Open Journalism

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An diesen Beiträgen wirken die Leser mit

romas29

Von Roland Freist

„Be of the web, not just on the web“ – Emily Bell, die frühere Verantwortliche für digitale Inhalte bei der britischen Tageszeitung „The Guardian“, fasst mit diesem Satz den Grundgedanken von Open Journalism zusammen: Die traditionellen Medien sollten nicht versuchen, ihre Produktionsweisen und Inhalte auf das Internet zu übertragen, sondern stattdessen selbst ein Teil des Internets werden.

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In der Praxis bedeutet das in erster Linie, dass Artikel und Beiträge nicht mehr als abgeschlossene Arbeiten betrachtet werden, wie es bei Zeitungen und Zeitschriften, Radio und Fernsehen der Fall ist. Stattdessen sollte ein im Internet veröffentlichter Artikel als eine Art Work in Progress betrachtet werden, an dem die Leser mitarbeiten.

Mit Input aus dem Internet

Im Netz haben sich mit öffentlichen Foren, vor allem aber mit sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook neue Möglichkeiten entwickelt, sehr schnell auf Beiträge anderer Personen zu reagieren. Im Internet tätige Medien sollten das nutzen, nicht nur, um Beiträge durch zusätzliche Informationen immer noch ein Stück besser zu machen, sondern auch, um die Leser bewusst in den Produktionsprozess einzubinden. Melanie Sill von der Annenberg School for Communication and Journalism in Los Angeles erklärt, Open Journalism sei auf den Leser fokussiert und nicht auf das Produkt; sie hat dazu fünf Richtlinien formuliert, die festhalten, wie Open Journalism sein sollte.

  • Transparent: Die Macher stellen sich und ihre Arbeit vor und erklären, wie man ihre Artikel überprüfen kann.
  • Ansprechbar: Websites sollen Kommentare ermöglichen und dazu auch auffordern. Die Redaktion soll zeigen, dass sie großen Wert auf die Meinung ihrer Leser legt.
  • Verantwortungsbewusst: Wenn sich Leser an den Verantwortlichen eines Beitrags wenden wollen, sollte es ihnen möglichst einfach gemacht werden, einen Fehler zu melden oder einen Tipp zu geben.
  • Offen für Partizipation: Im Open Journalism ist für Journalisten, Quellen und Mitarbeiter die Mitwirkung der Leser ein integraler Teil ihrer täglichen Arbeit und kein lästiges Anhängsel, das man als User-generated Content irgendwo auf der Website versteckt.
  • Vernetzt: Open Journalism verlinkt nach außen. Er etabliert Journalisten als aktiv mitwirkende Elemente in einem Universum von gemeinsam genutzten Informationen.

Dank dem Wissen der vielen

Vieles, wenn nicht sogar alles, hängt bei Open Journalism von der Teilhabe der Leser ab. Der große Vorreiter des Konzepts ist der britische Guardian, der unter seinem Chefredakteur Alan Rusbridger eine „Online First“-Strategie entwickelte. Die Zeitung startete bereits im Jahr 2012 unter dem Titel „Open Journalism – How to get involved“ eine Kampagne, in der Rusbridger für das neue Konzept warb. Im Zuge dessen entstand auch ein Video, welches das populäre englische Märchen von den drei kleinen Schweinchen in heutige Social-Media-Zeiten überträgt und daran beispielhaft die Berichterstattung des Open Journalism demonstriert. Beim Festival der Werbefilmer in Cannes bekam die Zeitung dafür einen Löwen verliehen.

Wichtig ist, dass es nicht nur darum geht, unter den Artikeln im Web eine Kommentarfunktion einzurichten. Stattdessen muss sich der Journalismus verändern – hin zu einem gemeinsam mit den Lesern betriebenen Produktionsprozess, den man jedoch nicht mit einer Auslagerung der Recherche verwechseln darf. Ziel ist es, eine neue Form der Zusammenarbeit entstehen zu lassen: Die Leser reagieren auf Artikel und steuern eigenes Wissen und eigene Quellen bei, auf die die Redaktion verlinkt und wieder zum Ausgangspunkt für neue Geschichten macht. Beide Seiten profitieren davon, dass die Gesamtheit der Leser meist mehr weiß als die Journalisten bei der Zeitung. Um das zu erreichen, strebt der Guardian die Bildung einer unterstützenden Community an; die Zeitung selbst soll sich in eine Art soziales Netzwerk verwandeln.

