien hinter dem Firmengebäude.

Motivation oder Infrastruktur?

Geht es darum, die Exzellenz des Wirtschaftsstandorts – wo sich Österreich aufs Ganze gesehen tatsächlich nicht zu verstecken braucht – herauszustreichen, wird man die zwei Drittel digitalisierungsaffine Betriebe in den Fokus stellen und das fehlende Drittel aus der Kammerumfrage vielleicht unter „Momentaufnahme“ verbuchen. Doch der Eindruck, dass es bei Letzteren zumindest derzeit noch nachhaltig hapert, dieser Eindruck verfestigt sich, untersucht man die Einstellung der betroffenen Unternehmen. Auch dazu hat die WKO eine breit gefächerte Umfrage speziell zur Digitalisierung bei kleinen und mittleren Unternehmen durchführen lassen. Ergebnis: Auch hier sieht wieder ein Drittel der Unternehmen in der Digitalisierung keine Chance. (Genannt werden naheliegenderweise die anderen zwei Drittel.)

Es fehle hier aber auch an Beratung, Information und Unterstützung, sagen die Befragten. 18 % beklagen eine veraltete Infrastruktur, 12 % die Internet-Verbindung und 10 % die Datenschutzgrundverordnung! Ein leistungsstarkes Datennetz steht mit 40 % an zweiter Stelle der Bereiche, in denen sich KMU Unterstützung wünschen. Der Breitbandausbau ist vor allem im ländlichen Bereich ein kritisches Thema. Bedingt durch die Gebirgstopografie erhöhen sich hier die Kosten. Damit hängt auch zusammen, dass nur 45 % des ländlichen Raums mit schnellem Internet versorgt sind. Bei der tatsächlichen Nutzung von Festnetzbreitbandanschlüssen liegt Österreich europaweit deutlich zurück. Das hat aber auch Marktgründe: Derzeit ist ein starker Trend zur Ablösung von Festnetzanschlüssen hin zu Mobilfunk zu verzeichnen.

Digital Economy and Society Index
Der Blick von außen zeigt die österreichische Wirtschaft und Gesellschaft im EU-Vergleich auf Platz 11 von allen Ländern, immerhin auch drei Plätze höher als Respektgegner Deutschland – laut Digital Economy and Society Index (DESI) 2018 der Europäischen Kommission. Der Länderbericht gibt weitere Aufschlüsse, z. B.:

  • Österreich hat den Rang gegenüber 2017 gehalten; die Digitalisierungsfortschritte decken sich in etwa mit denen der anderen Länder im Mittelfeld.
  • Überdurchschnittlich liegt das Land z. B. bei der Digitalisierung öffentlicher Dienste und bei der Einbindung digitaler Technik durch Unternehmen.
  • Deutlich schlechter als der Großteil der Mitgliedsstaaten liegt Österreich bei ultraschnellen Breitbanddiensten, wobei „neue Indikatoren“ (zu Deutsch: „Es sieht immerhin so aus, als täte sich etwas“) mit dafür ausschlaggebend waren, dass Österreich seinen Rang halten konnte. Ausdrücklich erwähnt wird das staatliche Arbeitsprogramm zur Digitalisierung bis 2022.

Zwischen BMDW und BMVIT

Die Digitalisierung Österreichs hat 2018 drei runde Jubiläen: Seit 30 Jahren gibt es die Dot-at-Endung auf der Internet-Domain-Landkarte. Seit 1998 vergibt die offizielle Registrierungsstelle nic.at diese Domains. Und seit zehn Jahren besteht das von nic.at gegründete CERT (Computer Emergency Response Team) als Ansprechpartner für IT-Sicherheit im nationalen Umfeld. Milestones, gewiss – doch womit soll das Land in Sachen Digitalisierung zukünftig vorankommen?

Die publizierte staatliche Agenda spart nicht mit durchaus stattlichen Ankündigungen, etwa „Wir müssen den Plan umsetzen, Österreich an die digitale Spitze zu bringen.“ Regierungsseitig sind dafür gleich zwei Ministerien zuständig: Neben dem Schramböck-Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort auch noch Norbert Hofers Ressort Infrastruktur. Margarete Schramböck wurde von Kanzler Kurz als Quereinsteigerin in die Politik geholt und kann mit 22 Jahren einschlägiger Erfahrung aufwarten. Nach Führungsjobs in verschiedenen IT- und Telekomunternehmen leitete sie zuletzt die Telekomtochter A1. Bei Norbert Hofer verhält es sich umgekehrt: 24 Jahre politische Karriere, in Sachen Digitalisierung aber ein unbeschriebenes Blatt. Nun gut, es gibt ja Referenten. Vorhaben wie z. B. der Nationale Fahrplan 700-MHz-Band werden seinen Stempel tragen. Außerdem soll bis 2025 die landesweite Versorgung mit Gigabit-Anschlüssen sichergestellt und bundesweit 5G zur Verfügung gestellt werden – eine entsprechende Ausschreibung der Frequenzen soll demnächst folgen, kündigte Hofer Anfang 2018 an.

Vorgesehen ist weiters eine neue E-Government-Plattform (österreich.gv.at), die Behördenwege für die Österreicher in Zukunft einfacher gestalten soll. Die zehn am häufigsten genutzten Verwaltungsleistungen sollen darüber zugänglich gemacht werden. Im Endausbau soll man die wichtigsten Behördenwege, vom Ministerium bis zum kommunalen Standesamt, auch via App erledigen können.

