Finetrading, Teil 1

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Schwungrad für den Produktionszyklus

Von Michael J.M. Lang

In vielen Märkten ist mehr drin. Diese Marktchancen könnten Handwerk und Mittelstand regelmäßig nutzen – wenn die liquiden Mittel für Einkauf und die Produktion da wären. Ohne die bleibt das Lager leer. Wenn sich die Bank dann beim Kredit für den Einkauf stur stellt, hilft nur noch eine Einkaufsvorfinanzierung. Eine pfiffige Variante ist Finetrading.

Der klassische Wareneinkauf eines Unternehmens beginnt mit der Bestellung von Rohstoffen und Vorprodukten beim Lieferanten. Bei Lieferung schickt der Lieferant zugleich eine Rechnung, für dessen Bezahlung er dem Unternehmen je nach Vereinbarung ein Zahlungsziel, z.B. von 30 oder 60 Tagen einräumt (Lieferantenkredit).

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Da der Lieferant an einer zeitnahen Bezahlung der Rechnung interessiert ist, wird dem schnellen Zahler üblicherweise ein Preisnachlass gewährt. Das so genannte Skonto liegt bei 2 bis 3 % bei Zahlung innerhalb von sieben bis 14 Tagen.

In der Zwickmühle der Mittelbindung

Damit ein Unternehmen von diesem Einsparpotenzial profitieren kann, muss es jedoch kurzfristig über ausreichende Liquidität verfügen.

Rechenbeispiel: Skontoverfall
Die Auswirkungen lassen sich am besten mit einem einfachen Rechenbeispiel zeigen, mit Einkaufskonditionen, die in der Praxis durchaus üblich sind: Angenommen, der Kunde erhält ein Zahlungsziel von 30 Tagen, jedoch 3 % Skonto bei Zahlung binnen zehn Tagen. Der Kunde nutzt den vollen Zahlungszeitraum und zahlt jeweils am 30. Tag. Das bedeutet, dass diese 20 Tage den Käufer 3 % kosten. Rechnet man diesen Satz auf das Jahr hoch, ergibt sich ein effektiver Jahreszins in Höhe von nahezu 56 %, den der Käufer zu tragen hat.

Das Problem: Die ist häufig nicht vorhanden bzw. die Mittel sind in kurz- bis mittelfristigen Anlagen oder noch ausstehenden Forderungen gebunden. Dies bestätigt unter anderem eine von Siemens Financial Services durchgeführte Studie, die zugleich den Anstoß für das Finetrading-Konzept eines Münchner Dienstleisters, der WCF Finetrading gegeben hat. So sind 60 % der mittelständischen Unternehmen nicht in der Lage, die von den Lieferanten angebotenen Skonti zu nutzen.

Daher lohnt es sich gerade für diese Unternehmen, auf eine weitere Finanzierungsalternative zurückzugreifen, um das Skonto beanspruchen zu können. Für eine potenzielle Kreditvergabe benötigt die Bank jedoch umfangreiche Informationen, die individuell ausgewertet werden und anhand derer die Kreditwürdigkeit des Unternehmens bestimmt wird. Erschwerend wirkt in diesem Zusammenhang noch die Tatsache, dass Banken die Zinsen mit steigendem Risiko erhöhen und zusätzlich entsprechende Sicherheiten hinterlegt sein müssen.

Serie: Finetrading

  • Teil 1 erklärt, wie Waren­einkaufs­finanzierung zu­sätz­liche Liqui­dität generiert.
  • Teil 2 rechnet Kon­ditio­nen und Limits durch.
  • Teil 3 prüft, wann und für wen Fine­trading Früchte trägt.

Kann ein Unternehmen von seiner Bank – aus welchen Gründen auch immer – nur schwer weiteres Kapital erhalten, ist eine Wareneinkaufsfinanzierung eine mögliche Alternative, um zusätzliche Liquidität für weiteres Wachstum zu gewinnen. Exakt dafür ist das Konzept Finetrading gedacht.

Der Kerngedanke des Finetrading-Konzepts besteht darin, durch eine Vorfinanzierung Lieferantenrechnungen umgehend zu begleichen, dadurch den Skonto zu erhalten und mit diesem Betrag wiederum die Kosten der Vorfinanzierung – je nach Dauer der Vorfinanzierung teilweise oder ganz – abzudecken. Unterm Strich entsteht so zusätzliche Liquidität.

