T-City Friedrichshafen

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Über Smart Cities entscheiden Smart Citizens

Von Dr. rer. nat. Jürgen Kaack, STZ-Consulting Group

Eine solide Breitband-Infrastruktur ist die Basis von Smart Cities. Smart-City-Anwendungen laufen über Internet-Zugänge und je nach Anwendung werden z.T. schnelle Anschlüsse benötigt. Glasfaserhausanschlüsse gelten dabei zu Recht als Inbegriff einer nachhaltigen Telekommunikationsinfrastruktur. Zunehmend mehr Kommunen, Kreise und Stadtwerke beschäftigen sich daher mit Konzepten für einen Netzausbau. Der Aufwand ist nicht unerheblich, da für einen Glasfaseranschluss zunächst eine Verbindung zwischen dem Netzknoten und der Hauswand hergestellt werden muss. Üblicherweise müssen hierfür dünne Leerrohre, sogenannte Microducts, unterhalb der Bürgersteige verlegt werden.

Unter wirtschaftlichen Aspekten lohnen sich diese Investitionen, wenn sich ein möglichst hoher Teil der Bevölkerung für die Nutzung des neuen Anschlusses entscheidet. Welche Quote dabei erzielt werden muss, hängt von den jeweiligen Voraussetzungen und den Zielen des verlegenden Unternehmens ab. Sie wird aber in den meisten Fällen zwischen 30 und 60 % liegen.

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Was den Wechsel zum neuen Anschluss allerdings erschwert, ist zum einen das Beharrungsvermögen der Nutzer beim bisherigen Provider (Anbieterloyalität) sowie zum anderen der mangelnde Bedarf bzw. der nicht erkannte Bedarf an höheren Geschwindigkeiten. Schon mit 6 MBit/s kann man schließlich Standardanwendungen im Internet erledigen. Mit 25 MBit/s kann man HD-Fernsehprogramme empfangen. Wenn nicht mehrere Nutzer gleichzeitig volumenintensive Anwendungen ausführen, reichen 50 MBit/s noch über längere Zeit aus.

Anwendungen auf offener Plattform

Neben Standardanwendungen wie Telefonie, Internet und Fernsehen (Triple Play) ermöglicht ein offenes NGA-Netz die Realisierung von „kleineren“ und regional begrenzt interessanten Breitbandanwendungen. Dabei können Unternehmen, Organisationen und Vereine eigene Anwendungen als Dienste realisieren und über die Diensteplattform dem Nutzer zur Verfügung stellen.

Es gibt hier kaum Grenzen, die Möglichkeiten reichen von Online-Diensten für Kultur- und Sportvereine und lokalen Fernsehsendern mit Beiträgen über Vorgänge, die keinen Eingang in überregionale Sender finden, über Transparenzangebote der Verwaltung, Mitmachvorhaben der Kommunalpolitik (E-Partizipation) oder Bildungsangebote der Schule bis hin zu rein kommerziellen Cloud-Computing-Diensten. Älteren und pflegebedürftigen Menschen ermöglicht der Einsatz medizinischer Unterstützung und Überwachung (E-Health) länger ein selbstbestimmtes Leben.

Im Bereich der Wohnungswirtschaft z.B. schaffen vernetzte Hausautomationslösungen (Smart Home) eine höhere Attraktivität für die Mietobjekte, Video- und Sensorüberwachung erhöhen die Sicherheit und mit Überwachung und Steuerung von elektrischen Verbrauchern lässt sich der Strombedarf reduzieren. Mithilfe einer intelligenten Steuerung von lokalen Energieverbrauchern und -erzeugern lässt sich der Stromzukauf und -transport minimieren (Smart Grid). Für Stadtwerke entstehen so neue technische Möglichkeiten zur effizienten Netzsteuerung.

Neben den kommerziell ausgerichteten Angeboten ermöglicht ein offenes Breitbandnetz auch die Umsetzung von Anwendungen, die überwiegend aus bürgerschaftlichem Engagement oder ehrenamtlich geprägt sind. Damit sich diese Initiativen bilden können, bedarf es unter Umständen einer Unterstützung und Koordination durch den Kreis oder die Kommune. Gemeinsam mit dem Netzbetreiber müssen die technischen Voraussetzungen und Anbindungen geschaffen werden. Neben der Koordination durch die öffentliche Verwaltung sollte eine Überwachung der Angebote erfolgen, damit man nicht illegalen Aktivitäten oder verfassungsfeindlichen Organisationen eine Plattform bietet. Insbesondere diese Kontrollfunktion kann in Zukunft eine besondere Herausforderung für offene Glasfasernetze darstellen. Mit – laut (N)Onlineratlas – knapp 80 % Internet-Nutzern in der Bevölkerung ist auf jeden Fall eine ausreichend breite Basis für die Nutzung von Smart-City-Anwendungen vorhanden.

