Lücken im IT-Lebenslauf

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Auszeiten für Durchstarter

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Von David Schahinian

Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Was sich schon in der DDR als fatal erwies, gilt auch für das eigene Leben nicht. So gut wie jeder kennt Phasen, in denen Rückschläge zu verkraften sind, der Berufsweg plötzlich keine ausgebaute Straße mehr ist, sondern ein Trampelpfad mit vielen Abzweigungen. Oder die privaten Ziele einfach wichtiger sind als die Karriere. Lücken im Lebenslauf, Auszeiten oder Rückstufungen galten früher als Makel. Arbeitgeber und Personaler sahen sie in der Regel nicht gern, und solange sie viele Bewerber zur Auswahl hatten, konnten sie solche Kandidaten leicht aussortieren. Bei den Betroffenen können Karriereknicks am Selbstbewusstsein nagen. Bei Auszeiten, ob selbstgewählt oder nicht, besteht außerdem das Risiko, beim Wiedereinstieg „zurück auf Los“ gehen zu müssen.

Heute ist das, zumal im Berufsfeld IT, anders. Allein im vergangenen Jahr wurden laut einer Bitkom-Studie 43.000 Spezialisten gesucht. Das Know-how ist begehrt, nicht nur in der eigenen Branche. Das wissen die Fachkräfte, die es sich zunehmend erlauben – und leisten – können, längere Pausen zwischen Projekten einzulegen und über den Tellerrand zu schauen. Hinzu kommt, dass klassische Karrieren bei einem einzigen lebenslangen Arbeitgeber heute wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten scheinen. Selbstbewusstsein ist also angebracht, Selbstüberschätzung nicht: Ein ungerade verlaufener Berufsweg muss nach wie vor gut erklärt werden können, und auch seine Fortsetzung ist kein Selbstläufer.

Ehrlich währt am längsten

Auszeiten sind jedoch längst kein Karrierekiller mehr. „Wenn Sie es erklären können und wollen, ist es besser, als wenn Sie daraus ein Geheimnis machen“, sagt Jürgen Hesse von der Bewerbungs- und Karriereberatung Hesse/Schrader. Die Toleranz sei zudem branchenabhängig, in der Medizin etwa herrsche dafür weniger Verständnis als in der IT-Branche.

Ohnehin kommen Brüche in Lebensläufen heute häufiger vor als früher. In vielen Fällen stecken nachvollziehbare Gründe dahinter, etwa eine Elternzeit oder die Insolvenz eines Arbeitgebers. Selbstgewählte längere Auszeiten seien heutzutage vor allem in großen Unternehmen gut organisiert, berichtet Jutta Boenig, Karriere-Coach der Boenig-Beratung und Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung (DGfK). Für kleinere Betriebe sei der Kraftakt aufgrund begrenzter Ressourcen ungleich größer. Und auch bei Insolvenzen, Übernahmen oder Restrukturierungen sei es etwas schwieriger. „Wenn es einmal passiert, ist aber auch das kein Karrierekiller“, ist Boenig überzeugt. Arbeitgeber wüssten, dass es solche Organisationsentscheidungen gibt, und dass die Freistellung oft nichts mit der eigenen Arbeitseffizienz zu tun hat.

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Schwarz auf weiß
Dieser Bei­trag erschien zuerst in unserer Magazin­reihe „IT & Karriere“. Einen Über­blick mit Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Es sollte nur nicht der Eindruck entstehen, dass monatelang gar nichts passiert ist. Daher empfiehlt es sich, bei Bewerbungen ein wenig genauer über die gewählten Formulierungen nachzudenken. Elternzeit ist besser als Elternurlaub – wer Kinder hat, weiß, dass Urlaub in der Regel etwas anderes ist. Arbeitssuchend ist besser als arbeitslos, denn es betont die eigenen Anstrengungen in dieser Zeit. Wer längere Zeit ernsthaft krank war, hat wohl schon genug Gründe, sich nicht ganz auf der Höhe zu fühlen. Es gibt aber keinen, deswegen auch noch Gewissensbisse gegenüber dem (künftigen) Arbeitgeber zu bekommen. Welche Krankheit man hatte, geht ihn nichts an. „Ein Jahresaufenthalt in der Psychiatrie sollte und muss man dem Arbeitsplatzanbieter oder den Kollegen nicht unbedingt auf die Nase binden“, findet Hesse – in solchen Fällen könne eine Notlüge sinnvoll sein. In festen Arbeitsverhältnissen gibt es Wiedereingliederungsprogramme, freie Mitarbeiter oder Bewerber können die vollständige Genesung nach einer Krankheit zusammen mit der Lücke im Lebenslauf erwähnen. Ansonsten gilt jedoch: Lügen ist die denkbar schlechteste Alternative – und kann unter Umständen sogar ein Grund für eine fristlose Kündigung sein, wenn der Schwindel auffliegt.