Digitalisierungsagentur als Hub

Das Vertrauen in Kompetenz und/oder Kapazitäten der beiden Ministerien schien der Regierung allerdings nicht so weit zu reichen, dass man die Digitalisierungsoffensive vollständig selbst in die Hand nehmen wollte. Am 30. Mai stellten Schramböck und Hofer vielmehr eine neue Digitalisierungsagentur namens DIA vor. Der Plan: „Wir bauen mit dieser Agentur eine Zeitmaschine, die uns mit einem Turbo-Boost in die digitale Zukunft katapultieren wird“, so Schramböck. Der Start war „im Sommer“ vorgesehen, verzögerte sich dann aber doch, bis die zentrale Führungsfigur gefunden war: Andreas Tschas übernahm am 17. September die Leitung der DIA. Sein Job für die Agentur hat es in sich: eine Plattform für Koordination und Abstimmung unterschiedlicher Akteure schaffen; relevante Stakeholder vernetzen und die Bundesregierung beraten; als nationaler und internationaler Ansprechpartner in Digitalisierungsfragen fungieren; den Dialog zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Verwaltung zu den unterschiedlichen Facetten der Digitalisierung gestalten; relevante Ideen und Anliegen aufgreifen und gemeinsam mit Stakeholdern (Wirtschaft, Gesellschaft, Verwaltung) dazu Umsetzungsprojekte formulieren; außerdem gehört noch die Mitwirkung bei der Vorbereitung neuer Förderprogramme und Initiativen zu seinen Aufgaben.

Die beiden Ministerien stellen der DIA bis 2020 ca. 13 Millionen Euro zur Verfügung. Die Agentur bekommt zunächst 20 Mitarbeiter und einen Beirat aus hochrangigen Wirtschaftsvertretern und Experten. Die Einrichtung ist in die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft FFG eingebunden, was Synergien ermöglichen soll. Einen Fahrplan für die Aktivitäten soll es nach Angaben von Tschas erst Anfang 2019 geben. Drei Wochen nach dessen Amtsantritt weiß die Pressestelle des Digitalisierungsministeriums nicht, ob die DIA eine Website hat (sie hat zu Redaktionsschluss noch keine), eine Durchwahl zur DIA findet man bei der FFG nur über die Suchfunktion. Ein vorläufig fünfköpfiges Team nahm Anfang Oktober die Arbeit auf und beginnt jetzt, mit Workshops die Strategie zu entwickeln. – Turbo? Das wird sich herausstellen, wenn die Roadmap präsentiert wird.

Überzeugungsarbeit mit Anstieg

Smart Cities – eine Bildungsreise nach Singapur und Hongkong (auch) zu diesem Thema stand zu Herbstbeginn für eine Regierungsdelegation auf der Tagesordnung. In China lernte man z. B. Pläne für Hongkong kennen: Nahezu alles soll digital vereinfacht werden, vor allem mit Big Data. 400 Straßenlaternen in der Stadt sollen mit Kameras, Sensoren und WLAN-Routern ausgestattet werden. Datenschutz? „Zum Teil“ gehe das System persönlicher Überwachung zu weit, bemerkte Kanzler Kurz. Das offizielle Resümee der von Schramböck als Lernreise bezeichneten Exkursion fiel aber rundum positiv aus.

Dass dies alles in ganzer Breite noch nicht so recht in der Praxis angekommen ist, dürfte auch den Akteuren in Regierungskreisen bewusst sein. Ministerin Schramböck bekam kurz nach dem Ostasien-Trip als Teilnehmerin des ersten WirtschaftsXChange des Kreditschutzverbands dezidiert nüchterne Feststellungen zu hören. KSV-Vorstand Vybrial referierte, dass laut AB-Check des KSV1870 bei 80 % der etwa 1000 Befragten die Modernisierung von Produkten und Services kein Thema sei. Auch die Digitalisierung von Arbeitsabläufen und Prozessen laufe bei 70 % noch nicht. Schramböcks Fazit: Österreich brauche „eine digitale Vertrauensgesellschaft. Dazu gehört auch, auf die positiven Effekte der Digitalisierung zu vertrauen, ohne die Herausforderungen zu bagatellisieren.“

Immerhin, die Wirtschaftskammer hilft mittelständischen Unternehmen derweil mit Tipps, die sie ins digitale Zeitalter „katapultieren“ sollen. Dazu gehören neue Vertriebs- bzw. Geschäftsmodelle, lebenslanges Lernen vor allem für die Zielgruppe älterer Mitarbeiter oder die datenschutzkonforme Integration von Kundendaten in die Vertriebsstrategie.

„Fast alle haben kapiert, dass die Digitalisierung ein echter Paradigmenwechsel ist“, sagte Dorothee Ritz, Österreich-Chefin von Microsoft Österreich beim Forum Alpbach Ende August. Die Aussichten sind also durchaus glorreich, doch den tatsächlichen Stand der Dinge trifft diese Aussage derzeit noch recht genau. Oder, volkstümlicher formuliert, wie die Kronenzeitung zu einer Regierungspräsentation am 18. September titelte: „Digitalstrategie: ‚Jeder soll seinen Computer bedienen können‘“.

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