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Die STZ-Consulting Group ist eine Unternehmens­beratung, die Unternehmen und Kommunen bei der Bewältigung von Veränderungs­prozessen unterstützt, von der Entwicklung trag­fähiger Konzepte bis zur Um­setzung. Die Partner der STZ-Consulting Group haben lang­jährige Erfah­rungen aus eigener operativer Führungs­tätigkeit in Unter­nehmen, aus der Gründung und dem Aufbau von Unter­nehmen sowie in der Beratung. Ein Branchen­schwerpunkt liegt in der Tele­kommunikation.

Dr. Jürgen Kaack – STZ-Consulting Group, Kolibristr. 37, 50374 Erftstadt, Tel. 02235-988776, info@stz-consulting.de, www.stz-consulting.de.

Erkenntnisse aus dem T-City-Projekt

Ein Beispiel für die Erprobung unterschiedlicher Breitbandanwendungen in einer Kommune ist das T-City-Projekt in Friedrichshafen. Anhand der dort gewonnenen Erkenntnisse können andere Kommunen ihre eigenen Smart-City-Aktivitäten gestalten.

Das bislang größte Innovationsprojekt für Breitbandanwendungen wurde Anfang 2007 nach einem großen Wettbewerb zahlreicher Städte an Friedrichshafen vergeben und mit einer Laufzeit von fünf Jahren gestartet. Die Stadt erhielt nicht nur einen weitgehend flächendeckenden Ausbau mit Breitband nach dem immer noch aktuellen VDSL-Standard, sondern darüber hinaus auch ein Budget für die Umsetzung von innovativen Breitbandanwendungen in allen Lebensbereichen. Eine Voraussetzung für die Auswahl von Projekten war das gemeinsame Interesse von beiden Projektpartnern (Deutsche Telekom und Stadt Friedrichshafen) sowie die Einbindung eines Projektpartners aus der Region.

Im Februar 2012 ging die fünfjährige Projektlaufzeit zu Ende. Zwischen der Stadt und der Deutschen Telekom wurde eine Verlängerung über das offizielle Ende hinaus vereinbart, um einzelne Projektfelder weiter zu vertiefen.

Die Bewertung eines Projektes dieser Größenordnung wird je nach Perspektive immer subjektiv ausfallen und so ist auch die nachfolgende Einordnung subjektiv geprägt.

Als Innovationsprojekt ist T-City in beachtlichem Maße erfolgreich. Während der Laufzeit konnte die Deutsche Telekom gemeinsam mit unterschiedlichen Partnern in der Stadt Friedrichshafen über 40 Vorhaben planen und umsetzen. Unter Berücksichtigung der Breite der fünf Innovationsfelder und der Komplexität der Vorhaben von Gesundheits- über Bildungs-, Verwaltungs-, Wirtschafts- bis zu Verkehrsthemen konnte eine funktionierende Zusammenarbeit mit vielen Partnern etabliert werden.

Um eine Erfahrung reicher
Für das Projektmanagement stellt diese Breite an Themen und Partnern eine Herausforderung dar. Im Nachhinein hätte man das Projektmanagement vermutlich vereinfachen können, wenn es eine integrierte Projektorganisation von Stadt und Deutscher Telekom gegeben hätte, anstatt zweier organisatorisch getrennter Projektbüros mit einer manchmal komplizierten Entscheidungs- und Abstimmungsstruktur. Zudem finden sich im Gemeinwesen einer Stadt nicht für alle der bearbeiteten Themen formale Zuständigkeiten. Die Überwindung der meisten operativen Erschwernisse kann als eine weitere Erfolgskomponente verbucht werden.

Nicht auf allen Projektfeldern ließen sich trotz großem Engagement der Partner Erfolge erzielen, da eine Umsetzung von einigen Themen mit Partnern aus der Stadt nur begrenzt möglich ist. Dies gilt z.B. für den Bereich der schulischen Bildung, für die das Land erster Ansprechpartner ist, aber auch für Projekte im Gesundheitswesen, die erst Eingang in den Leistungskatalog der Krankenkassen finden müssen. Obwohl einige Projekte die Testphase nicht überlebt haben (was für ein mutiges Innovationsprojekt nicht ungewöhnlich ist) ist die Bilanz der erfolgreichen Einzelprojekte beeindruckend.