Nobody is perfect

Insbesondere bei längeren Auszeiten sollte genau abgewogen werden, wie man mit ihnen umgeht. Ein Sabbatical im Ausland ist keine Sprachreise. Wer sie trotzdem als solche deklariert, kann damit auf die Nase fallen. Dennoch sind die wenigsten tatsächlich dauerhaft völlig untätig. Den Personaler interessiert vor allem, ob die Fähigkeiten den gesuchten Qualifikationen entsprechen, ob das Wissen auf dem aktuellen Stand ist, kurz: ob er in der Person das findet, wonach er sucht. Wer sich während einer Auszeit fortgebildet oder eine persönliche Weiterentwicklung vollzogen hat, sollte das unbedingt erwähnen. Es sind Qualitäten, die dem Unternehmen schließlich auch zugutekommen.

Und die harten Fälle, selbstverschuldete Fehltritte etwa? Sie gehören zum Leben dazu. Die Schuld auf andere zu schieben ist verlockend, aber nicht ratsam. Aufstehen, Krone richten, weitermachen: Aus Erfahrungen lernen zu können, zu seinem Handeln zu stehen, Verantwortung zu übernehmen – auch einem Fehler kann im Nachhinein meist etwas Positives abgewonnen werden. Einige Karriereberater empfehlen insbesondere bei mehreren Lücken, von der tabellarischen Form des Lebenslaufs abzuweichen und stattdessen ein Qualifikationsprofil anzulegen. Auf diese Weise springen den Verantwortlichen die Fähigkeiten eher ins Auge als längere Leerläufe. In Zeiten von CV-Parsing und Bewerbermanagementsystemen läuft man jedoch Gefahr, mit außergewöhnlichen Unterlagen schneller aus dem Raster der Software zu fallen.

Das kann sogar zu Lücken führen, die gar keine sind: 2016 untersuchte die Jobsuchmaschine Adzuna 2000 Lebensläufe. Knapp die Hälfte davon wies eine Lücke von mehr als sechs Monaten auf. Weitere Untersuchungen zeigten, dass in zahlreichen Fällen die Art der Formatierung das automatische Einlesen erschwerte oder unmöglich machte. Zu den häufigsten Fehlern zählten im Lebenslauf enthaltene Tabellen, die Verwendung von Grafiken zur Darstellung textlicher Inhalte und das Fehlen des Start- oder Enddatums beruflicher Stationen.

Karriereknick – und jetzt?

Karriereknicks im IT-Bereich sind schwer zu definieren, da die Aufstiegsmöglichkeiten sehr vielfältig und unterschiedlich sind. Darüber hinaus haben vor allem für jüngere Beschäftigte Prestige oder viel Geld zwar immer noch einen hohen Stellenwert, sie sind aber nicht mehr unbedingt das wichtigste Kriterium. Insofern stellt sich die Frage, ob ein vermeintlicher Karriereknick im Einzelfall nicht ein willkommener Anlass für eine Neuorientierung ist.

Trotzdem ärgert es einen, wenn die begehrte neue Stelle im Unternehmen an den Kollegen geht, obwohl man sich selbst für viel besser geeignet hält. In solchen Fällen ist es hilfreich, die Gründe für die Ausbootung zu kennen. Waren es fehlende Qualifikationen? Dann lohnt es sich, diese nachzuholen. Sie sind wahrscheinlich auch in anderen Unternehmen gefragt. Waren es persönliche Vorbehalte? Dann hilft kritisches Hinterfragen des eigenen Verhaltens, aber auch der anderen Beteiligten. Ist die Loyalität und Zufriedenheit mit dem bisherigen Arbeit- oder Auftraggeber groß, fällt vielleicht auch ein Rückschritt nicht schwer. Ansonsten ist es ein guter Zeitpunkt, sich neu aufzustellen. Freiberufler haben mit einem Richtungswechsel gewöhnlich weniger Probleme. Sie sind es gewohnt, nach neuen Projekten Ausschau zu halten, sich eher anders orientieren zu müssen als Festangestellte. Sie kennen ihren Marktwert und wissen, was und wer momentan auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist.

