Green-IT-Berufe

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Alles im grünen Bereich

© mikebause – Fotolia

Von David Schahinian

„Die Digitalisierung läuft auf Hochtouren, grundlegende Veränderungen bleiben aber aus. Das bezieht sich nicht auf die Technologie, sondern auf die Organisationsstrukturen.“ So steht es in der Studie IT-Trends 2017 des Beratungsunternehmens Capgemini. Ähnliches lässt sich über Green IT sagen. Darunter versteht das Bundesumweltministerium sämtliche Aktivitäten des umweltschonenden Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechnik (ITK) sowie der Nutzung von ITK zur Umweltschonung. Und weiter: „Dies umfasst den gesamten Lebensweg von IKT-Produkten und neben dem Energieverbrauch auch andere Umweltwirkungen, wie zum Beispiel den Verbrauch umweltrelevanter Rohstoffe.“

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Das Thema ist präsent, hat aber ein wenig von seiner Strahlkraft verloren. In der Liste der Technologien, die 2017 in Unternehmen implementiert werden sollen oder deren Umsetzung zumindest geplant ist, stehen viele andere weiter oben: Predictive Analytics, Applikationsportfoliorationalisierung und Multi-Device-Support, antworteten jeweils mehr als die Hälfte der 124 von Capgemini befragten Führungskräfte. Lediglich 24,8 % beschäftigen sich dagegen derzeit aktiv mit Green-IT-Maßnahmen. Etwas anders sieht es bei der Nutzungsquote aus, die bei 36,8 % liegt. Die Analysten stufen Green IT damit als „sich etablierende Technologie“ ein.

Nun könnte man argumentieren, dass Rechner in den letzten Jahren generell effizienter und sparsamer geworden sind. Trotzdem ist das Einsparpotenzial immer noch hoch. Einer Studie von Accenture zufolge könnte die IT-Branche im Jahr 2030 bis zu 288.000.000 t Treibhausgasemissionen einsparen. Zu den wirtschaftlichen Vorteilen, die sich kaum auf Heller und Pfennig genau prognostizieren lassen werden, kommt auf jeden Fall die moralische Rendite: der Schutz und die Erhaltung der Umwelt.

Green-IT-Rollenprofile

IT-Berufe mit explizit grünem Schwerpunkt sind indes noch Mangelware. Den weitreichenden Versuch einer Standardisierung wagte das europäische Projekt Green IT node (GRIN-CH), dessen Seiten unter www.e-jobs-observatory.eu leider bereits offline sind. Das Projekt befasste sich nach Angaben des deutschen Projektpartners Euproma mit dem Mangel an qualifizierten Fachkräften in diesem Bereich: „Dieser kommt aufgrund der Neuartigkeit des Berufsbildes zustande.“ Die insgesamt sieben Teilnehmer analysierten die Marktanforderungen für das Berufsfeld und definierten Qualifikationen und Profile. Zudem erstellten sie Trainingsguidelines für Bildungsträger, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Herausgekommen sind fünf Rollenprofile:

  • Green IT Software Engineer (IKT-Software-Ingenieur für Nachhaltigkeit),
  • Green IT Infrastructure and Operations Expert (IKT-Infrastruktur- und Betriebsexperte für Nachhaltigkeit),
  • Green IT Auditor (IKT-Prüfer für Nachhaltigkeit),
  • Green IT Consultant (IKT-Berater für Nachhaltigkeit) und
  • Green IT Ambassador (IKT-Interessenvertreter für Nachhaltigkeit).

Neben den Alleinstellungsmerkmalen und der Relevanz des Rollenprofils werden auch die Verantwortlichkeiten und Hauptaufgaben der jeweiligen Berufsbilder sowie Arbeitsumgebung und Leistungskennzahlen dargestellt. Konkret zählen beispielsweise zum Tätigkeitsfeld des IKT-Infrastruktur- und -Betriebsexperten die Unterstützung des IT-Einkaufs beim Erwerb von nachhaltigen Technologien, die Optimierung von Datenzentralen, die Überwachung des Energieverbrauchs sowie die Evaluierung des Kapazitätsmanagements.

Atypischer Arbeitsmarkt

Allein, die Rollenbilder haben sich (noch) nicht flächendeckend durchgesetzt, obwohl sie bereits seit 2013 existieren. Trotzdem sind vor allem die Trainingsunterlagen sowohl für Unternehmen als auch für Arbeitnehmer, die eine Karriere in Green IT anstreben, hilfreich. Sie liefern Anregungen und Unterstützung für Personaler, die Inhouse-Trainingsmodule entwickeln oder entsprechende Mitarbeiter rekrutieren wollen. Beschäftigte können sich über die Bandbreite der benötigten Qualifikationen informieren und gegebenenfalls eigenen Schulungsbedarf identifizieren.