Open Journalism funktioniert bereits

Alan Rusbridger nennt etliche Beispiele dafür, wie er sich das Konzept von Open Journalism in der Praxis vorstellt:

„Die Reiseredaktion sucht nach 1000 Leuten, die Berlin wie ihre Westentasche kennen. Das Umwelt-Team will den Umfang und die Relevanz ihres Materials verbessern und stärker in die Tiefe gehen. Die Auslandsredaktion will so viele arabische Stimmen wie möglich einspannen, um über den Arabischen Frühling zu berichten und ihn zu erklären.“

Er ist überzeugt: „What we can produce on our own is less good than what we can produce in combination with other people.“ Es geht aber nicht nur um Anregungen und um Input – der Guardian fordert seine Leser auch auf, seine Artikel in sozialen Netzwerken zu verlinken, er lädt sie im Rahmen des Open Weekend zu einem Besuch ein und bittet sie um die Einsendung von Fotos für sein Wochenendmagazin.

Selbst die ehrwürdige Londoner Times, die ansonsten von Offenheit nicht viel hält und alle ihre Online-Artikel mit Ausnahme einiger Anreißerzeilen hinter einer massiven Paywall versteckt, hat mittlerweile einige Elemente des Open Journalism übernommen. So führen ihre Journalisten bei Twitter Live-Chats mit den Lesern, zudem gibt es Aktionen, in denen die Zeitung z.B. um Mithilfe beim Markieren von Gefahrenstellen für Radfahrer auf einem Stadtplan bittet.

Und auch deutsche Medien setzen zumindest von Fall zu Fall auf das Wissen der Vielen: So bat die Zeit ihre Leser 2013 um anonyme Auskünfte zu den aktuellen Dispozinsen ihrer Bank, um auf diese Weise einen unabhängigen, landesweiten Überblick zu gewinnen.

Unentschieden im Geschäftsmodell

Bleibt die Frage, ob sich Open Journalism dazu eignet, die oft schlechte finanzielle Situation der Printmedien zu verbessern. In dieser Hinsicht ist der Guardian kein Vorbild: In der Berichtssaison 2010/11 schrieb er zusammen mit dem Schwesterblatt Observer Verluste von 43,8 Mio. £. Wie bei vielen anderen überregionalen Zeitungen auch gehen die Verkäufe des gedruckten Guardian seit Jahren zurück; sie lagen im März 2012 bei einer durchschnittlichen täglichen Verbreitung von rund 217.000 Exemplaren. 2005 waren es noch über 400.000 gewesen.

Die Website allerdings hat Erfolg: Im März 2014 meldete sie das erste Mal in ihrer Geschichte mehr als 100 Mio. Unique Visitors weltweit, was bei den englischsprachigen Zeitungsseiten nur noch vom Online-Auftritt der britischen Daily Mail übertroffen wird. Nimmt man auch nicht englischsprachige Zeitungen hinzu, wird die Rangfolge, wenig überraschend, von drei chinesischen Titeln angeführt, der Guardian kommt dann auf einen guten fünften Platz.

Dennoch muss die Zeitung durch andere Projekte des Eigentümers querfinanziert werden. Alan Rusbridger ist dennoch überzeugt, dass sich das Konzept von Open Journalism auf längere Sicht auch kommerziell auszahlen wird, und zwar auch ohne dass man mit einer Paywall zusätzliche Einnahmen generiert. Er setzt darauf, zunächst ein größeres Publikum anzusprechen und an sich zu binden und sich dann zu überlegen, wie man damit Gewinne machen könne. Damit hat er offenbar auch die Eigentümer überzeugt – 2016 soll Rusbridger neuer Geschäftsführer des Scott Trusts werden, des Unternehmens, dem die Zeitung gehört.

Fazit: Alles offen, offen für alles

Es wird spannend sein zu beobachten, ob und wie sich die Zeitungslandschaft im Web durch Open Journalism verändert, vor allem in Hinsicht darauf, dass jüngere Journalisten nachrücken werden, die mit dem Web und seinen Möglichkeiten der einfachen Interaktion aufgewachsen sind. Denn eines darf man bei all den Überlegungen zur Zukunft des Journalismus nicht vergessen: Ohne Beschäftigte, die hinter der Idee und auch der Arbeitsweise von Open Journalism stehen, lässt sich ein solches Konzept nicht umsetzen.

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