Open-Source-Start-ups

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Offenheit macht die Gründung einfacher

© Florian Strohmaier, MittelstandsWiki

Von Roland Freist

In früheren Zeiten entstanden neue Unternehmen häufig rund um eine Erfindung oder den Prototypen eines innovativen Produkts. Streng geschützt vor den Blicken potenzieller Konkurrenten setzten kleine Teams oder Einzelkämpfer in monate-, manchmal jahrelanger Arbeit ihre Ideen um, bevor sie damit an die Öffentlichkeit gingen. Die berühmten Garagenfirmen aus den Pionierzeiten der Computerindustrie, Hewlett-Packard, Apple oder Dell, sind eindrucksvolle Beispiele für Unternehmen, die einmal ganz klein angefangen und sich dann zu Weltkonzernen entwickelt haben.

In den vergangenen Jahren hat jedoch die Open-Source-Bewegung demonstriert, dass es auch anders geht. Linux etwa entstand, nachdem der finnische Student Linux Torvalds in einer Newsgroup bekannt gegeben hatte, dass er an einem neuen Betriebssystem arbeite, und anschließend die ersten Entwürfe unter einer freien Lizenz online stellte. Das System der Newsgroups ist mittlerweile veraltet, dafür jedoch haben sich im Internet zahlreiche neue Kommunikationskanäle entwickelt. Heute könnte Torvalds sein freies Betriebssystem auf Facebook oder Twitter ankündigen, in einem Blog die Hintergründe erläutern, über die bei Disqus gehostete Kommentarfunktion Anregungen einholen, ein Wiki für Anfragen und FAQs zur Verfügung stellen, Interessierte auf seine Website verweisen und die Versionsstände seiner Software über GitHub verwalten.

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Es gibt einen Bedarf nach Offenheit

Alle diese Kanäle sind entstanden, weil es in der Gesellschaft einen zunehmenden Bedarf nach Offenheit und Transparenz gibt, der auch in der Wirtschaft und speziell bei der Produktentwicklung spürbar ist. Hinzu kommen die Bereitschaft und der Wille auch hoch bezahlter Spezialisten, gemeinsam mit anderen an spannenden Projekten mitzuwirken. Dabei ist dann die häufig zitierte „Weisheit der vielen“, die sich etwa in Communities organisieren, häufig effektiver als das abgeschottete Team, das jahrelang im Verborgenen an seiner Erfindung arbeitet.

Moderne Start-ups profitieren jedoch nicht nur von den neuen Kommunikationswegen, sondern immer mehr auch von einer Infrastruktur, die ganz auf sie ausgerichtet ist. Coworking Spaces, die Freiberuflern und kleinen Firmen die benötigte Büroinfrastruktur bereitstellen, fertig konfigurierte Webshops, Software as a Service, Cloud-Speicher – Firmengründer haben heute eine große Auswahl an Angeboten, die flexibel mit den Unternehmen mitwachsen können. Am Anfang muss gar nicht mehr unbedingt ein vorzeigbares Produkt stehen. Es genügt oft eine Idee, die über die genannten Medien kommuniziert wird und Mitstreiter anzieht.

Auf diese Weise lässt sich auch längst nicht mehr nur Software entwickeln. Stichworte wie Open Hardware, Open Access oder Open Data zeigen, dass Offenheit, Transparenz und gleichberechtigte Zusammenarbeit mehr und mehr auch in anderen Branchen gefordert werden. Die Initiative geht dabei, je nach Projekt, ebenso oft von den Kunden aus, die in die Produktentwicklung involviert werden wollen, wie auch von den Mitarbeitern, die nach ihrem Selbstverständnis heute hierarchische Strukturen zumeist ablehnen und eine Zusammenarbeit in Teams gleichberechtigter Mitglieder bevorzugen.

Unternehmensgründung aus der Community

Aber auch die Prozesse bei der Gründung eines Unternehmens beginnen, sich zu verändern. Neue Geschäftsmodelle werden zunehmend nicht mehr von kleinen, verschworenen Zirkeln ausgeheckt. Stattdessen haben sich Strukturen entwickelt, die jungen Firmengründern dabei helfen, ihre Ideen und Vorstellungen zu präzisieren, und ihnen Wege und Möglichkeiten aufzeigen, wie daraus ein rentables Unternehmen entstehen könnte. In diesem Zusammenhang wurde der aus der Medizin entlehnte Begriff „Inkubator“ populär, der dort einen Brutkasten für Neugeborene bezeichnet. Inkubatoren für Firmengründungen sind beispielsweise die Startup Weekends, wie sie openBIT jedes Jahr in Nürnberg veranstaltet. Kreative, erfahrene Unternehmer, Wissenschaftler und Interessierte aus der IT- und Medienbranche setzen sich für ein Wochenende oder sogar für ganze fünf Tage zusammen, bilden Teams, diskutieren neue Geschäftsideen, gestalten Business-Pläne und stellen die Ergebnisse zum Abschluss in einer Präsentation vor. Ganz bewusst hat openBIT diese Veranstaltungen als Unkonferenzen deklariert, bei denen die Teilnehmer die Tagesordnung selbst festlegen und nach ihren Bedürfnissen und gemäß dem Fortschritt der Arbeit gestalten.

Ein erfolgreicher deutscher Start-up-Accelerator ist auch das Open Source Festival, das die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen jedes Jahr in Düsseldorf organisiert. Kreative Köpfe können sich dort um einen der Open Squares bewerben, eine Präsentationsfläche auf dem Festival, wo sie ihre Ideen und Produkte vorstellen.

Systematische Start-up-Beschleuniger

Doch Veranstaltungen für und mit Start-ups sind nur eine Möglichkeit, um die Firmengründerszene zu beleben. Welche anderen Formen von Inkubatoren es gibt, wie man sie organisiert und wie sich die Zusammenarbeit mit etablierten Unternehmen am effizientesten organisieren lässt, ist das Thema des gerade entstehenden PIE Cookbooks. PIE spielt mit dem englischen Wort für gedeckte Kuchen, steht hier aber für Portland Incubator Experiment, ein Projekt der Start-up-Szene der amerikanischen Stadt Portland mit der Werbeagentur Wieden+Kennedy. Aus einer Kickstarter-Kampagne ist mittlerweile ein GitHub-Projekt geworden, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine Anleitung für Start-up-Accelerators bzw. -Inkubatoren zu verfassen. Sie wird natürlich unter einer Open-Source-Lizenz stehen.

Und auch der Software-Riese Microsoft, der selbst einmal als ein kleines Start-up begonnen hat, kümmert sich jetzt verstärkt um die Förderung junger Firmengründer. In einem Blog-Beitrag hat das Unternehmen „33 Regeln erfolgreicher digitaler Pioniere“ zusammengestellt; dort heißt es bei Punkt 19: „Früher waren erfolgreiche Organisationen geschlossen und hierarchisch. Heute sind sie offen, transparent und kollaborativ.“

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