Konsortiale Software-Entwicklung, Teil 1

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Anwender im Verbund erfinden effizienter

flickr – mtcarlson

Von Sabine Philipp

Konsortiale Software-Entwicklung heißt, dass sich verschiedene Unternehmen zusammentun, um gemeinsam eine Open-Source-Lösung zu entwickeln. „Jeder Interessent kann kostenlos auf die Software zugreifen, sie für sein Unternehmen anpassen oder Dienstleistungen dazu anbieten“, erklärte Peter Herdt von der N-ERGIE Netz GmbH auf dem Presse-Roundtable, den der Heise-Verlag am 11. Dezember 2013 im Verlagsgebäude in Hannover zum Thema Konsortiale Softwareentwicklung hielt. Dass diese Art der Entwicklung immer populärer wird und langfristig den Markt entscheidend verändern wird, ist sich Richard Seibt von der Open Source Business Foundation (OSBF) sicher: „Die Anwender geben die Spezifikationen und Bedienungen vor, unter der eine Software weiterentwickelt werden soll. Die involvierten Softwarehersteller werden in der Folge ihr Geschäftsmodell vom Hersteller hin zu Dienstleistern ändern.“

Motivation zum Zusammenschluss

Was Unternehmen, dazu bewegt, offene IT im Verbund anzugehen, sind drei Kernargumente: Langzeitwartbarkeit, Sicherheit und die Verringerung von Abhängigkeiten. „Bei proprietärer Software sind Sie stark vom Hersteller abhängig“, erinnert Klaus-Rüdiger Hase, Leiter des europäischen ITEA2-Projektes openETCS bei der Deutschen Bahn (DB Netz AG). „Gerade bei sehr spezifischen Einsatzgebieten wie dem einheitlichen European Train Control System (ETCS), das in den kommenden Jahrzehnten die alten nationalen Signal- und Zugsicherungssysteme ablösen soll, sind die Entwicklungskosten sehr hoch, da es komplexer als die Altsysteme ist und den höchsten Sicherheitsanforderungen genügen muss. Es gibt nur wenige Anbieter, aber jeder hat sein eigenes Design mit eigener Software, obwohl die Funktionen absolut identisch sein müssen, um interoperabel zu sein. Wenn es den Hersteller nicht mehr gibt, stehen die Bahnen vor einem ernsten Problem.“ Ein einzelner Anbieter tue sich nach spätestens 15 Jahren in jedem Fall schwer, seine Altsoftware zu pflegen.

Dieses Problem tritt vor allem in Zusammenhang mit sehr langlebigen Gütern wie bahntechnischen Anlagen und Fahrzeugen auf. Daher wäre es sinnvoller, wenn möglichst alle Hersteller ein einheitliches ETCS-Softwarepaket in einem Konsortium entwickelten und dabei durch eine geeignete Open-Source-Lizensierung die Langzeitpflege nicht an einzelne Hersteller gebunden wäre, sondern dem Wettbewerb unterliegen könnte.

Serie: Konsortiale Software-Entwicklung
Teil 1 fragt, warum sich mehrere Player zusammentun, um gemeinsam eine Open-Source-Lösung zu entwickeln. Teil 2 untersucht, wie das Modell funktioniert und nennt die entscheidenden Erfolgsfaktoren. Ein Extrabeitrag gewichtet die Vor- und Nachteile konsortialer Software-Entwicklung.

Der promovierte Elektrotechniker erkennt außerdem einen Vorteil im Konsortium selbst; er sieht sie als komplexe Ökosysteme aus unterschiedlichsten Anwendern, die entsprechend unterschiedliche Erfahrungen mit einbringen. Während der langwierigen Migrationsphase entsteht mit ETCS und den vielen nationalen Systemen ein derart komplexes Gesamtsystem, das ein einzelner Entwickler kaum mehr überblickt. Klaus-Rüdiger Hase rechnet in seinem Fall längerfristig mit etwa einer Million Codezeilen mit höchsten Sicherheitsanforderungen, allein für ein ETCS-Bordgerät.