Der Arbeitsmarkt für nachhaltige IKT-Jobs sei aufgrund mehrerer Aspekte „völlig atypisch“, schreiben die Experten. Zum einen, weil er schneller wachse, als Fachkräfte ausgebildet werden können. Zum anderen, weil die meisten der Profis auf diesem Gebiet in verschiedenen Bereichen geschult wurden und ihre Kompetenzen aufgrund spezifischer Kurse, beruflicher Erfahrung oder persönlicher Weiterbildung entwickelt haben. „Fachkräfte, die einen Sustainable ICT-Job haben wollen, müssen in der Lage sein, ihre Kompetenzen effektiv zu zeigen“, heißt es bei den Projektpartnern weiter. Insbesondere müssten sie demonstrieren, was sie durch Ausbildung oder Berufserfahrung gelernt haben und wie sie ihr Wissen und ihre Fertigkeiten im Unternehmen gezielt einsetzen und damit ihre Effizienz beweisen können.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Magazin­reihe „IT & Karriere“ erschienen. Einen Über­blick mit Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften be­kommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Nicht zuletzt entscheidet auch die Ernsthaftigkeit, mit der das Thema im Unternehmen angegangen wird, über die berufliche Praxis. Die Personalvermittlung Acre Resources aus Großbritannien unterscheidet dabei zwischen „Dark Green Jobs“ und „Pale Green Jobs“. Dark Green Jobs sind für Fachkräfte, die insbesondere wegen ihrer Kenntnisse über Nachhaltigkeit, die Umwelt oder den Klimawandel eingestellt werden. Die Positionen sind meist sehr spezialisiert, aber dafür umso wichtiger. Pale Green Jobs dagegen stehen zwar im Zusammenhang mit ökologischen Themen, gefragt sind aber auch und vor allem Kompetenzen auf anderen Gebieten – etwa als Anwalt, der sich auf umweltpolitische Themen fokussiert hat.

Kein Königsweg

Welchen Weg man einschlägt, hängt aufgrund der fehlenden formalen Standardisierung entsprechender Ausbildungen somit auch erheblich mit dem eigenen Erwartungshorizont und der Eigeninitiative zusammen. Um sich einen Überblick zu verschaffen, welche Qualifikationen gefragt sind, eignen sich unter anderem Stellenbörsen, die sich auf „grüne“ Jobs spezialisiert haben. Über Jobverde.de etwa sind Ausschreibungen von grünen und nachhaltigen Arbeitgebern zu finden; greenjobs.de hat sich auf Umweltfachkräfte spezialisiert; nachhaltigejobs.de bedient die Bereiche CSR, NGO und Umwelt.

Darüber hinaus bietet die Fokusstudie Green IT im Rahmen des IT-Mittelstandsindexes von techconsult Anhaltspunkte zu ökologischen Themen, mit denen sich Arbeitgeber aktuell beschäftigen. Entsprechende Stellen stehen oft sowohl IT-Profis, die sich im ökologischen Bereich weiterbilden, als auch Umweltexperten, die sich stärker in Richtung IT orientieren wollen, offen. Angestellte finden in der Studie Anhaltspunkte für Weiterbildungen, wenn sie sich stärker im nachhaltigen Bereich profilieren wollen. Was die IT-Infrastruktur betrifft, spielten 2015 demnach unter anderem die Server- sowie Desktop-Virtualisierung, die Lebenszyklusbetrachtung sowie die Nutzung mobiler Geräte und von Thin Clients eine große Rolle. An allgemeinen Maßnahmen in Bezug auf Energieeffizienz und Nachhaltigkeit standen die Beleuchtung, der Einsatz von grünen Produkten, Ökolabels sowie effektive Stromversorgungs- und Kühlsysteme ganz oben auf der Agenda.

Interdisziplinarität ist gefragt

Daraus ergeben sich einige Kompetenzen, die einer Karriere im Green-IT-Bereich förderlich sein können. Kenntnisse im ökologischen Einkauf von IT-Ausstattung (Green Procurement) helfen Unternehmen dabei, eine energieeffiziente Infrastruktur aufzubauen. Know-how in der Virtualisierung jedweder Art ist bereits heute stark nachgefragt und wird es aller Voraussicht nach auch künftig sein. Software as a Service und die Arbeit mit Cloud-basierten Anwendungen können ebenfalls helfen, die Energiebilanz eines Unternehmens aufzubessern.

