Vom Studienabbrecher zum Fachinformatiker

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Diesmal ist es mir ernst

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Von Sabine Philipp

Der Papierstapel auf seinem Schreibtisch wird immer größer. Günter Breuninger von der Abteilung Personal & Recruiting des Unternehmernetzwerks CyberForum e.V. kann beim besten Willen nicht jede Anfrage der vielen interessierten Firmen aus der Region Karlsruhe beantworten. Sie alle würden gerne männliche oder weibliche Studienabbrecher zum Fachinformatiker, Mediengestalter oder zum Kaufmann bzw. zur Kauffrau für Marketing-Kommunikation ausbilden. „Insofern könnten wir durchaus noch mehr Bewerbungen und Anfragen von Studienabbrechern gebrauchen“, bemerkt der Diplom-Verwaltungswirt mit einem Augenzwinkern.

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Breuninger ist Projektkoordinator von Finish IT 2.0 – Studienabbrecher/innen als Fachkräfte in der IT, einem CyberForum-Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Europäischen Sozialfonds im Rahmen des bundesweiten Jobstarter-Programms gefördert wird. In vielen Einzelgesprächen versucht Breuninger, gemeinsam mit den jungen Leuten herauszufinden, wo ihre Stärken und Interessen liegen und wo es für sie Karriereoptionen geben könnte. Anschließend durchsucht er seine Kartei danach, welche Ausbildungsbetriebe am besten zu dem Anwärter passen und leitet dann die Bewerbung weiter. Für Studienabbrecherinnen und -abbrecher ist der Service kostenlos.

Jobstarter (Bild: BIBB)

Gezielter Kurswechsel
Beim Jobstarter-Programm handelt es sich um eine Initiative des Bundesinstituts für Berufsbildung, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Erklärtes Ziel ist es zum einen, jungen Bewerbern die Chancen aufzuzeigen, die eine duale Berufsausbildung bietet, zum anderen, den Unternehmen das Potenzial der Berufseinsteiger zu erschließen und motivierten Fachkräftenachwuchs zu gewinnen.

Als Jobstarter plus läuft seit Anfang 2015 eine Reihe von Projekten, die interessierte Studienaussteigerinnen und -aussteiger mit geeigneten mittelständischen Unternehmen zusammenbringen wollen. Für die Bewerber eröffnet sich so die Möglichkeit, berufliche Chancen zu entdecken, die besser zu ihnen passen und letztlich mehr Erfolg versprechen als akademische Karrierewege. Eine bundesweite Übersicht über die einzelnen Initiativen gibt es auf www.jobstarter.de.

Ausbildung für Quereinsteiger

Breuninger und seine Kollegen stellen aber nicht nur den Erstkontakt zwischen Bewerbern und Unternehmen her, sie arbeiten auch sehr eng mit den regionalen Hochschulen, Fachverbänden, Kammern, Bildungsanbietern und der Agentur für Arbeit zusammen, um die duale Ausbildung für Studienabbrecher noch attraktiver zu machen. So gibt es etwa auf Anregung und Initiative von Finish IT 2.0 ab September 2016 in Karlsruhe separate Berufsschulklassen für Studienabbrecher. Sie sollen die jungen Leute bereits nach 18 Monaten zum Abschluss als Fachinformatiker oder IT-Systemkaufmann führen, denn „für Studienabbrecher besteht die Möglichkeit, die Ausbildungszeit zu verkürzen.“ Regulär werden eigentlich 36 Monate für die Ausbildung veranschlagt, doch wenn zum Beispiel ein Abitur oder Fachabitur vorhanden ist, ließen sich dafür bis zu zwölf Monate anrechnen. Und auch die bereits erworbenen Kenntnisse sollen nicht ungenutzt bleiben. „Oft ist es auch so, dass Studienleistungen anerkannt werden. Die genauen Details müssen aber im Einzelfall abgeklärt werden“, erläutert Breuninger.

Der Vermittler kann bereits auf einige Erfolge zurückblicken: „Seit März 2015 haben uns etwa 200 Studienabbrecher kontaktiert. Da waren natürlich auch einige überregionale Anfragen dabei, denen wir mit allgemeinen Infos zur Ausbildung oft schon weiterhelfen konnten. 22 Studienabbrecher haben über uns in den letzten zehn Monaten einen Ausbildungsplatz erhalten.“

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Magazinreihe. Einen Überblick mit Download-Links zu sämtlichen Einzelheften bekommen Sie online im Pressezentrum des MittelstandsWiki.

