Polizeiarbeit in sozialen Netzwerken

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Der Gendarm 2.0 ist auf Webstreife unterwegs

Firenight

Von Sabine Philipp

Wo viel geredet wird, entstehen auch schnell Gerüchte. Das gilt für den Marktplatz ebenso wie für soziale Kommunikationsplattformen. Dabei ist auch die Polizei oft Gegenstand wilder Spekulationen – nicht zuletzt deshalb, weil offizielle oder seriöse Quellen meist fehlen. Aber nicht nur aus diesem Grund ist es für die Strafverfolger besser, sich aktiv in sozialen Netzwerken wie Facebook zu engagieren.

Mit dem Nutzen von Online-Plattformen für die Polizeiarbeit beschäftigt sich das Forschungsprojekt COMPOSITE (Comparative Police Studies in the EU) am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT, das für seine zweite Projektstudie „Best Practice in Police Social Media Adaptation“ Polizeien in dreizehn europäischen Staaten befragt hat. Das von der EU geförderte Projekt untersucht den Einsatz von Veränderungsprozessen wie Informations- und Kommunikationstechnologien in Polizeistationen. „Vorteile, die sich herauskristallisiert haben, sind eine bessere Interaktion und ein verbesserter Dialog mit dem Bürger. Zudem wird die Arbeit transparenter, und das Vertrauen wächst. Polizei wird als menschlicher wahrgenommen“, erklärt Dr. Sebastian Denef, COMPOSITE-Projektkoordinator und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Fraunhofer FIT.

Präsent sein, informieren, mitreden

Besonders in Krisenzeiten kann die Polizei von sozialen Medien profitieren, wie die Unruhen in Großbritannien im Sommer 2011 gezeigt haben. „Die Polizei von Manchester hat Twitter genutzt, um mit der Bevölkerung zu kommunizieren und sie zur Mithilfe aufzurufen. Gleichzeitig konnte sie mit Gerüchten und Falschmeldungen aufräumen“, erklärt Dr. Denef. Speziell bei der Ansprache jüngerer Menschen sieht der studierte Media System Designer Facebook und Twitter als unerlässlich an, weil diese Gruppe sich vorwiegend und regelmäßig über diese Informationskanäle informiert. Klassische Medien wie Tageszeitungen oder Fernsehen erreichen sie dagegen nur schwer.

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Dr. Sebastian Denef ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Fraunhofer Institut für angewandte Informationstechnik FIT und Inhaber von denef.design, einem Büro für Mensch-Computer-Interaktionsdesign. Der studierte Media System Designer (FH) ist Expert Consultant beim International Institute for Research Performance Management (IPERF), das untersucht, wie man industrielle Forschungsleistungen messen und managen kann.

Außerdem bieten Social Media eine Möglichkeit, Einfluss auf laufende Diskussionen zu nehmen. Denn über die Arbeit wird ohnehin gesprochen. Dr. Denef formuliert als Faustregel: „Wenn die Polizei nicht selbst Stellung bezieht, füllen andere die Lücke.“ Er verweist z.B. auf eine inoffizielle Berliner Polizeinachrichten-Seite auf Facebook mit über 23.000 Fans.

Interesse ist also vorhanden – vor allem für zuverlässige Informationen. Dementsprechend kommen die Auftritte der Polizei europaweit gut an. Auch in Deutschland erfreuen sich die Angebote, wo es sie gibt, großer Beliebtheit. So können die Rechtsschützer von Hannover stolz auf ihrer Facebook-Seite, verkünden, dass sie 113.049 „Gefällt mir“-Likes haben und 439 Teilnehmer darüber sprechen (Stand: 7. Juni 2013).

Was Kurznachrichten kosten
Ein weiterer positiver Aspekt, den Dr. Denef hervorhebt, sind die niedrigen Infrastrukturkosten, die praktisch gegen null tendieren. Die einzige nötige Investition sei die Arbeitszeit. „Die befragten Polizisten hatten zwar am Anfang ein erhöhtes Arbeitsaufkommen. Sie konnten diese Tätigkeiten aber in ihren Arbeitsalltag integrieren, so dass sie kaum ins Gewicht fielen. Letzten Endes konnten einige Polizeistationen durch ihr Engagement sogar Ressourcen sparen.“ So habe man etwa in Island, wo die Budgets stark gekürzt wurden, Facebook genutzt, um den Kontakt mit den Bürgern aufrecht zu halten.

Decknamen ermitteln auf Facebook

Nicht zuletzt dient Facebook auch als Quelle für kriminalistische Recherchen. Als Beispiel nennt Dr. Denef Suchmeldungen, bei denen Polizisten nicht mehr nur zum Telefonbuch greifen, sondern auch in sozialen Netzwerken recherchieren. In manchen Fällen gehen die Beamten aus Fahndungszwecken auch fiktive Freundschaften ein.

„Für verdeckte Ermittlungen bedarf es aber einer richterlichen Anweisung. Auch soziale Netzwerke sind kein rechtsfreier Raum“, stellt der Wissenschaftler klar. Wie sollen sich Polizisten aber verhalten, wenn keine bundesweiten Richtlinien bereitstehen? „Es setzt sich der Konsens durch, dass die aktuelle Gesetzeslage auf die sozialen Netzwerke übertragen wird“, sagt dazu Dr. Denef. Dennoch ist die Unsicherheit noch groß – nicht nur bei juristischen Fragen.

Fazit: Bewährte Richtlinien neu umsetzen

„Viele Beamte, die noch nicht online aktiv sind, sehen zu viel Transparenz kritisch“, bedauert Denef. Natürlich sei es wichtig, abzuwägen, was veröffentlicht werden könne. Ebenso sei klar, dass Informationen über laufende Ermittlungen auf Facebook nichts zu suchen haben. In der Praxis dürfte das aber kein Problem sein. „Es gibt auch im wirklichen Leben Polizisten, die den Kontakt zur Bevölkerung suchen. Die Polizisten wissen, mit wem sie über welche Dinge sprechen dürfen“, so der Forscher.

Allerdings erfordere das offene Online-Verhältnis ein anderes, neues Selbstverständnis. Gefragt sind Offenheit und die Bereitschaft, die eigene Haltung zu überdenken. Vertrauen müsse eben auf beiden Seiten wachsen.

Nützliche Links

Lesenswert ist der Beitrag von Dr. Axel Henrichs und Jörg Wilhelm: „Global vernetzen – lokal ermitteln. Polizeiliche Herausforderungen durch soziale Netzwerke“, in: Deutsche Polizei (Zeitschrift der Gewerkschaft der Polizei) 10/2010, S. 6–12; das Heft gibt es online als PDF zum Herunterladen. Beim Fraunhofer FIT gibt es neben weiterem Material von Sebastian Denef, Petra S. Bayerl und Nico Kaptein außerdem die (englischsprachige) Arbeit „Social Media and the Police—Tweeting Practices of British Police Forces during the August 2011 Riots“, ebenfalls als PDF zum Download. Schließlich hat COMPOSITE auch eine offzielle Projektsite im Web.