Vertrauen und Sicherheit im Internet

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Ein gutes Drittel ist online-misstrauisch

Von Sabine Philipp

Wenn die Statistik errechnet, wer online ist, kümmert sie wenig, wie unterschiedlich die Internet-Nutzer in Wirklichkeit sind. Genau das interessiert aber das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI), das gemeinsam mit dem Heidelberger SINUS-Institut eine Reihe von Untersuchungen gestartet hat, die diese heterogene Masse in fassbare Gruppen gliedern. Auf dem DATABUND-Forum 2013 in Berlin konnte DIVSI-Direktor Matthias Kammer dem Fachpublikum etliche interessante Ergebnisse vorstellen.

Charakteristisch für die Vorgehensweise des SINUS-Instituts ist die Cluster-Analyse. Die fast sprichwörtlichen SINUS-Milieus als Resultat kennt nahezu jeder, weil sie anschauliche Lebenswelten skizzieren, in denen sich die Untersuchten mit ihren Merkmalen, Gewohnheiten und Einstellungen bewegen („Der typische Nonliner ist 60 Jahre alt, lebt allein, kommt finanziell grade so zurecht und sorgt sich um seine Sicherheit.“) Solche Milieus sind meist für die Werbewirtschaft interessant, die damit die typischen Zielgruppenvertreter optimal ansprechen kann. Tatsächlich zielt auch das DIVSI auf praktische Konsequenzen, nämlich dann, wenn es darum geht, das Vertrauen der mannigfaltigen Internet-Gemeinde zu gewinnen.

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Abgelehnt, gewohnt und selbstverständlich

Auf dem DATABUND-Forum 2013 berichtete DIVSI-Direktor Matthias Kammer von aktuellen und bevorstehenden Studien. Dabei ging er zuerst näher auf die systematische Großuntersuchung der Milieustudie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet vom Februar 2012 ein. Sie identifizierte sieben Internet-Milieus in drei Clustern.

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Digital Outsiders

In das größte Cluster der Digitalen Außenseiter (Digital Outsiders) fallen 39 % der Nutzer; sie sind nicht oder nur wenig mit dem Internet vertraut. Dieses Cluster umfasst einerseits das Milieu der Internet-fernen Verunsicherten (mit einem Volumen von 19,1 Mio. das größte Einzelmilieu), also sowohl die Überforderten Offliner bzw. Internet-Gelegenheitsnutzer, für die ein gesteigertes Bedürfnis nach Schutz und Kontrollmechanismen typisch ist. Andererseits das Milieu der Ordnungsfordernden Internet-Laien, worunter das SINUS-Institut den bürgerlichen Mainstream mit seinem Wunsch nach Ordnung und Verlässlichkeit versteht. In diesen Kreisen von Rentnern und kleinbürgerlichen Traditionshaushalten herrscht allenfalls eine defensive, vorsichtige Internet-Nutzung vor.

Digital Immigrants

Das Cluster der Digitalen Einwanderer (Digital Immigrants, 20 %) besteht dagegen aus Personen, die durchaus im Web unterwegs sind, und zwar regelmäßig, wenn auch selektiv. „Sie sind skeptisch gegenüber vielen Entwicklungen im Internet“, sagt Matthias Kammer, „und haben einen hohen Sensibilisierungsgrad gegenüber Sicherheit und Datenschutz.“ Konkret lassen sich in dieser Gruppe das aufgeklärte Establishment mit Führungsbewusstsein als Milieu der Verantwortungsbedachten Etablierten sowie das Milieu der Postmateriellen Skeptiker identifizieren. Letztere sind zielorientierte Internet-Anwender, die eine kritische Einstellung zu kommerziellen Strukturen und „blinder“ Technikfaszination kennzeichnet.

Digital Natives

Im Lebensgefühl der Digitalen Eingeborenen (Digital Natives, 41 %) wiederum verschmelzen analoges und digitales Leben ineinander. „Die Gruppe der Digital Natives“, sagt Kammer, „ist wenig sensibilisiert für die Themen Datenschutz und Datensicherheit und verfügt nach eigner Selbsteinschätzung über eine hohe Internet-Kompetenz.“ Dieses Cluster umfasst drei Einzelmilieus: die Unbekümmerten Hedonisten (Fun-orientierte Internet-User auf der Suche nach Entertainment und Erlebnis), die Effizienzorientierten Performer (leistungsorientierte Internet-Profis mit ausgeprägter Convenience- und Nutzen-Orientierung) und die Digital Souveränen, also die digitale Avantgarde mit einer ausgeprägten individualistischen Grundhaltung.

Mit Blick auf die Altersverteilung hielt Kammer fest, dass in allen Milieus alle Altersgruppen vertreten sind – auch wenn sich in der Gruppe der Offliner nur wenig junge, dafür aber viele ältere Nutzer befinden. Es gebe jedoch einen deutlich erkennbaren Graben, der die Digital Outsiders und die Digital Natives jeweils von den anderen beiden Clustern trennt. So können sich die Digital Natives, zugespitzt gesagt, nur schwer vorstellen, dass es auch ohne Internet geht. Den Digital Outsiders hingegen ist das Internet insgesamt suspekt.

