Citymaut für Deutschland wenig geeignet

Immer häufigere Verkehrsstaus und Überschreitungen der Feinstaubgrenzwerte heizen in Deutschlands Großstädten den Ruf nach verkehrspolitischen Regulierungsmaßnahmen an. Ein mögliches Verfahren ist die Citymaut. Als Beispiel für eine erfolgreiche Umsetzung wird von Umweltschützern gerne London genannt. Nach Meinung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) taugt aber gerade die britische Metropole kaum als Vorbild. Institutsexperte Thomas Puls nahm das Londoner Modell genauer unter die Lupe. Sein Fazit: Für Deutschlands Metropolen könnte so eine Lösung schnell zum Verlustgeschäft werden.

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Die von der EU vorgegebenen Feinstaubgrenzwerte wurden 2006 und 2007 vielerorts zu oft überschritten. Berlin, Köln und Hannover haben deshalb Umweltzonen eingerichtet. Weitere Städte, wie München, wollen nachziehen. Die damit verbundenen komplizierten Regelungen über Plaketten schrecken aber Touristen und Besucher von außerhalb ab. Umweltzonen schaden damit dem Handel und der Wirtschaft einer Stadt. Hier bietet die Citymaut ein deutlich einfacheres Verfahren, die Verkehrsdichte zu reduzieren. Ist es deshalb auch ein sinnvolles?

Die Londoner nennen ihre Maut „Congestion Charge“ (Staugebühr). Diese gilt für knapp 3% des städtischen Gebiets. Für jedes Auto, das werktags zwischen 7 und 18 Uhr in der Mautzone erfasst wird, zahlt der Halter des Fahrzeugs umgerechnet knapp 12 Euro und erwirbt damit eine Tageskarte. Unter Experten heißt ein solches Modell „Area License System“ (ALS). Diese Maut gibt es bereits seit fünf Jahren. Gerade deshalb aber sind die Erfahrungen mit ihr wenig ermunternd:

  • Bei der Einführung der Gebühr 2003 blieben in der ersten Zeit 28% Autofahrer weg und
  • die zahlungsbereiten Autos hatten zwar freiere Fahrt, aber der Effekt ließ schnell nach.
  • Eine Mauterhöhung um 60% zwei Jahre später brachte nur noch wenig Besserung.
  • Auch der Umwelteffekt war gering: Die in der Innenstadt messbare Belastung mit Feinstaub und Stickoxiden blieb fast konstant. (Abhilfe soll nun eine zusätzliche Umweltzone mit happigen Gebühren für Lkws von bis zu 200 Pfund schaffen.)
  • Trotz simplem Verfahren verschlingt Londons Mautsystem mehr als 40% der Mauteinnahmen an Betriebs- und Verwaltungskosten.

IW-Experte Thomas Puls warnt deshalb davor, dass geografisch weniger leicht zu kontrollierende Städte, oder solche mit geringerer Attraktivität – wie selbst die größten deutschen Städte Berlin, Hamburg und München – durch eine Maut auch schnell in die roten Zahlen rutschen könnten. Außerdem gibt er zu bedenken, dass alle deutschen Städte noch weit von der Belastung entfernt sind, die London veranlassten, die Maut einzuführen. Die innerstädtische Durchschnittsgeschwindigkeit in Hamburg liege zum Beispiel bei 29 Kilometern pro Stunde – in London ging es vor der Mauteinführung nicht einmal halb so schnell voran. (IW/ml)