Schnellhandel in der Dreiecksbeziehung

Wendet sich ein Unternehmen auf der Suche nach einem Finanzierer an den Finetrader, wird ihm dieser nach erfolgreicher, interner Bonitätsprüfung ein so genanntes Finetrading-Limit gewähren. Das Unternehmen selbst benötigt keine eigenen Sicherheiten.

Die jeweiligen Vertragskonditionen vereinbart der Kunde weiterhin – wie gewohnt – direkt mit seinen Lieferanten. Als unabhängiger Zwischenhändler bestellt nun aber der Finetrader im Auftrag des Kunden, aber auf eigene Rechnung die gewünschte Ware beim Lieferanten. Der Finetrader tritt dabei lediglich als Intermediär auf, der durch pünktliches und zuverlässiges Zahlungsverhalten die Einkaufskonditionen im Sinne des Kunden verbessert.

Nach Vertragsschluss erfolgt die Lieferung der vereinbarten Ware direkt an den Kunden, um dessen Produktionsablauf nicht unnötig zu verzögern. Bei ordnungsgemäßem Eingang der Ware informiert der Kunde den Finetrader, woraufhin dieser die Rechnung des Lieferanten begleicht. Das erfolgt innerhalb der Skontofrist, also unter Abzug des vom Lieferanten gewährten Skontos.

Die WCF Finetrading AG räumt ab dem Zeitpunkt der Bezahlung des Lieferanten ihrem Kunden ein flexibles, verlängertes Zahlungsziel von bis zu 120 Tagen ein. Der Rückführungszeitpunkt, an dem der Kunde seine Verbindlichkeit innerhalb dieses Zeitraums begleicht, obliegt vollständig dem Kunden. (Die Konditionen für Zahlungsziele, Abrechnungsmodalitäten und Zinsen bzw. Gebühren differieren je nach Finanzdienstleister. Als Beispiele dienen hier wie im Folgenden die Konditionen des Finetraders WCF Finetrading AG als dem derzeit wichtigsten Dienstleister in diesem Bereich.)

WCF unter vier Augen
„Unsere Geschäftsidee schlug ein, weil ein großer Bedarf nach einer solchen Dienstleistung bestand“, sagt WCF-Vorstand Thomas Vinnen im Interview mit dem MittelstandsWiki. Die WCF Finetrading AG mit Hauptsitz in München und einer weiteren Niederlassung in Stuttgart ist der derzeit wichtigste Anbieter von Wareneinkaufsfinanzierung.

Durchsatz für Abnehmer und Lieferanten

Da die vereinbarte Ware direkt an den Kunden geliefert wird, können Verzögerungen im Produktionsprozess gezielt vermieden werden. Dies ermöglicht dem Kunden (trotz des vertraglichen Eigentumsvorbehaltes der WCF Finetrading), unverzüglich mit Weiterverarbeitung und -verkauf zu beginnen und dadurch zusätzliche Liquidität zu erhalten, die für ein weiteres Wachstum des Unternehmens unerlässlich ist.

Ein weiterer Vorteil für den Kunden besteht darin, dass er den Zahlungszeitpunkt innerhalb der Frist selbst bestimmen kann und somit finanziellen Spielraum in seiner Liquiditätsplanung gewinnt. Sollten dessen eigene Kunden ihre Forderungen erst zu einem späteren Zeitpunkt zurückführen, so kann er den vollen Zahlungszeitraum ausnutzen und somit einem kurzfristigen Liquiditätsengpass ausweichen.

Aus Sicht des Lieferanten stellt Finetrading ebenfalls eine Win-Win-Situation dar. Er erhält binnen weniger Tage den vereinbarten Rechnungsbetrag abzüglich Skonto. Die Einnahmen können gezielt dafür verwendet werden, Verbindlichkeiten an vorhergehende Lieferanten zurückzuführen bzw. in weitere, Gewinn bringende Maßnahmen, darunter z.B. Wachstumsmaßnahmen zu investieren. Der Skontoabschlag stellt für den Lieferanten generell kein Problem dar, da er in der Regel bereits im Vorfeld einkalkuliert ist und daher eine ausreichende Gewinnmarge bei schneller Zahlung erhalten bleibt.

Welche Kosten dabei entstehen und wie die Inanspruchnahme des Finetrading-Limits genau aussieht, zeigt Teil 2 dieser Serie.

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