Das Spektrum der Ausbildungsbetriebe ist breit und reicht laut Breuninger von Web- und Medienagenturen über klassische Software-Entwicklungs- und IT-Consulting-Firmen bis hin zu Ingenieurdienstleistern und Verwaltungen. Günter Breuninger ergänzt: „Bemerkenswert ist, dass einige Unternehmen so gute Erfahrungen mit Studienabbrechern gemacht haben, dass sie bereits mehrere Kandidaten eingestellt haben. Und alle haben die Perspektive auf Übernahme nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung.“

Aufstiegschancen für Umsteiger

Der Bedarf ist unbestreitbar vorhanden – und nicht nur in den einschlägigen IT-Branchen. Doch die herkömmlichen Bildungsschmieden liefern dafür nicht genügend Personal. Die aktuelle Studie „IT-Berufe und IT-Kompetenzen in der Industrie 4.0“ des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) kommt zu dem Fazit, dass das Berufsfeld der IT-Kernberufe, wozu vor allem Datenverarbeitungsfachleute, Informatiker und Software-Entwickler gehören, selbst nicht ausreichend Fachkräfte hervorbringt, sondern vielmehr von einem starken Zustrom an Erwerbstätigen aus artverwandten Berufsfeldern profitiert. Deshalb sollen fundierte Fortbildung und eine Weiterentwicklung der Ausbildungsmodelle dazu beitragen, den gestiegenen Anforderungen, die mit der Industrie 4.0 einhergehen, zu begegnen.

Viele Firmen erkennen durchaus das Potenzial von jungen Leuten, die mit dem akademischen Angebot nicht so gut zurechtkommen. „Studienabbrecher sind bei den Unternehmen sehr gefragt, weil sie schon Lebenserfahrung haben und ein gewisses Vorwissen mitbringen“, erklärt Breuninger. Ein gutes Beispiel dafür bietet der Hannoveraner Automobilzulieferer Continental, der neuerdings verstärkt um diese Gruppe wirbt. Unter dem Motto „Vom Umsteiger zum Aufsteiger“ möchte der Konzern gezielt Nachwuchskräfte ansprechen, die in der Hochschule ihre Fähigkeiten und Interessen zu wenig oder gar nicht gefordert sehen und ihre Chancen in einer praktischen Berufsausbildung suchen. Geboten wird ihnen eine Ausbildung zum Automotive-Software-Entwickler. Continental zufolge orientiert sich dieser Bildungsweg am Profil des mathematisch-technischen Software-Entwicklers (MATSE), der um spezielle Schulungen in den Bereichen Hardware-nahe Software-Entwicklung und Elektronik ergänzt wurde, da diese bei dem Unternehmen stark im Fokus stehen. Am Ausbildungsende erwartet sie dann ein IHK-Abschluss als MATSE und ein Abschlusszeugnis der Berufsschule.

Fazit: Rechtzeitig neu durchstarten

Continental nimmt hier eine Vorreiterrolle ein. Doch das Unternehmen ist beileibe kein Einzelfall. Sowohl im Handwerk als auch in Industrie und Handel werden Studienabbrecherinnen und -abbrecher als neue Zielgruppe umworben. Wer beispielsweise auf Xing im Jobsuchfeld die Stichwörter „Ausbildung“, „Studienabbrecher“ und „Fachinformatiker“ eingibt, bekommt auf Knopfdruck gleich eine Handvoll Firmen aufgelistet, die genau nach dieser Personengruppe suchen.

Wem aber der direkte Weg zu heikel erscheint, der kann sich an Initiativen wie Finish IT 2.0 wenden. Sie erleichtern den Einstieg in eine praktische Berufsausbildung, beraten und begleiten ihre Kandidaten und sorgen für den Erstkontakt zum Ausbildungsbetrieb. Manchmal kann es mit der Vermittlung sogar überraschend schnell gehen. So berichtet Günter Breuninger von einem ehemaligen Schützling, der ihn erst kürzlich besuchte, um sich bei ihm zu bedanken. „Wir hatten damals im Gespräch sehr schnell seine Begabung entdeckt und seine Bewerbung weitergeleitet. Nach wenigen Tagen hatte er fünf Einladungen zu Bewerbungsgesprächen. Die verliefen alle sehr erfolgreich. Schließlich konnte er sich dann seinen Ausbildungsplatz aussuchen.“

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