OpenUp Business Day
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Die Open Source Business Foundation (OSBF) verfolgt in dem COSAD-Projekt (Collaborative Open Source Application Development) das Ziel, neue Erkenntnisse und Möglichkeiten der konsortialen Erstellung von Softwaresystemen für die deutsche Wirtschaft einfacher nutzbar zu machen. Konsortiale Softwareentwicklung war daher ein Themenschwerpunkt des OpenUp Business Days am 14. Februar 2014 im Rahmen des Nürnberger OpenUp Camps, das einige interessante Vorhaben näher vorstellte:

Die N-ERGIE Netz GmbH hat mit weiteren Anwendern die Gründung eines Anwenderkonsortiums zur Entwicklung von Software für die Führung von Wasser-, Gas-, Fernwärme- und Stromnetzen initiiert. In dieser Branche stehen viele Unternehmen vor dem Problem einer über Jahre gewachsenen Systemlandschaft. Es gilt nun, die einzelnen, monolithischen Systeme mühsam mit Schnittstellen zu verbinden. Vor allem der Umstieg zu modularer Software erweist sich als schwierig. Hinzu kommen Abhängigkeiten von Lieferanten und die Zunahme immer neuer Vorgaben. Peter Herdt berichtete auf dem Open Business Day vom Stand des Projekts.

Die europäischen Bahnen stehen vor der Herausforderung, dass sie in den nächsten Jahren praktische alle Triebfahrzeuge mit ETCS ausrüsten müssen. Warum die Deutsche Bahn AG sich dafür entschieden hat, mit anderen europäischen Bahnen ein Anwenderkonsortium aufzubauen, das mit openETCS eine Referenzsoftware für ETCS-Bordgeräte entwickelt und dabei das Konzept von „Open Proofs“ erstmals gemeinschaftlich entwickelt und pflegt, legte Klaus-Rüdiger Hase dar. Die EU unterstützt die Schaffung dieses Verbunds unterschiedlicher Player mit dem ITEA2-Förderprogramm.

Ralph Müller sprach als Repräsentant der Ecilpse Foundation, einer Open Source Community der Software-Industrie, hinter der weltweit mehr als 200 Mitglieder stehen. Sie betreut konsortiale Softwareentwicklung und hat dazu bereits Methoden, Prozesse und Verfahren entwickelt. Die Foundation schätzt, dass mehr als 8 Mio. Entwickler weltweit die Eclipse-Plattform einsetzen.

Die PolarSys Working Group schließlich ist die Nachfolgerin von des Vorhabens TOPCASED. Ziel des Konsortiums ist die Schaffung und die Pflege von Open-Source-Tools für die Entwicklung von Embedded Systems.

Seeding ist Verzicht und Privileg

Um offenes Software-Entwicklungsvorhaben zu starten, benötigt das Konsortium als „Keim“ zuerst die Rechte an einem Stück Software, das es dann weiterentwickelt (man spricht daher von „Seeding“). „Entweder spendet eine Firma die Software oder man vereinbart mit dem Hersteller, dass er die Software und die zugehörige Dokumentation unter eine geeignete Open-Source-Lizenz stellt. Die DB hat sich für die European Union Public License (EUPL) entschieden, da sie mit europäischem Recht kompatibel ist“, erklärt Klaus-Rüdiger Hase von der Deutschen Bahn. „Dabei ist wichtig, dass der Code relativ schnell bereitsteht, dass eine Nutzenrechnung die Vorteile demonstriert und dass sich rasch eine Arbeitsgruppe gründet“, ergänzt Ralph Müller, Europa-Repräsentant der Eclipse Foundation. Ohne diese Grundlagen versande das Vorhaben allzu oft in langen Diskussionen.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Magazin zum Open Up Camp 2014. Einen Überblick mit Download-Links zu sämtlichen Einzelheften bekommen Sie online im Pressezentrum des MittelstandsWiki.

Damit die Offenlegung des Codes auch für das Seed-Unternehmen attraktiv ist, hat die Deutsche Bahn verschiedene Aufträge rund um ETCS zu einem Großauftrag gebündelt. Die Bedingungen: „Die Software, die heute noch proprietär lizensiert ist, muss ab einem bestimmten Stichtag unter die EUPL gestellt werden. Gleichzeitig musste der Hersteller ein Service Level Agreement für eine mindestens sechsjährige Laufzeit anbieten.“ Im Austausch gegen Offenheit und Dienstgütevereinbarung zeigte sich die Bahn im Preis beweglich: Der Anbieter durfte etwas teurer sein, da man vom Wettbewerb bei der Softwarepflege eine Kostensenkung erwartet. „Auch wenn es anfangs viele Zweifler gab, so lagen am Ende doch zwei von den drei gültigen Angeboten mit einer Open-Source-Lizenz vor“, erinnert sich der Bahnexperte. Aufseiten der Seed-Hersteller sieht die Logik so aus: „Der Anbieter, der den Zuschlag erhält, ist von Anfang an dabei. Er kennt das Produkt am besten, während sich Mitbewerber erst einarbeiten müssen.“

Zu den entscheidenden Sicherheitsaspekten von konsortialer Software-Entwicklung äußert sich Teil 2 dieser Serie, der abschließend die wichtigsten Erfolgsfaktoren zusammenfasst.

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