Konjunkturaufschwung polarisiert den Osten

Der Aufschwung birgt auch sozialen Sprengstoff. So verschärft er in Ostdeutschland derzeit den Gegensatz zwischen wenigen Wachstumszentren und ausgedehnten demographischen Schrumpfungsräumen. Das verdeutlichen aktuelle Karten des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL), die jetzt in der Online-Zeitschrift Nationalatlas aktuell erschienen sind. Danach profitieren einige wenige Wirtschaftszentren zunehmend vom Zuzug vor allem jüngerer Altersgruppen.

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Große Teile Ostdeutschlands leiden indes nach wie vor unter der Abwanderung ihrer Einwohner nach Westen – und zunehmend auch in die ostdeutschen Wachstumszentren.

Das Nebeneinander von Schrumpfung und Wachstum in Ostdeutschland resultiert nur in geringem Maß aus der natürlichen Bevölkerungsentwicklung. Als Hauptursache für die wachsenden regionalen Gegensätze haben die IfL-Experten regional unterschiedlich verlaufende Wanderungsbewegungen identifiziert: Während große Teile Ostdeutschlands aufgrund des Beschäftigtenabbaus von starker Abwanderung geprägt sind, können einzelne größere Städte dank ihres positiven Images und ihrer relativen Arbeits- und Ausbildungsplatzattraktivität Wanderungsgewinne verzeichnen.

Auch innerhalb der Wachstumsräume hat sich ein Wandel vollzogen: In Dresden, Leipzig, Rostock sowie in den thüringischen Städten Jena, Weimar und Erfurt ist die Suburbanisierung (Abwanderung aus den Innenstädten in Vorstädte) fast vollständig zum Erliegen gekommen. Stattdessen nimmt dort in den Kernstädten die Bevölkerung wieder zu, und zwar durch verstärkte Zuwanderung aus dem eigenen Bundesland beziehungsweise aus anderen Teilen Ostdeutschlands. Nur in Berlin ist eine Trendumkehr von der Suburbanisierung zur Reurbanisierung gegenwärtig noch nicht zu beobachten.

In der Mehrzahl sind es junge Bildungswanderer und Berufseinsteiger, die es in die Stadt zieht. Dadurch wird in den Kernstädten die beschleunigte demographische Alterung der Bevölkerung wesentlich abgedämpft. „Sollte sich dieser Trend fortsetzen, werden die Wachstumsräume sich zukünftig noch stärker aus der stark alternden Schrumpfungslandschaft Ostdeutschlands hervorheben“, prognostiziert Günter Herfert vom Leibniz-Institut für Länderkunde.

In den stark schrumpfenden Räumen wird sich dagegen der demographische Negativtrend fortsetzen und wahrscheinlich sogar verstärken. Hieran wird nach Auffassung der IfL-Wissenschaftler auch der aktuelle Konjunkturaufschwung in Deutschland nichts ändern: Von ihm profitierten vor allem die Wachstumsinseln, die stark schrumpfenden Regionen erreiche der Beschäftigtenzuwachs nicht. In vielen ostdeutschen Kleinstädten sei der Leidensdruck der Bevölkerung inzwischen so hoch, dass neben den jungen Mobilen auch Familien mittlerer und höherer Altersgruppen wegziehen.

Die aktuellen Karten mit den Wanderungswerten stehen online zur Verfügung.

(idw/ml)