Die Smart City braucht Organisation

Eines ist der Mehrzahl der Projekte allerdings gemeinsam: Sie strahlen kaum aus auf die anderen Projektfelder oder gar auf das Gemeinwesen der Stadt. Tatsächlich hätten die meisten Projekte in völlig getrennten Kommunen realisiert werden können. Innovationsgrad und Nutzen werden sicher bei der Mehrzahl der Projekte (wie z.B. Smart Grid, Smart Metering, Tumorkonferenz, die mobile Visite, das Bürgertelefon D115, die Prozessoptimierung in der Verwaltung) noch eine nachhaltige Wirkung entfalten. Der hohe Aufwand der projektbegleitend durchgeführten Informationsveranstaltungen und Zielgruppenmaßnahmen ist dagegen nur bedingt erfolgreich gewesen. Von den Letzteren hat nur das während der Projektlaufzeit geschaffene Senioren-Internet-Helfer-Netzwerk das Potenzial, sich über das Projektende hinaus zu verselbstständigen. Längerfristige Wirkung werden wohl auch die in allen Schulklassen durchgeführten Medienkompetenzseminare entfalten.

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Thema: Breitbandausbau:
Dr. Jürgen Kaack hat eine Reihe von Projekten als Berater begleitet. Einige aus der Region Nordrhein-Westfalen stellt er ausführlicher als Best-Practice-Beispiele vor: Arnsberg, Ennepetal, Erftstadt, Erkelenz und Wegberg sowie die Lage im gesamten Kreis Heinsberg, ferner Geilenkirchen, Haltern am See, Kaarst, Nettetal und Rheurdt. Außerdem berichtet er von der T-City Friedrichshafen, erläutert die möglichen Geschäftsmodelle im kommunalen Breitbandausbau sowie die Optionen der NGA-Rahmenregelung und setzt auseinander, wo Vectoring seine Haken hat. Nicht zuletzt skizziert er die Prinzipien einer Breitbandstrategie NRW und macht handfeste Vorschläge für eine umfassende Breitbandstrategie. Seine gesammelten Erfahrungen sind 2016 in der Reihe MittelstandsWiki bei Books on Demand erschienen: „Schnelles Internet in Deutschland“ (Paperback, 220 Seiten, ISBN 978-3-946487-00-5, 9,99 Euro).

Einen umfassenden Erfolg verhindert nicht zuletzt der „Konstruktionsfehler“, dass das Projekt zu Beginn nicht auf einer Bewegung in der Bevölkerung aufzusetzen konnte. Auch ist es nicht gelungen, dass das Projekt von der Bevölkerung für die Stadt mit eigenen Initiativen und Projektideen „übernommen“ wurde. Einzelne technische Lösungen schaffen selbst bei hohem Innovationsgrad nur für begrenzte Zielgruppen einen Nutzen. Um eine breite Bewegung zu begründen, scheint mehr erforderlich als die Summe begrenzter Einzelnutzen.

Zusätzlich hat die Mutmaßung der Bevölkerung, sie habe es mit einer Werbe- oder gar Verkaufskampagne der Telekom zu tun, die Projektwahrnehmung behindert. Auch der durchgehend technische Ansatz hat den Fokus eingeengt. Für das Gelingen eines umfassenden Smart-City-Projektes hätte es vielleicht neben der Deutschen Telekom weiterer Projektträger ohne oder mit anderem Technikansatz bedurft.

Fazit: Bürger-Engagement macht es besser

Bürgerbeteiligungsprojekte (klassisch oder online) als vorlaufende und begleitende Maßnahmen hätten vielleicht die erforderliche „Bewegung“ in der Bevölkerung geschaffen. Dabei sollte man E-Partizipation nicht mit komplexen und vorbelasteten Themen wie dem städtischen Haushalt beginnen und zudem regelmäßig „üben“. Wenn die Themen für eine ausreichende Zahl von Bürgern relevant sind und die Ergebnisse bei der anschließenden Entscheidungsfindung für die Umsetzung Berücksichtigung finden, ergeben sich häufig viel versprechende Ansätze.

Leider konnte während der Projektlaufzeit in Friedrichshafen kein E-Partizipationsprojekt aufgesetzt werden – vermutlich weil Politik und Verwaltung Befürchtungen bezüglich möglicher Forderungen und Wünsche der Bürger hatten und sich für die Durchführung organisatorisch noch nicht aufgestellt wähnten. Dabei könnte man die Durchführung gerade durch moderne Kommunikationstechnik effizient und transparent gestalten. Als Ergebnisse stünden Ideen für Innovationsvorhaben, die die Chance auf eine bessere Breitenwirkung und Strahlkraft haben. Es wäre es wert, einen neuen Versuch zu wagen und die Erkenntnisse aus dem T-City-Projekt für ein neues Smart-City-Vorhaben zu nutzen!

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