Das macht aber auch deutlich, wo Konfliktstoff liegt: Green IT betrifft alle Unternehmensbereiche über Abteilungsgrenzen hinweg. Eine umfassende Strategie des ökologischen Handelns gibt es jedoch in vielen Betrieben nicht, und wenn doch, ist sie oftmals nicht eng genug mit der IT verknüpft. Ein Verantwortlicher, der in Personalunion für alle Aspekte des Umweltschutzes verantwortlich zeichnet und als Schnittstelle fungieren könnte, ist in vielen Unternehmen nicht benannt.

Soft Skills bringen Vorteile

Der Einstieg ist in nahezu allen Bereichen möglich, da sich ökologische Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette umsetzen lassen. Eine große Rolle spielt zum Beispiel ein schonender Umgang mit Ressourcen. Auch wenn Computer immer effizienter arbeiten, ihre Zahl steigt ebenso wie die der vernetzten Geräte. Laut FAZ verbrauchen allein die Rechenzentren in Frankfurt am Main mittlerweile mehr Strom als der dortige Flughafen. Mit weiteren Steigerungen ist zu rechnen. Andere Ansatzpunkte sind die Herstellung oder Anschaffung ressourcenschonender IT, die Programmierung von Maschinen, die möglichst energieeffizient arbeiten, oder neue gesetzliche Vorschriften und Richtlinien, die zu mehr Nachhaltigkeit zwingen. Auch das gehört zu Green IT: Viele werden den Disclaimer kennen, der sich am Ende vieler E-Mails befindet, und dazu auffordert, sie nicht auszudrucken, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Hier sind weniger Coder-Fähigkeiten gefragt, sondern die Schaffung eines Bewusstseins für solche Probleme.

Kein Wunder also, dass Soft Skills in der Green IT als besonders wichtig angesehen werden. Auch heute noch erkennt nicht jeder Unternehmenslenker den Sinn in der Umsetzung nachhaltiger Maßnahmen – zumal, wenn sie auch noch einen finanziellen Einsatz verlangen. Hier können Argumente helfen, die den ökonomischen Nutzen der ökologischen Handlungsweise herausstellen, etwa der Imagegewinn als Unternehmen und Arbeitgeber oder der Mehrwert für das Marketing, das die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verantwortung herausstellen kann. Zu den wichtigsten persönlichen, sozialen und methodischen Kompetenzen in diesem Zusammenhang zählt die Projektgruppe GRIN-CH lebenslanges Lernen, Kommunikations- und Problemlösungsfähigkeit, Konfliktbewältigung, Beeinflussung des Wandels, Kreativität, Anpassungsvermögen sowie Teamfähigkeit.

Nichtsdestotrotz steht das Thema Green IT bei vielen auf der Prioritätenliste unter „ferner liefen“. Dazu mag beitragen, dass es aufgrund seiner Vielfältigkeit diffus wirken kann – und der richtige Ansatzpunkt zum Einstieg fehlt. Auch das kann eine Chance für ökologisch orientierte Macher sein. Eine Studie der Deutschen Bank hat gezeigt, dass der Impuls für Green-IT-Projekte meist lediglich von einer oder zwei Stellen im Unternehmen ausgeht.

Mein Traumjob mit gutem Gewissen

Solange feste Ausbildungswege und Studiengänge, die konkretes IT-Wissen unter dem Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit vermitteln, noch Mangelware sind, müssen sich Umweltbewusste oftmals ihren eigenen Weg zum grünen Traumjob suchen. Auch in der derzeitigen Marktphase, in der Unternehmen mit vielen anderen, vermeintlich wichtigeren Themen beschäftigt sind, kann es allerdings nicht schaden, Vorteile und Kompetenzen in gute Argumente verpacken zu können. Strom zu sparen, Ressourcen zu schonen, clevere und effiziente IT zu entwickeln oder zu implementieren – darauf werden Unternehmen auch in Zukunft nicht verzichten können.

Der erste Hype ist zwar vorbei, doch das Thema ist nach wie vor präsent. Meist ist das ein gutes Zeichen dafür, dass sich Unternehmen langfristig damit auseinandersetzen. Zumindest gibt es schon Anzeichen dafür, dass ökologisches Denken wieder stärker in den Vordergrund rückt. So kündigte beispielsweise Google im Dezember 2016 an, alle seine Datenzentren und Büros von diesem Jahr an zu 100 % mit Ökostrom zu betreiben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein neuer Boom auch wieder jungen Gründern und Risikokapitalgebern mehr Mut gibt, Green IT mit Innovationen voranzubringen – innerhalb und außerhalb von Unternehmen.

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