„Should I stay or should I go?“ – vielen bereitet eine solche Entscheidung Kopfzerbrechen. „Das Wichtigste ist sicherlich immer das Gefühl, das ich gegenüber meiner Arbeit, meinem Tun und dem Drumherum wie Menschen, Ort und Bedingungen habe“, hebt Jürgen Hesse hervor. Solche Kriterien gelte es zu benennen und ihre persönliche Wichtigkeit zu bestimmen. Hinzu kämen Eckdaten wie das Alter oder die Anzahl vorheriger Wechsel, die ebenfalls mit bedacht werden sollten.

Dabei ist eine Portion Pragmatismus angebracht. Menschlich verständlich, aber wenig zielführend ist, sich dauerhaft selbst Vorwürfe zu machen – ebenso, wie anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Wer die Zweifel zu stark an sich nagen lässt, raubt sich selbst die Energie für das, was kommt. Jutta Boenig warnt ohnehin davor, sich als Opfer zu stilisieren und zu stark von Emotionen leiten zu lassen: „Wenn die verpuffen, stehen viele vor einer Leere.“ Vor allem, wenn sich Ärger angestaut hat, dächten viele an das „weg von“ – aber wenige an das „hin zu“.

Wieder in die Erfolgsspur

So oder so: Es ist eine Herausforderung, nach einer freiwilligen oder erzwungenen Abzweigung wieder auf den geraden Karriereweg einzubiegen. Man selbst ist nicht mehr der oder die Alte, man muss neue Kontakte knüpfen und alte auffrischen. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, sich in neue Abläufe und Prozesse hineindenken zu müssen, umso größer, je länger man weg war. Eine gute Vorbereitung erhöht die Chancen für ein gelungenes Comeback enorm. Am Anfang sollte eine Bestandsaufnahme stehen, ein Ranking, was für einen persönlich am wichtigsten ist: „Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich?“, gibt die DGfK-Vorsitzende Boenig Beispiele. Dafür brauche es einen Sparringspartner, der einen kennt, aber den nötigen Abstand hat – etwa Karriereberater, einen alten Mentor oder Ex-Chef.

Es darf aber nicht aus den Augen verloren werden, welche Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind oder gefragt sein werden. Welche davon fehlen einem, welche beherrscht man bereits jetzt besser als viele andere? Welche Aspekte sind auf dem weiteren Berufsweg besonders wichtig, welche sind lediglich nice to have? Boenig verweist zudem darauf, dass sich Arbeit und Leben nicht voneinander trennen lassen. Viele versuchen es trotzdem – und scheitern daran, beide Planungen unter einen Hut zu bringen. Die Verbindungen zu Arbeit- oder Auftraggebern sowie der Branche, in der man arbeitet, sollten nie völlig abreißen. So bleibt man über wesentliche Veränderungen informiert und bringt sich gleichzeitig ins Gedächtnis. Je nach Grund für die Pause kann auch ein sanfter Neubeginn mit reduziertem Auftragsvolumen oder reduzierter Stundenzahl sinnvoll sein.

Ein Pauschalrezept gebe es allerdings nicht, unterstreicht Jürgen Hesse. Wichtig sei generell, den Wiedereinstieg oder den neuen Karriereabschnitt vorsichtig, Schritt für Schritt, anzugehen – und sich dabei nicht zu überfordern. „Ein ganz entscheidender Schlüssel sind dabei Vorgesetzte und Kollegen“, sagt Hesse. Sie sollten Vertrauen und Zutrauen zeigen – ebenso wie der Betroffene selbst, denn „Gespräche darüber sind nicht nur hilfreich, sondern unbedingt notwendig“. Es besteht kein Grund, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Ob man gestärkt aus der Pause zurückkommt oder eine schwere Zeit hinter sich gelassen hat: Gezwungenermaßen ist man sich über seine Fähigkeiten und seine Ziele bewusster geworden als mancher, der seine gewohnte Umgebung schon lange nicht mehr verlassen hat. Ein gesundes Selbstbewusstsein und das Wissen um die eigenen Stärken und Schwächen ist ein Vorteil.

Ich bin zurück – und stärker

Vermeintliche Makel im eigenen Berufsleben sind wortwörtlich Einstellungssache. Sie sind menschlich, manchmal unverschuldet, und sie sind nicht das Ende der Fahnenstange. Der Spaziergang um den Block, das Surfen im Internet, das Feierabendbier: Jeder weiß, wie wohltuend und produktivitätssteigernd kleine Fluchten sein können. Es hilft, sich Auszeiten, Rückschläge oder längere Pausen als ebensolche vorzustellen: Endlich hat man die Zeit und die Möglichkeit, seinem Leben eine neue Richtung zu geben – vielleicht die, die man sich immer schon erträumt hatte.

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