Bild: © Ludwig Atzberger
Matthias Kammer ist Jurist und Vor­stands­vorsitzender des ISPRAT e.V. Er startete seine Karriere in Hamburg, wo er zuletzt bis September 2002 als Senats­direkter das Amt für Orga­ni­sation und zen­trale Dienste der Ham­burger Ver­waltung leitete. Als Projekt­leiter und dann als Vor­stands­vorsitzender war er zu­nächst für seine Gründung und dann für das Unter­nehmen Dataport ver­antwortlich. Seit November 2011 ist er Direk­tor des gemein­nützigen DIVSI, das sich das Ziel ge­setzt hat, den inter­disziplinären Dialog zwischen Wissen­schaft, Wirt­schaft und Gesell­schaft zu fördern.

DIVSI – Deutsches Institut für Vertrauen und Sicher­heit im Inter­net, Mittel­weg 142, 20148 Hamburg, Tel. 040-226369898, info@divsi.de, www.divsi.de

Jedes Milieu stellt eigene Hürden auf

In jedem Fall wurde deutlich, dass die Voraussetzungen dafür, dass die Nutzer den jeweiligen Diensten und Möglichkeiten im Internet vertrauen, unterschiedlicher kaum sein könnten. Wo das eine Milieu noch zögert, wird das andere bereits ungeduldig. Dabei haben SINUS-Milieus gerade den Vorteil, dass sie typologische Charakterbilder entwerfen, sodass man die einzelnen Gruppen zielgenau ansprechen könnte.

Hierzu warf Matthias Kammer u.a. die praktische Frage auf, was man tun könne, um die Digital Outsiders zu Teilnehmern der digitalen Gesellschaft zu machen. Eine Möglichkeit sei, so Kammer, die Außenseiter durch die moderne App-Entwicklung abzuholen: „Man muss das Gefühl schaffen, dass es eigentlich ganz einfach ist.“ Auf der anderen Seite gebe es das ewige Problem, Sicherheit und Convenience zusammenzubringen:

„Wenn die Nutzer nach dem dritten Klick noch immer nicht bei der Dienstleistung angekommen ist, steigen viele aus. Besonders die Digital Natives werden hier sehr schnell ungeduldig.“

Erschwerend kommt hinzu, dass Grundeinstellung und tatsächliches Verhalten keineswegs deckungsgleich sind. Beispielhaft schilderte Kammer den bei vielen Facebook-Nutzern verbreiteten Widerspruch, dass sie soziale Netzwerke ganz selbstverständlich nutzen, obwohl sie wissen, welche Risiken das Social Web birgt. Im Vergleich dazu haben die sicheren Angebote des öffentlichen Sektors mit einer weit größeren Distanzierung zu kämpfen. Auf die möglichen Ursachen hierfür angesprochen, nannte Kammer den Umstand, dass Nutzer kommunaler Angebote nicht gefragt werden; stattdessen kommen Anwendungen zum Einsatz, deren Nutzen unklar zu sein scheint und die viele nicht für wichtig erachten.

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Entscheider setzen auf Selbstverantwortung

Auf dem 2013er-Forum hatte Matthias Kammer aber noch einen zweiten Packen Ergebnisse im Gepäck: die Entscheiderstudie vom Februar 2013. Diese ebenfalls von DIVSI beauftragte SINUS-Studie interessiert sich dafür, wie Entscheider die digitale Welt sehen. Der augenfälligste Unterschied zur Milieustudie liegt im Anteil der Digital Outsiders, der hier mit 17 % signifikant niedriger liegt. „Das ist damit zu erklären, dass es keine Institution mehr gibt, die ohne IT auskommt“, sagte Kammer. Die Gruppe der Digital Immigrants erreicht 38 %, die der Digital Natives beachtliche 45 %.

Die einzelnen Milieus waren identisch formuliert – mit Ausnahme der Unbekümmerten Hedonisten. Diese benennt die Entscheiderstudie in „Hedonisten“ um. Schließlich, so Kammer, könne diese Personengruppe aufgrund ihrer beruflichen Aufgabenfelder keine gänzlich unbekümmerte Grundhaltung einnehmen.

Einen weiteren großen Unterschied gab es in der Zuweisung der Verantwortung. In der die gesamte Bevölkerung umfassenden Milieustudie sahen 74 % der Befragten in Fragen der Sicherheit den öffentlichen Sektor, die Politik, die Verwaltung und die Wirtschaft in der Pflicht (mit Ausnahme einer kleineren Gruppe, die auf keinen Fall wollte, dass sich überhaupt jemand einmischt). Bei den Entscheidern hingegen wiesen 82 % der Befragten die Verantwortung dem Nutzer zu. Die Einstellung dazu brachte Matthias Kammer mit einem wörtlichen Zitat eines Befragten auf den Punkt: „Wenn Sie betrunken mit dem Auto gegen eine Laterne fahren, können sie auch nicht sagen: Entschuldigung, ich bin doch nur ein Endnutzer von Opel.“

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